Leichte Sprache

Das Re-education-Programm wird gestartet

1945 waren die Alliierten nicht als Befreier nach Deutschland gekommen, sondern als Sieger in einem Krieg, mit dem die Deutschen Europa und Teile der Welt überzogen hatten. Nach den militärischen und politischen Maßnahmen zur endgültigen Niederwerfung des Nationalsozialismus und der Institutionen des Dritten Reiches galt es, den Deutschen vor Augen zu führen, was sie getan und in ihrem Namen zugelassen hatten.

Das war umso schwieriger, als sie die Gewaltherrschaft nicht selbst abgeworfen, sondern ihr, im Gegenteil, bis fünf nach zwölf die Treue gehalten hatten. Es war anzunehmen, dass sie weder begriffen, was sie der Welt, noch was sie sich selbst angetan hatten: Vorbereitung und Führung eines Angriffskrieges, Kriegsverbrechen, Völkermord, Massenmord, Rassenverfolgung, Vertreibung und Vernichtung der deutschen und europäischen Juden, Verfolgung und Vernichtung der politischen Gegner und Andersdenkender. So wenig es eine Kollektivschuld gab, so wenig war die Frage nach der Schuld eines jeden Einzelnen abzuweisen. Entnazifizierung war die unabdingbare Voraussetzung dafür, um die Deutschen zur Zivilgesellschaft und in die Gemeinschaft der freien Völker zurückzuführen und zum Verständnis dessen zu bringen, was diese einte: Demokratie.

Die vier alliierten Mächte – Sowjetunion, USA, Großbritannien und Frankreich, das nach der Potsdamer Konferenz hinzugezogen worden war - hatten Deutschland besetzt und es in vier Zonen aufgeteilt. Die Hauptziele ihres Handelns waren im Potsdamer Abkommen festgehalten. Sie waren sich einig darin, Nationalsozialismus und Militarismus zu zerstören und Deutschland am wirtschaftlichen Wiederaufstieg zu hindern. Dem entsprach, was die Amerikaner die drei „D“ nannten: Denazifizierung, Demilitarisierung, Deindustrialisierung. Dem sollte die Demokratisierung der Gesellschaft folgen. Ausführung und Auslegung der Potsdamer Beschlüsse oblag den Besatzungsmächten im Rahmen ihrer Zone gemäß den Festlegungen ihrer Regierungen und des Alliierten Kontrollrats in Deutschland (bis Frühjahr 1948).

Die drei „D“ konnten über Befehle und Anordnungen vorgeschrieben, durchgeführt und kontrolliert werden, so schwierig und aufwendig und nicht unumstritten die Verfahren im einzelnen waren. Mit der Demokratisierung war das schwieriger. Die konnte nicht befohlen und vollzogen werden, ganz davon zu schweigen, dass jede Besatzungsmacht auf andere nationale Muster und Vorstellungen von Demokratie zurückgriff. Was lag in der Macht der Besatzungsmacht, was in der Hand der Deutschen selbst?

Die Amerikaner nannten ihr Programm dafür Re-education. Das wird allgemein als Umerziehung übersetzt und verstanden, war aber nach amerikanischem Verständnis ein Programm zur Rückführung (Re-) der Deutschen zur Demokratie. Dessen erste, punitive Phase (1945-1946) hieß für sie: Nachsitzen und Strafarbeit machen. 

Nachsitzen und Strafarbeit: Schuld und Sühne

Das amerikanische Attest über den Zustand der Deutschen und die Zukunftsaussichten sah verheerend aus.

Es hat ungefähr 400 Jahre gedauert, die Deutschen in ihren gegenwärtigen Geisteszustand zu bringen; und niemand weiß, wie lange es brauchen wird, sie aus diesem Zustand wieder herauszubringen.“
(Taylor 1945, in: Dahrendorf 1968, S. 37 *)

Siegfried Kracauer sekundierte:

Jede wirksame Mobilisierung des deutschen Anstands muß mit einem Wechsel von Denkgewohnheiten, die Jahrhunderte alt sind, einhergehen.“
(Kracauer 1949 *)

Lief, was da passiert war, auf einen genetischen Defekt dieses Kulturvolkes in der Mitte Europas hinaus? Oder auf einen sozialen Defekt? Waren die Menschen oder die Verhältnisse schuld? War die (Weimarer) Demokratie zu früh oder zu spät oder in falscher Münze über sie gekommen, dass sie das Unglück nicht verhindern konnte? War es überhaupt ein Unglück, oder besaß der Fall historische Folgerichtigkeit?

Die Züge waren bis zuletzt nach Fahrplan gefahren, die Versorgung war, zwar rationiert, gewährleistet gewesen, die Krankenhäuser hatten ihren Dienst getan, mit einem Wort, der Staat hatte funktioniert. Was war das Problem? Würden sie irgendwann begreifen, welche Folgen die Aufhebung der Demokratie in Deutschland, die Errichtung des Weltanschauungsstaates, die Einführung von Gleichheit durch Unterordnung, die Aufhebung der Freiheit durch Selbstverleugnung für jeden Einzelnen und für die Gesellschaft mit sich gebracht hatten?

Die Frage war: Würde das Nachdenken über Vergangenheit und Zukunft aus der Perspektive der Niederlage, als Objekt der Besatzungsmächte, oder aus einer Befreiungsperspektive heraus geschehen? Die Geschichte hielt verschiedene Möglichkeiten bereit. Welche würden die Deutschen wählen? Beginnen mussten sie mit einem Blick in den Spiegel.

So verdienstlich und unabweisbar die Maßnahmen der Alliierten und der Amerikaner im besonderen waren, so unnahbar und uneinnehmbar erwies sich die Seele der Deutschen. Sie ließen, wie hinter einem Schutzwall, alle Vorhaltungen von sich abprallen.

Film gibt Zeugnis davon.

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