Leichte Sprache

Sie sehen selbst, Sie hören selbst, urteilen Sie selbst

Nach Krieg und Nazi-Wochenschau ging es nicht mehr weiter nach altem Leisten und unter altem Personal. Information war wichtig, Papier war knapp, aber Kinos gab es. Am wichtigsten war, Menschen zum Sprechen, Denken und Selbstvertrauen zu bringen und daraus Öffentlichkeit herzustellen. Der „Augenzeuge“ proklamierte nicht Veränderung, er setzt sie in neuartige publizistische Praxis um, indem er ein öffentliches Mandat reklamierte, das er sich selber gegeben hatte. Er erhob sich nicht über seinen Zuschauer, sondern verhielt sich zu ihm als einen Partner. Darin drückte sich das demokratische Potential der neuen deutschen Wochenschau aus und wurde zu einer Haltung, die vom Publikum angenommen wurde.

Davon zeugt der Ausspruch, den kürzlich an einer Berliner Tankstelle ein Chauffeur zu seinen Kollegen tat: 'Was’, sagte er den anderen drei, 'ihr habt den 'Augenzeugen’ noch nicht gesehen? Menschenskinder, da müsst ihr doch hingehen! Wenn man das sieht, da bekommt man richtig wieder Mut.’“ (Tägliche Rundschau, 3.4.1946)

Im August 1946 führte er seinen berühmten Slogan ein.

Wir wollen überhaupt nicht mit Patentlösungen für Probleme aufwarten, sondern Fragen anschneiden, Anregungen geben und so auf unsere Weise dazu beitragen, dass sich eine öffentliche Meinung – die Voraussetzung für jede Demokratie – bilde. Sie sehen selbst – Sie hören selbst – urteilen Sie selbst!“ (Tägliche Rundschau, 11.08.1946)

Der Slogan war keine Koketterie, sondern ein Konzept von Öffentlichkeit, das sich nicht nur gegen die Nazizeit absetzte, sondern auch gegen die Traditionen bürgerlicher Wochenschau und kommunistischer Parteipublizistik. Noch konnte die Fraktion, der es ernst mit einer demokratischen Umgestaltung im Nachkriegsdeutschland war, ihre Vorstellungen einbringen in einer kurzen Zeitspanne demokratischen Selbstversuchs. Für die Herstellung einer solchen Öffentlichkeit hat der „Augenzeuge“ eine nicht zu überschätzende Rolle gespielt und dabei einen neuen Stil für Wochenschauarbeit in Deutschland gefunden.

„DEFA-Aufklärungsfilm“ nannten sich innerhalb und außerhalb der DEFA jene Filme, die zwischen 1946 und 1950 von Behörden, Gewerkschaften, Einrichtungen in Auftrag gegeben wurden und Themen allgemeinen Interesses ansprachen, meist in inszenierter Form, wie seinerzeit international üblich. Das Spektrum reichte von Heimkehrerfragen bis zu Geschlechtskrankheiten, von Verbesserungsvorschlägen bis zum Unfall- und Brandschutz, von Energieeinsparung bis zur Verkehrserziehung. In zumeist inszenierter Form stellten sie verschiedene Aspekte einer Sache vor und luden das Publikum ein, sich darüber eine Meinung zu bilden.

Übergreifendes Thema war die Hilfe zur Selbsthilfe und die Orientierung auf demokratische Einrichtungen bei der Diskussion und Veränderung gesellschaftlicher Fragen, also die Anerkennung demokratischer Prozeduren. Selbstverantwortlich handeln, den Anlass und die Folgen seines Tuns nicht auf Andere, vulgo: Staat, legen, die Organisation des gemeinschaftlichen Lebens regeln lernen: diese Haltung zeichnet die hier vorgestellten ostdeutschen Produktionen aus. Sie kommt aus der Mitte der Gesellschaft, nicht von außen. Sie braucht weder Losung, noch Bildungsprogramm. Sie ist sich ihrer selbst bewusst.

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