Demokratie und Erziehung in den USA

Das amerikanische Re-orientation-Programm und seine Vermittlung von Werten und Spielregeln der Demokratie, darin inbegriffen Film, ist nur dann wirklich zu verstehen, wenn man die so ganz anders geartete Auffassung und Praxis von Erziehung und Bildung in den USA kennt.

Bereits die Gründerväter der Vereinigten Staaten, Paine und Jefferson, thematisierten Erziehung als „public education“, als öffentliche Angelegenheit. An die Stelle fixer Ideen, vom philosophischen Idealismus genährt, von keinem demokratischen Wässerchen getrübt, treten Rationalität, Pragmatismus und Erfahrung als Feld für Lernen durch Versuch und Irrtum, Handeln und Korrektur.

Rationalität als amerikanische Nationaltugend heißt, daß der mündige Mensch die Welt für machbar erklärt – oder doch die machbare Welt zu seiner erklärt und sich in dieser Einstellung seinem business zuwendet. (...) überlegte Entwürfe, in denen der Gegenentwurf und die nötige Auseinandersetzung, also das Experiment, bereits mitgedacht sind. (...) Die sichtbarste unter diesen (konkreten Wirkungen) ist gewiß das politische Gebilde der Vereinigten Staaten selbst. Wer hätte, außerhalb der amerikanischen Kolonien, im 18. Jahrhundert schon geglaubt, dass man einen Staat 'machen’, gewissermaßen in der Retorte herstellen kann? Um einen Staat rational zu machen, braucht man Überlegung, politische Theorie. Für den experimentell gesinnten Aufklärer aber verlangt diese politische Theorie Information, und zwar wissenschaftliche, also systematisch erworbene Information über alle einschlägigen Fragen. Die moderne Wissenschaft hat in den Vereinigten Staaten einen sichereren und älteren Halt als in irgendeinem anderen Land der Welt.“

Das schlägt sich in der Vereinigung von Erziehung und Öffentlichkeit, von Demokratie und Erziehung nieder.

Diese Art von Wissenschaftsglaube und Verwissenschaftlichung bedingt geradezu den Glauben an die Erziehbarkeit des Menschen und damit die zentrale Stellung der Bildungsinstitutionen in der Gesellschaft. Das Lernen sozialer Rollen, zumindest in den traditionellen europäischen Gesellschaften vielfach ein unsichtbarer Prozess, geschieht in Amerika (...) mit äußerster Bewusstheit. (...) Nur durch Erziehung wird die Menschenwelt machbar. Erziehung nimmt dann die Form des Erlernens, der Habitualisierung vorgeprägter Muster an – und zwar die Erziehung zum Buchhalter nicht anders als die zum Demokraten, zum Vater, zum Nachbarn, zum Autofahrer.“ (Dahrendorf 1968b, S. 24ff *)

So kommt es nicht von ungefähr, dass in den amerikanischen Diskussionen während des Krieges das Erziehungswesen eine zentrale Rolle spielte und die Amerikaner mit quasi handfesten Vorstellungen davon nach Deutschland kamen. Elemente davon sind in ihren Filmen zu besichtigen.

Nach alldem vermag nicht zu überraschen, dass eines der Hauptwerke der amerikanischen Pädagogik den Titel „Demokratie und Erziehung“ (1916) trägt und bis heute die Debatte leitet. Den Namen des Autors, John Dewey, wird man sich merken müssen, auch wenn oder gerade weil er von der deutschen Pädagogik so gut wie nicht wahr- und angenommen worden ist. Dewey hatte nicht nur seine Theorie entfaltet, sondern sie selber an seiner Laborschule in Praxis umgesetzt und überprüft. Kernbegriffe sind Erfahrung bzw. Erfahrungslernen, Initiative und Austausch, Kooperationsfähigkeit und soziale Verantwortungsbereitschaft. Lernen hat nur Wert, wenn Kinder und Jugendliche wahrnehmen, was das Lernen mit ihnen selbst zu tun hat, und kulminiert im Modell des werdenden und erwachsenen Menschen als Bürger.

Der Herausgeber der Neuausgabe in der Übersetzung von 1949, Jürgen Oelkers, schreibt in seinem Nachwort:

'Demokratie und Erziehung’ ist in der amerikanischen und auch in der englischen Pädagogik immer noch oder wieder ein Zentrum der Diskussion. Dewey ist bis in die neueste Sekundärliteratur hinein der Autor, an dem sich die Geister scheiden müssen, weil Demokratie und Erziehung auf eine Weise verknüpft werden, die dem traditionellen Erziehungsdenken widerspricht, also einen Traditionsbruch darstellt, der zugleich einen Weg eröffnet, die moderne Gesellschaft pädagogisch angemessen zu begreifen. (...) Erziehung ist nicht Funktion oder Instrument der Politik, sondern sie verwirklicht sich als Demokratie. Daher sind Schulen embryonale Orte der Gesellschaft, nicht Anstalten des Staates. Sie erfüllen keinen abstrakten sittlichen Zweck, wie die deutsche Pädagogik nach Fichte immer angenommen hat, sondern sie sind einfach der erste Kreis der demokratischen Gesellschaft. (...) Erziehung ist auf Lernen und Handeln, auf die ständige Rekonstruktion der Erfahrung, verwiesen. (...) 'Erziehung’ wird nicht durch die richtige Idee erzeugt, sondern ist einfach lernende Erfahrung, die nur innerhalb von Handlungswirklichkeiten gestaltet werden kann.“ (Oelkers, in: Dewey 1993, S. 494f *)

 

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