Leichte Sprache

Zeitfilme: Zeit im Film

Diskussion überflüssig
RE: Eva Kroll, KA: Erich Küchler, BU: Günter Hoffmann, Prod.: Zeit im Film, München, 1950
Mit diesem Film soll die Diskussion zum allgemeinen Thema in den Schulunterricht getragen werden.

Frischer Wind in alten Gassen
RE und BU: Fritz Peter Buch, KA: Konstantin Tschet, Prod.: Zeit im Film, München, 1951
In der Stadt Eberbach übernehmen für drei Tage die Jugendlichen die Aufgaben der Stadtverwaltung.

Ein Vorschlag zur Güte
RE: Wolfgang Kiepenheuer, KA: Otto Baecker, BU: Friedrich Luft, Prod.: Ikaros-Film, Wolfgang Kiepenheuer, Berlin, 1950
Bekannte Schauspieler demonstrieren die Notwendigkeit von den Bürgern zugewandten Behörden und Ämtern.

Eine Kleinstadt hilft sich selbst
RE und BU: Wolfgang Becker, KA: Kurt Hasse, Prod.: Willi Zeyn Film GmbH., München, 1950
Die Bürger der Kleinstadt nehmen die Probleme der Flüchtlinge und der Nachbarschaften in die eigenen Hände.

Frauen stehen ihren Mann
RE und KA: Walter Brandes, BU: Charlotte Brandes, Prod.: Walter Brandes-Film, Stuttgart, 1951
Alle Parteien und Organisationen übergreifend, organisieren die Frauen von Leonberg einen Basar, um Geld für ein Kindertagesheim zu sammeln.

Offene Türen
RE und KA: Walter Brandes, BU: Charlotte Brandes, Prod.: Walter Brandes-Film, Stuttgart, 1950
Bericht über die Lösung der Jugendprobleme in den Städten Pforzheim, Karlsruhe und Esslingen.

 

Heiner Roß

Einführung in die Filme


Zeitfilme, in: Heiner Ross (Hg) Lernen Sie diskutieren! Cinegraph Babelsberg 2005, S. 51Die Amerikaner brachten nach Deutschland Filme mit, die sie im eigenen Land gedreht haben. Die Deutschen waren erstaunt und verwundert, so etwas hatten sie nicht gesehen. Diese Filme waren anders als deutsche Propagandafilme. Das Individuum ist im Zentrum des Films, das war das Individuum nicht im Deutschen Reich, das sollte hinter dem Staatsgedanken ganz und gar verschwinden.

Dann bekamen sie einen Film zu sehen wie „Mrs. Goodwin’s Kitchen“. Missis Goodwin ist mit ihrer Küche unzufrieden und sucht sich Hilfe in der Nachbarschaft ihrer Kleinstadt und kriegt diese Hilfe, und mit Hilfe der Mitarbeiter der Höheren Bildungsanstalt für Hauswirtschaft, von Nachbarn und dgl. kann sie eine sinnvolle neue Küche erwerben. Das deutsche Publikum war mächtig erstaunt. Was ist eigentlich mit Missis Goodwin los? Sie hat doch sowieso schon eine wunderbare Küche! Wir haben ja gar keine Küche mehr. Wir sind vertrieben wir sind Flüchtlinge, wir sind ausgebombt usw., also das verstehen wir nicht.

Dann haben die Amerikaner festgestellt, dass einige ihrer amerikanischen Filme so amerikanisch waren, dass sie zwar utopisch waren – so haben sie mich erreicht als Kind - aber die Erwachsenen artikulierten ihren Wunsch, ob diese Filme nicht zeitnaher und näher an den Problemen des eigenen Landes sein könnten. Dafür wurde dann ein Begriff entwickelt für diese Zeit nach der ersten Zeit der Re-education, es begann die Zeit der Re-orientation. Die gleichen Inhalte wurden nun in Deutschland selber gedreht. Diese Filme orientierten sich stark an der Bildgestaltung und Erzählstruktur der amerikanischen Filme, es kamen neue Regisseure dazu, aber es wurden auch Regisseure genommen, die eine merkwürdige Vergangenheit hatten. In Filmstil und Filmsprache entwickelt sich etwas ganz Neuartiges in diesen Filmen, die im Rahmen der Re-orientation mit amerikanischen Mitteln hergestellt wurden. Sie wurden vertrieben unter dem Signet „Zeit im Film“. Dieses Signet wurde im Februar 1948 entworfen.

Anfang August 1948 passiert etwas, womit alle nicht gerechnet hatten, insbesondere nicht die Dokumentarfilm-Regisseure: es wurde der Vorführzwang für Dokumentarfilme aufgehobern. Dahinter verbirgt sich folgendes. Die Briten und Amerikaner hatten beschlossen, dass vor jedem Hauptfilm ein Dokumentarfilm gezeigt wird. Die Re-education-Filme und die Wochenschau „Welt im Film“ mussten vor dem Hauptfilm gezeigt werden. Es gab ein Werbefilmverbot, es gab noch keine Produktwerbung. Also wurden diese Filme immer und immer wieder aufgeführt und richtig ausgewertet und erreichten ein Millionenpublikum.

