Leichte Sprache

DEFA-Wochenschau „Der Augenzeuge“

Sujetauswahl

Der AugenzeugeJugendvertreter im RIAS (AZ 36/47)
Die Frage „Vielzahl von Jugendorganisationen oder Einheitsorganisation“ in der SBZ war zu dieser Zeit zwar vorentschieden, wurde hier aber öffentlich ausgebreitet. Über die unbeholfene Ausdrucksweise der Teilnehmer wird leicht darüber hinweggesehen, dass eine Einlassung vor dem RIAS-Mikrofon, also im „Rundfunk im amerikanischen Sektor“, als völlig selbstverständlich angesehen wurde. Mit anderen Worten: Der Kalte Krieg war noch nicht auf Berlin durchgeschlagen, und der RIAS verkörperte für den „Augenzeugen“ fortschrittliche bzw. annehmbare Positionen.

Jugendparlament in Meißen (AZ 56/47)
Die Freie Deutsche Jugend war im Frühjahr 1946 als „Freundschaftsbund der deutschen Jugend“ gegründet worden, und, wie so viele Gründungen in jener Zeit, noch nicht mit dem Gedanken einer zonalen Begrenzung. Die Flaggen der Alliierten, das Wort von „guten Europäern“, die man sein wolle, die Verbindung von leidenschaftlichem Ernst in den Gesichtern mit der Leichtigkeit der Begegnung geben dem Bekenntnis zum demokratischen Aufbruch einen guten Grund.

Jugendlager Prieros (AZ 70/47)
Es ist kaum zu glauben, dass in einem Sommerlager der Freien Deutschen Jugend die Spielregeln der Demokratie so ernst und mit so viel ansteckendem Spaß geübt worden sind in einem (ost-)deutschen Filmsujet von 1947 (!).

Diskussion im Theater (AZ 45/47)
Es ist nicht die Frage, wie viele öffentlichen Diskussionen es seinerzeit gegeben hat. Die ausführliche Wiedergabe einer Diskussion mit deutlich wahrnehmbarem Pro und Contra bis an die Schmerzgrenze der „Machtfrage“ ist Zeugnis für den ernsthaften Willen der Reformkommunisten, zu einem neuen Verständnis von Demokratie zu kommen, dafür ein Beispiel zu geben und dazu zu ermutigen.

Diskussion im Äther (AZ 110/48)
Die erste und einzige Diskussion zwischen Nordwestdeutschem und Berliner Rundfunk fand kurz vor Währungsreform und Berliner Blockade statt. D a s s es sie gab und dass es der „Augenzeuge“ für wichtig fand, davon Mitteilung zu geben, ist eine Botschaft der Demokratie und der Demokraten in Ost und West.

Szene aus „Nachtasyl“ (AZ 100/48)
In jeder Woche fanden im Haus der Kultur der Sowjetunion in Berlin Lesungen und Gastspiele statt, darüber hätte man ellenlang berichten können. Wenn der „Augenzeuge“ die Gorki-Ehrung und diesen Ausschnitt wählte, hat es mit dessen Einstellung zum Leben und dem Schlüsselwort aus Gorkis Stück zu tun – einem Wort, das amerikanisches und französisches Menschenrechts- und Gesellschaftsdenken als universelles aufnimmt: „Der Mensch ist frei. Er hat selbst für alles aufzukommen: für seinen Glauben, seinen Unglauben, seine Liebe, seine Vernunft. Der Mensch trägt selbst die Kosten für alles, und darum ist er – frei!“

 

Dr. Günter Jordan

Einführung in die Sujet-Auswahl

Titelfolgen der DEFA-Wochenschau "Der Augenzeuge"Der „Augenzeuge“ ist die erste Wochenschau von Deutschen für Deutsche. Diese Feststellung stößt regelmäßig auf Unglauben und Verwirrung, weil die deutschsprachige Wochenschau „Welt im Film“ in den Westzonen bekanntlich zuerst am Platz war. „Welt im Film“ war eine Wochenschau, die zwar mit deutschem Personal gearbeitet hat, aber unter alliierter Chefredaktion. Sie wurde von der amerikanischen und englischen Militärregierung herausgeben, die damit automatisch auch die Militärzensur versah.

Der „Augenzeuge“ wurde von Deutschen initiiert, geleitet und produziert. Natürlich bedurfte auch er der Lizenz der zuständigen, hier also der sowjetischen Militärverwaltung, und natürlich musste auch er der sowjetischen Militärzensur vorgelegt werden, bis April 1947 sogar der Vorzensur, was insofern aufwendig und peinigend war, als hinter einer periodisch erscheinenden Wochenschau Termin- und Produktionsdruck stand. Kurz, der Einwand, dass so deutsch diese Wochenschau nicht sein könne, da sie doch von den Russen zensiert worden sei, vergisst, dass es sich bei Deutschland um ein von den alliierten Siegermächten besetztes Land handelte, was die Kontrolle der Medien durch die Militärbehörden (vulgo: Zensur) in allen Besatzungszonen einschloss.

