Umerziehung

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Dem Wort Umerziehung haftet ein schlechter Beigeschmack an, denn es erinnert beispielsweise an die Umerziehungslager im totalitären China. Deshalb löst die Bezeichnung "Umerziehung" in Hinsicht auf die von den Alliierten nach dem Sieg über den Nationalsozialismus 1945 ff. ergriffenen Maßnahmen zur Einstellungsänderung bzw. zum Mentalitätswandel der Deutschen falsche und unangebrachte Assoziationen aus.

Als Übersetzung des englischen Begriffs "re-education" (also: Wieder-Erziehung), den die amerikanischen und britischen Besatzungsbehörden verwendeten und der später durch das noch rücksichtvollere "re-orientation" (also: Wieder-Orientierung) ersetzt wurde, kann "Umerziehung" nur als höchst unglücklich gewählt bezeichnet werden. Diesen Umstand machen sich von jeher Rechtsextremisten zunutze, die diese damals so dringend notwendigen Reformvorhaben in den Bereichen Kultur, Medien und Bildung bis heute als eine Art geistige Vergewaltigung diffamieren. Das ist denn auch eines der Lieblingsthemen des Vorsitzenden der rechtsextremen DVU (siehe: Parteien, rechtsextreme), Dr. Gerhard Frey, der sich in Vorträgen und in der "National-Zeitung" vor allem gegen die Westmächte wendet, weil diese die Bundesrepublik überfremdet und "amerikanisiert" hätten, während die Deutschen in der DDR authentischer geblieben seien.

Tatsächlich unterschieden sich die im weitgesteckten Rahmen der gemeinsamen alliierten "Richtlinie" ergriffenen Maßnahmen erheblich zwischen den drei westlichen (der amerikanischen, britischen und französischen) und der östlichen, sowjetisch verwalteten Besatzungszone. Hier ging man von einem totalen Gegensatz zwischen Nationalsozialismus und sowjetischem Sozialismus aus, was in der Praxis dazu führte, dass jeder, der keine Spitzenposition im NS-Regime bekleidet hatte und der am Aufbau des Sozialismus nach sowjetischem Vorbild mitarbeitete, sich quasi automatisch rehabilitierte.

Die Lehrerschaft immerhin wurde "erneuert", also ersetzt oder in vier- bis achtmonatigen Kursen mit der neuen Linie vertraut gemacht. Tiefergehende Einstellungsveränderungen im Alltagsbewusstsein aber wurden nicht als nötig angesehen, ganz wichtige Grundbestandteile deutscher autoritärer Tradition blieben relativ bruchlos in Kraft wie: Antiamerikanismus, Kulturnationalismus (vgl. Nationalismus), Antizionismus (vgl. Zionismus), Anti-Individualismus, Bürokratismus und Staatshörigkeit.

Ganz anders verlief die "re-education" in den drei westlichen Besatzungszonen. Vor allem Briten und Amerikaner sahen Autoritätshörigkeit als zentrales Problem der Mentalität und des bisherigen politischen Lebens in Deutschland an. Dezentralisierung des Staates und Stärkung des Einzelindividuums waren deshalb die gemeinsamen Leitlinien aller drei westlichen Besatzungsmächte. Zunächst aber wurden die Deutschen mit den von ihrem untergegangenen Staat begangenen Verbrechen gegen die Menschheit (Holocaust, Shoa) konfrontiert: Nicht nur wurden die Bürger Weimars aufgefordert, das von der US-Armee befreite und vor den Toren der Stadt gelegene KZ Buchenwald besuchen; das Ansehen von Filmen über die nahezu unfasslichen Zustände in den von den Siegern vorgefundenen Konzentrationslagern war in den westlichen Zonen obligatorisch.

Gleichzeitig machten die westlichen Besatzungsmächte die Deutschen wieder mit der eigenen Kultur vertraut, den gewichtigen deutschen Beiträgen zur Moderne beispielsweise, die die Nationalsozialisten als "zersetzende Literatur" verbrannt oder als "entartete Kunst" verfemt hatten. Auch sorgten die britischen "Brücken"-Häuser oder die Amerika-Häuser mit ihren Bibliotheken und Veranstaltungen dafür, dass zumindest Westdeutschland aus seiner vom Nationalsozialismus verursachten kulturellen Isolation herausfand.

In der französischen Besatzungszone versuchte man zunächst, das Bildungssystem an französischen Maßstäben zu orientieren, einigte sich dann aber mit Großbritanien und den USA auf gemeinsame Vorgaben für die Medien- und Bildungslandschaft der 1948 aus den drei westlichen Besatzungszonen entstehenden Bundesrepublik. Die Kulturhoheit der einzelnen Länder, häufig auch die Lernmittelfreiheit und die Schülermitverwaltung sowie die Unabhängigkeit der Universitäten sind bleibende Bestandteile der "re-orientation" in der Bildungspolitik.

Für den Rundfunk sollte die britische BBC als Modell dienen, die zwar öffentlich finanziert wird, aber dezentral organisiert und Unabhängigkeit gegenüber staatlichen Weisungen wahrt. In Deutschland entstand so das System der in der ARD organisierten öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten.

Bereits früh begannen die Besatzungsbehörden Lizenzen auszugeben für die Publikation von Zeitungen. Zensur wurde insbesondere in der amerikanischen Zone wenig ausgeübt, vielmehr ging es darum, demokratischen Journalismus, politische Meinungsvielfalt, die Trennung von Nachricht und Meinung sowie eine möglichst objektive Berichterstattung an die Stelle des Verlautbarungs- und Propagandajournalismus zu setzen. Die "Lizenzzeitungen" jener Jahre wie die "Süddeutsche Zeitung" oder "Die Zeit" gehören heute noch zu den führenden Presseorganen in der Bundesrepublik.

Dessen ungeachtet gehört die angebliche "Umerziehung" durch die alliierten Sieger nach 1945 zu jenen zentralen Themen, auf das sich Rechtsextremisten quer durch alle Lager einigen können, seien es Neue Rechte, Revisionisten oder Neonazis. Stets zielt in ihrem Gebrauch der Begriff "Umerziehung" auf die angebliche Zerstörung deutscher Identität durch "die sogenannte Vergangenheitsbewältigung, das heißt, die bewußte Fälschung, Falschinterpretation, Verzerrung und einseitige Darstellung der deutschen Geschichte und somit die Vernichtung der Fruchtbarkeit des Wurzelgrundes jeder deutschen politischen, kulturellen und ethnischen Identität", wie es bspw. der im März 2007 u. a. wegen Volksverhetzung (§ 130 StGB) verurteilte Holocaustleugner Germar Rudolf formulierte (G. Rudolf: Kardinalfragen an die deutschen Politiker. Aufforderung zur Wiederherstellung der Menschenrechte in Deutschland. Hastings 2005. S. 417f.)

An anderer Stelle spricht er von einem "von außen induzierten Völkerselbstmord des deutschen Volkes" (S. 420). Spätestens an solchen Passagen wird der verschwörungstheoretische und in seiner holocaustleugnenden Dimension mithin antisemitische Charakter des Begriffes deutlich.