Kinobesuch war ein ganz entscheidendes kulturelles Tun, und es war billig. Auch die Zeitfilme hatten ihr Hauptpublikum im gewerblichen Kino zu finden. Dann wurden diese Filme auf 16-mm-Schmalfilmformat in der schulischen und außerschulischen Bildungsarbeit eingesetzt. Noch einen Ort gab es, der in seiner kulturellen Leistung nicht zu unterschätzen ist; die Aktualitätenkinos in den gerade wieder funktionierenden Bahnhöfen. Das Münchner Aktualitätenkino hat in einem Monat 76.000 Zuschauer gehabt, und 1946 waren es re-education-Filme, es war noch kein einziger in Deutschland hergestellter Film gezeigt worden. Das ist bedeutend.

Die Themen der Filme waren so vielfältig; Filme über die Welt wurden aufgesogen von der deutschen Bevölkerung, die ja tausend Jahre isoliert war von der restlichen Welt. Nach und nach stellten die Amerikaner Geldmittel zur Verfügung für die Film-Produktionen in Stuttgart, München, Hamburg, Berlin. In diesen Filmen wurden einige Themen direkt angesprochen. Von diesen Filmen wurden bis zu tausend Filmkopien gezogen für die politische schulische und außerschulische Bildungsarbeit; von einem Film wurden auch nur dann soviel Kopien gezogen, wenn sie auch gebraucht und eingesetzt wurden.

Was eine Diskussion ist und wie man sie führt wird mit dem Film „Diskussion überflüssig“ thematisiert, der sowohl im Kino, als auch in Schulen und auf Gewerkschaftsabenden gezeigt wurde.

„Frischer Wind in alten Gassen“ (1951) ist eines der schönen Beispiele, wie eine neue Zeit definiert und dargestellt wird. In Eberbach am Neckar hat es das, was wir zu sehen bekommen, dass Schüler die Stadtverwaltung für einige Tage übernehmen, tatsächlich gegeben. Das hat das Büro der Amerikaner (OMGUS) über eine Rundfunksendung erfahren und hat daraufhin ein Filmteam nach Eberbach geschickt. Dann haben sie das, was tatsächlich passiert ist, in diesem Film nachgestellt. Das war ein Vorteil bei der Produktion dieser Filme, dass man zeitnahe Themen aus der Nachbarschaft und der Umgebung aufgreifen konnte, um daran politische Inhalte sichtbar zu machen.

„Ein Vorschlag zur Güte“ habe ich ausgewählt, weil der Filmregisseur Wolfgang Kiepenheuer diesen Film gedreht hat. Kiepenheuer war zum ersten Mal als Kameramann beim Olympia-Film von Leni Riefenstahl erschienen und sehr schnell nach 1945 von den Amerikanern eine Produktionslizenz bekommen. Bei diesem Film wirkte wieder Friedrich Luft – wie schon bei „Es liegt an Dir“ - als Drehbuchautor mit. Luft, die „Stimme der Kritik“ von RIAS Berlin, war bei mehreren Filmen der re-education beteiligt. Er hatte einen ganz eigenen, lakonischen Humor. Am Film sind bekannte Filmschauspieler beteiligt. Vielleicht wurden sie durch diese Filme sogar geläutert, denn in ihren Karrieren vor 1945 hatten sie ganz andere Figuren dargestellt, als, wie jetzt, den Bürgermeister von Eberbach.

Diese Filme hatten ihre Karriere als Kino-Vorfilme gehabt, nicht alle dann nach der Aufhebung des Vorfilm-Gebots. Die Dokumentarfilm-Regisseure mussten sich Mühe geben, um die Kinobesitzer zu überzeugen, diese Filme als Vorprogramm zu nehmen, 1952/53 hatten die Kinobetreiber wieder für den Vorfilm zu bezahlen. Zeitgenossen dieser Filme können aus ihnen wertvolle zusätzliche Informationen entnehmen, wie das Plakat vom Marshallplan hinter dem Protagonisten des letzten Films. Auch so hat die Zeit Eingang gefunden in diese Filme. Als diese Filme das „Territorium“ für die Bildungsarbeit geschaffen hatten, kamen die Marshallfilme, wie sie kurz hießen, die das Projekt des Marshallplanes propagierten und die Europäisierung in die Kinos hineintrugen.

Der Film „Eine Kleinstadt hilft sich selbst“ ist ein typischer Zeitfilm, der die reale Lebensumstände schilderte, in denen die Menschen gelebt haben und wie sie darauf reagiert haben. Diese Filme hatten einen ganz wesentlichen Auftrag: Packt zu, packt an, macht mit! Sie richteten sich gegen diese Ohne-mich-Bewegung vieler Bundesbürger, nicht mitzumachen in der Demokratie, weil sie gerade tausend Jahre in ihrem Idealismus verraten worden waren und sich jetzt aus allen politischen Vorgängen heraus halten wollten. Diese Filme setzten etwas dagegen.

Nennen wir die gezeigte Arbeitsgemeinschaft eine Institution, also etwas formalisiert, in Strukturen, die von Männern geschaffen worden sind, so kommt aus Leonberg „Frauen stehen ihren Mann“. Der Film zeigt, wie ganz andersartig sich auch politisch und gesellschaftlich engagiert werden kann. Auch aus diesen Film kann im Hintergrund Zeitgeschichte, wie ein Hochwasser, für deren Opfer gesammelt wird, wahrgenommen werden.

„Offene Türen“ ist der einzige Film, den ich kenne, wo so stark und so eindeutig auf die Hilfe der Amerikaner hingewiesen wird. Selbst in den Marshallfilmen wird das nicht so deutlich gemacht.

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