Kurt Maetzig und Marion Keller, die Begründer des „Augenzeugen“, schrieben nach dem ersten Dutzend Ausgaben: 

Filmen in dieser Zeit – man hielt es für unmöglich. Eine Wochenschau zu beginnen in einem Augenblick, in welchem das Aufnahmegebiet nur Deutschland umfasste – nein, sogar nur Berlin – nein, sogar nur den sowjetisch besetzten Sektor Berlins – man konnte es nicht glauben! Und doch taten wir gut daran, so primitiv zu beginnen. Denn schon in der zweiten Nummer hat sich das Aufnahmegebiet wesentlich erweitert, und heute haben wir fünf feste Stützpunkte außerhalb Berlins, und die Bilder aus dem Ausland laufen regelmäßig ein. Dann gingen wir absichtlich von dem nur Sensationellen ab und suchten die Sensationen nicht nur in der Schlagzeile der Weltgeschichte, sondern auch in der Spalte 'Lokales des privaten Lebens’ und fanden, dass nicht nur wir, sondern auch noch viele andere Augenzeugen der Bombastik der letzten Jahre überdrüssig geworden waren. Viele Zuschauer schienen sich gerade nach dem Intimen, Einfachen und Privaten zu sehnen. Aus dieser Art der Berichterstattung haben wir einen neuen Stil entwickelt, dem wir auch treu bleiben wollen.“

Der „Augenzeuge“ der ersten Jahre hat einiges eingebracht zur Realisierung seines von ihm selbst gegebenen Gründungsauftrages. Er belehrte den Zuschauer nicht, sondern trat als sein Partner auf, gab sich selber dafür ein Mandat und nahm es öffentlich wahr. Den Zuschauer ernst nehmen hieß, ihm etwas zuzumuten und abzuverlangen.

Der Zuschauer, der seinerseits als Augenzeuge die Vorgänge auf der Leinwand betrachtet, (muß) sich darüber klar sein, dass eigene Kritik und Urteilskraft nie einschlafen darf, und dass er selber hinter den Bildern den Sinn der Dinge suchen muß.“ Dazu musste er den Zuschauer instand setzen. Konzept und Methode der neuen deutschen Wochenschau schlugen sich in ihrem berühmt gewordenen Slogan nieder. „Wir wollen überhaupt nicht mit Patentlösungen für Probleme aufwarten, sondern Fragen anschneiden, Anregungen geben und so auf unsere Weise dazu beitragen, dass sich eine öffentliche Meinung – die Voraussetzung für jede Demokratie – bilde. 'Sie sehen selbst, Sie hören selbst, urteilen Sie selbst!’“ (Tägliche Rundschau, 11.08.1946)

Ob die Macher des „Augenzeugen“ Tugend und Praxis der Demokratie durchgehend eingelöst haben, steht auf einem anderen Blatt, aber sie wussten, was sie taten. Es war der Versuch, Öffentlichkeit überhaupt herzustellen. Es gab sie ja nicht. Vor dieser Aufgabe standen alle in Ost und West.

Noch im Dezember 1948, als schon lange ein neuer Kurs der politischen Orientierung der sowjetischen Besatzungszone eingeleitet worden war und Anton Ackermann seiner These vom „eigenen deutschen Weg zum Sozialismus“ hatte abschwören müssen, fasste Marion Keller die Ziele und Methoden des „Augenzeugen“ wie folgt zusammen: Steigerung der Arbeitslust und Lebensfreude, Weckung des neuen gesellschaftlichen Bewusstseins, Erweiterung des geistigen Horizontes,

Schärfung des kritischen Geistes durch Kritik an öffentlichen Missständen“. Dazu seien vonnöten: Sachliche Berichterstattung, „und zwar durch überzeugende Bilder, nicht durch rhetorische Informationen“, gegebenenfalls auch in polemischer Form, „satirische und kritische Behandlung ernster Themen“ bis hin zur Parodie, „pathetische Berichte dagegen sollen sparsam verwendet werden“, nicht zu vergessen „ein Sujet, welches die Verkettung von Politik und Leben des einzelnen sinnfällig demonstriert.“ (Keller, Ziele und Methoden des Augenzeugen, 16.12.1948, Bundesarchiv, GR117/v.S. 147)

1949, auf der Kippe des Selbstverwaltungsprozesses unter die „Diktatur des Proletariats“, wechselte der AZ sein Gesicht, der Slogan wurde ersatzlos gestrichen, die Wochenschau einbezogen in Agitation und Propaganda der SED. Als in den Westzonen die zweite Phase der Re-education stattfand mit dem „Lernziel Demokratie“, hatte der Osten, wie die Schriftstellerin Rita Kuczynski fand, auch seine Re-education: „Unsere Re-education war der Kurze Lehrgang zur Geschichte der KPdSU(B).“

Hier ist nicht der Ort, den Weg des „Augenzeugen“ nachzugehen. Die Beispiele sollen und können zeigen, bis zu welchem Grad das Pendel ausschlagen konnte, was man ja nie für möglich hält, wenn man über die Entwicklung im Osten Deutschlands in jenen Jahren spricht. Deshalb, und gerade deshalb, sind Aufnahmen, wie die ausgewählten, so kostbar.


"Der Augenzeuge sieht alles, hört alles. Urteilen Sie selbst. Hier ist ihm der sensationelle Schnappschuss geglückt, den ersten Mann zu filmen, der nach Kriegsende seiner Frau seinen Platz in der Straßenbahn anbot! (Frischer Wind, 1. März 1947)
 

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