Leichte Sprache

Dokumentarfilm: Bilderspuren demokratischen Traums

Die sogenannten Aufklärungs- und Zeitfilme behandeln Fragen des täglichen Lebens und handeln im Rahmen ihrer Sujets praktische Fragen demokratischen Verhaltens ab. Aus der Hilfe zur Selbsthilfe erwachsen Eigeninitiative und Selbstverantwortung, Handlungsalternativen und antiautoritäre Haltung, Meinungsbildung und Spielregeln der Demokratie. Auch wenn die Filme keine politischen Aussagen über Ideologien, Parteien oder den Staat treffen, sind sie durch und durch politisch: Sie treiben Propaganda für eine Demokratie der gesellschaftlichen Selbstorganisation.

Solche Filme sind nicht nur in Westdeutschland, sondern während einer kurzen Zeitspanne auch in Ostdeutschland entstanden. Das verweist auf den gleichen sozialen Ausgangspunkt und auf das demokratische Potential in allen Besatzungszonen, zumal es in der SBZ nicht von der Besatzungsmacht, sondern von den Deutschen und der DEFA selbst aufgerufen wird, und vermittelt eine neue Perspektive in der Beurteilung der deutschen Dinge. Der Ertrag an Dokumentar- und Kulturfilmen zum Thema ist gering, gemessen am Bedarf der Zeit, und groß, verglichen mit deren Transformationsdruck.

Warum ausgerechnet die frühe DEFA sich dem Thema im Wortsinn stellte, bleibt ein Geheimnis, denn die Filme folgten zum einen nicht der Aufforderung eines Oberbüros, unterstanden zum anderen aber bis 1949 der sowjetischen Militärzensur. Es sind Bilderspuren eines demokratischen Traums auf der Leinwand von Tugenden und Praxis lebendiger Demokratie von unten, nicht gebunden an Parteien und Staat. Es war nur ein Moment – aber solche Momente bilden Erinnerung und Erzählung: Republik Schwarzenberg, Ackermann-Legende. Die Filme suggerieren nicht Geschichte. Sie kommen aus ihr.

Die Ausgangslage nach 1945 war Ost und West gleich. Darauf macht ein Vergleich von Titeln und Zeiten aufmerksam. Heißt es im Osten „Eine Stadt hilft sich selbst“, so heißt das im Westen „Eine Kleinstadt hilft sich selbst“. Der erste Film stammt allerdings aus dem Jahr 1948, und zwar vor der Währungsreform, der zweite aus dem Jahr 1950. „Auf eigenen Füßen“ (1948) stehen die Frauen im Osten, „Frauen stehen ihren Mann“ (1951) im Westen. Während im Osten ein Kriegsinvalide sehen muss, wie er wieder im Alltag zurecht kommt („Zurück ins Leben“, 1948), findet im Westen ein Bäckergeselle Anschluss an Gemeinschaft durch „Ferien im Alltag“ (1951). „Lebendige Schule“ verspricht im Osten eine „Schule der Demokratie“ (1946, Film ist verschollen), im Westen „Es hat geklingelt“ (1950).

Während im Osten eine noch freie Jugend ins Freie zieht und mit ihr „... und mit uns zieht die Neue Zeit“ (1947), übt sie im Westen „Zeltlagerpraxis“ (1950). „Gleiches Recht für alle“ (1948) heißt die Forderung im Osten, während es drei Jahre später im Westen schon sicher ist: „Dein gutes Recht“ (1951). Der Vergleich bestätigt den gleichen oder doch vergleichbaren sozialen Ausgangspunkt. Die Differenz in den Entstehungszeiten, der zeitliche Vorlauf der DEFA-Filme (1947/48) und ihre ausbleibende Fortsetzung zu dem Zeitpunkt, da im Westen die Zeitfilme (1950/1952) zu großer Form auflaufen, beleuchtet besser als mancher historische Kommentar Gewinn und Verlust im geschichtlichen Raum.

Noch keine Bewertungen vorhanden