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Merkmale

Islamische Kultur und Geschichte

Islamische Kultur und Geschichte
Ein Überblick von Peter Ortag

Merkmal I: Absolutsetzung des Islam als Lebens- und Staatsordnung

Worin bestehen nun die inhaltlichen Besonderheiten der politischen Bewegung des Islamismus? Als ein Merkmal kann die Absolutsetzung des Islam als Lebens- und Staatsordnung gelten. Jeder überzeugte Muslim wird in seiner Religion den für ihn wahren Glauben sehen und seine persönliche Lebensführung in gewissem Maße nach seiner Deutung des Islam ausrichten.

Diese Auffassung hat, selbst wenn sie mit einem gewissen Exklusivanspruch auf die "einzig wahre Religion" einhergeht, nicht notwendigerweise etwas mit Islamismus zu tun. Erst wenn die gemeinte Absolutsetzung dieses Glaubens notwendiger Bestandteil für die Regelung des sozialen Miteinanders in einer Gesellschaft etwa im Sinne einer Rechts- oder Staatsordnung werden soll, kann von einer solchen politischen Ausrichtung gesprochen werden. Sie läuft in Kombination mit anderen Grundpositionen der Islamisten auf die Überwindung einer Trennung von Politik und Religion und die Etablierung eines islamischen Staates im theokratischen Sinne hinaus.

Merkmal II: Gottes- statt Volkssouveränität als Legitimationsbasis

In einem solchen politischen System bestünde die oberste Legitimationsbasis in einer Gottes-, aber nicht in einer Volkssouveränität. Ausgangspunkt für eine solche Deutung ist folgende Erkenntnis: Da sich Gott nicht selbst äußern kann und die "Heiligen Schriften" unterschiedlicher Glaubensformen ambivalent und selektiv deutbar sind, kommt in einem solchen theokratischen Staat einer Minderheit von "Religionsgelehrten" die Aufgabe der einzig richtigen und rechtlich verbindlichen Deutung des jeweiligen Glaubens zu. Allein aufgrund dieser Tatsache läuft die Etablierung islamistischer Herrschaft auf ein diktatorisches System hinaus, das die behauptete Gottes- über die reale Volkssouveränität stellt.

Diese Auffassung muss nicht für die rigorose Ablehnung von Wahlen stehen. Gleichwohl dürfen sich die Kandidaten oder Parteien in dieser Perspektive nur im eingeschränkten Rahmen des islamistischen Denkens bewegen, was unabhängige Bestrebungen ebenso wie eine politische Opposition ausschließt.

Merkmal III: Ganzheitliche Durchdringung und Steuerung der Gesellschaft


Ein solches Gesellschaftsmodell führt dazu, dass das politische und soziale Miteinander komplett durchdrungen und gesteuert wird. Aus der Auffassung "Der Islam ist die Lösung" - oder besser formuliert: "Die islamistische Deutung des Islam soll die Lösung sein" – folgt nicht nur die alleinige Ausrichtung des Staates in diesem Sinne. Hiermit würde auch die Ablehnung von Menschenrechten verbunden sein. Meinungs- und Religionsfreiheit für alle gäbe es schließlich in solch einem Staat nicht.

Islamisten wollen, dass Staat, Recht und Gesellschaft total geprägt sind von ihrer Ideologie. In sozialen Kontexten mit islamistischer Hegemonie lässt sich dies etwa an der Indoktrination von Kindern ebenso wie an Kleidungsvorschriften für Frauen ablesen. Den "Religionsgelehrten" als angeblichen Sprechern der "Gottessouveränität" geht es nicht nur um die diktatorische Beherrschung, sondern auch um die politische Mobilisierung der Gesellschaft.

Merkmal IV: Homogene und identitäre Sozialordnung im Namen des Islam

Dies läuft auf eine homogene und identitäre Gesellschaftskonzeption hinaus, nach der sich alle Menschen in einer solchen Sozialordnung den politischen Vorgaben des "wahren Glaubens" zu unterwerfen haben. Den "Religionsgelehrten" kommt aus der Perspektive dieses kollektivistischen Denkens dann auch keine Bedeutung und kein Wert mehr als Einzelpersonen zu, sondern nur als Teil einer "Glaubensgemeinschaft". In dieser Sicht muss die Ausrichtung von menschlichem Sozialverhalten auf Autonomie und Individualität als Abweichung vom Islam und demnach als schändlicher Ausdruck von Unmoral und Verderbnis gelten.

Eine solche Auffassung schließt die Artikulation von Individual- und Partikularinteressen im Sinne eines gesellschaftlichen Pluralismus aus, denn es gibt in einer als authentisch islamisch geltenden Gesellschaft keine Differenzen zwischen Einzelnen und Gruppen. Gläubige und "Religionsgelehrte", Regierte und Regierende bilden ein Kollektiv, das Individualität nur in begrenztem Maß zulässt.

Merkmal V: Frontstellung gegen den demokratischen Verfassungsstaat

Aus den vorherigen Ausführungen ergibt sich auch eine Frontstellung der Islamisten gegen die Normen und Regeln eines demokratischen Verfassungsstaates: Ihre Forderung nach einem islamischen Staat richtet sich gegen das Gebot einer Trennung von Politik und Religion. Historisch gesehen wurde das friedliche und gleichrangige Miteinander von Angehörigen unterschiedlicher Glaubensauffassungen dadurch aber erst möglich. Die Beschwörung einer Gottessouveränität – als entscheidende Instanz für Politik auf Basis der angeblich allein richtig interpretierten Botschaft des Glaubens – hebt das demokratische Grundprinzip der Volkssouveränität auf.

Und da die Deutung des behaupteten einzig wahren Islam eine Gruppe von "Religionsgelehrten" übernehmen soll, eine selbsternannte Elite, läuft dies auf die Etablierung einer Diktatur durch einen Einzelnen oder eine Gruppe hinaus. Menschenrechte oder Pluralismus sind in dieser ideologisch und religiös homogen ausgerichteten Gesellschaft überflüssig.

Merkmal VI: Fanatismus und Gewaltbereitschaft als Potentiale

Die genannten islamistischen Grundpositionen müssen nicht mit der Bereitschaft zu Gewalt und Terrorismus einhergehen. Allerdings sind in diesem Denken Grundannahmen enthalten, die die Gewaltbereitschaft befördern. Hierzu gehört die rigorose Verdammung der bestehenden Gesellschaftsordnungen nicht nur in den westlichen Ländern. Aufgrund ihrer säkularen Ausrichtung gelten sie als Lebenswelt der Unmoral und "Zustände der Unwissenheit".

Da aber die Mehrheit der Muslime derartige politische und soziale Systeme akzeptiert und nicht die Notwendigkeit zu deren Ersetzung durch einen "Gottesstaat" fordert, sehen sich die Islamisten auch in der Frontstellung gegen diese Gläubigen. Als eine Art selbsternannte Elite wollen sie ihnen gegenüber die Alternative einer islamisch legitimierten Diktatur unbedingt durchsetzen. Fehlt ihnen die politische und soziale Unterstützung, greifen Islamisten dann unter Umständen zum Mittel der Gewalt.
 

Prof. Dr. Armin Pfahl-Traughber, 9. September 2011

 

Teil 1: Islamismus - Was ist das überhaupt? | Teil 2: Merkmale | Teil 3: Zuordnungen

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