Dialog aus Lesung und Gespräch

„Ein Übermaß an Glück und Leiden“
Die Begleitveranstaltung zur Ausstellung

Ein Titel für die Begleitveranstaltung zur Ausstellung „Vom Sehen und Leben“, der nicht hätte passender sein können und gleichzeitig die eigene Lebensauffassung Gertrude Sandmanns war. Spannend, berührend, nicht sentimental, sondern durch und durch kraftvoll. So könnte man Leben und Werk der Künstlerin beschreiben.

Ein moderiertes, offenes Gespräch mit Experten bot die Plattform, um Gertrude Sandmann als Künstlerin und Zeitzeugin zu entdecken. Zu Gast waren Dr. Anna Havemann, Kunsthistorikerin und Kuratorin der Ausstellung, sowie die Leiterin der Berliner Gedenkstätte „Stille Helden“, Dr. Claudia Schoppmann und Sonja Hain, Zeitzeugin und enge Bekannte Gertrude Sandmanns. Moderiert wurde das Gespräch von der Journalistin Katja Tichomirowa. Besondere Augenblicke ergaben sich durch die von der Schauspielerin Mariah Friedrich gelesenen Tagebuchauszüge Sandmanns.

Ein Dialog aus Lesung und Gespräch entstand.

Nicht nur die Tagebuchaufzeichnungen gaben dem Publikum die Möglichkeit, die Künstlerin unmittelbar zu erfahren. Auch Sonja Hain schaffte es, die Zuhörer mit ihren authentischen Ausführungen in ihren Bann zu ziehen. Als Tochter des Ehepaares Großmann, die Gertrude Sandmann während der Zeit der Judenverfolgung bei sich zu Hause in Berlin-Treptow versteckten, konnte sie viele bewegende Erlebnisse mit Gertrude Sandmann in Erinnerung rufen.

Wie einschneidend und prägend das Zusammenleben mit Gertrude Sandmann für Sonja Hain war, ließ sich so sehr gut erahnen: Die jüdische und lesbische Künstlerin kämpfte Zeit ihres Lebens um ihr Recht auf künstlerisches Schaffen, ihr Recht auf freies Leben und auf gelebte Liebe. Sie hielt stets an der Kunst fest. Zeit mit einer so starken und intelligenten Frau wie Gertrude Sandmann erleben zu dürfen, stellte für Sonja Hain auf gewisse Art auch ein großes Glück dar. Auch wenn die Umstände alles andere als erträglich waren. Der geistige Austausch mit der Künstlerin war inspirierend und fesselnd zugleich für das junge Mädchen, das Sonja Hain damals noch war.

Als Jüdin im Untergrund musste Gertrude Sandmann ständig mit der Angst leben, entdeckt zu werden. Wie schwierig und kräftezehrend eine solche Situation für die sogenannten „U-Boote“ war, machte Dr. Claudia Schoppmann am Beispiel Sandmanns deutlich. Das Lesbischsein der Künstlerin spielte dabei, wie vermutet, keine so bedeutende Rolle, obgleich bei Männern im Dritten Reich, egal ob jüdischer Herkunft oder nicht, ganz gezielt versucht wurde, Homosexualität auszumerzen.

Ihre Liebe zu Frauen spiegelte sich vielmehr in der Kunst und im politischen Engagement Gertrude Sandmanns wieder. Auffallend oft thematisierte die Künstlerin den weiblichen Körper in ihren Arbeiten, denn Frauen standen ihr einfach näher. Und ihre Beziehung zu ihnen fand somit ganz natürlich Ausdruck in der Kunst Sandmanns. Viel auschlaggebender war für Dr. Anna Havemann jedoch, wie vielfältig und berührend die Künstlerin ihre Motive umsetzte. Dies sollte auch die Ausstellung transportieren:

Gertrude Sandmann ging es darum, die Schönheit der einfachen Dinge zu sehen und mit ihrer Kunst aufzuzeigen. Diesen Blickwinkel zu entdecken und ihr Leben und Werk mit Hilfe von Zeitzeugen aus Sicht der Künstlerin selbst nachzuempfinden und zu spüren – das ist, was die Ausstellung zu vermitteln vermochte. Das Vermächtnis Gertrude Sandmanns, unauslöschlich, lebendig, spannend wie die Künstlerin selbst.

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