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Zuordnungen

Wie kann man den Islamismus nun begrifflich und inhaltlich sinnvoll zuordnen? Im Vergleich mit anderen politischen Kategorien zeigen sich recht schnell Gemeinsamkeiten, aber auch Unterschiede.
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Islamismus als hybride Kategorie

Wie kann man den Islamismus nun begrifflich und inhaltlich sinnvoll zuordnen? Im Vergleich mit anderen politischen Kategorien zeigen sich recht schnell Gemeinsamkeiten, aber auch Unterschiede.

Extremismus


Unter Extremismus versteht man alle Auffassungen und Handlungen, die sich gegen die Minimalbedingungen eines demokratischen Verfassungsstaates richten. Bei dieser Zuordnung spielt eine inhaltliche Ausrichtung im Sinne einer bestimmten politischen Ideologie keine Rolle. Insofern kann es auch unterschiedliche Formen wie den Links- und Rechtsextremismus geben.

Bei der Betrachtung der islamistischen Ideologie lassen sich zwar bezogen auf die jeweiligen Feindbilder (Israel, USA) und Strukturprinzipien (Antipluralismus, Kollektivismus) Gemeinsamkeiten ausmachen. Hinsichtlich der jeweiligen Prioritäten im Selbstverständnis dominieren aber Unterschiede zum Links- (Gleichheit) und Rechtsextremismus (Ethnie). Gleichwohl könnte man für den Islamismus durchaus von einem "islamischen Extremismus" oder "religiösen Extremismus" als weiterer Form sprechen.

Faschismus

Mitunter findet für den Islamismus auch in polemischer Absicht die Formulierung "grüner Faschismus" Verwendung: Bestimmte historische Erfahrungen wie etwa die Kooperation des Muftis von Jerusalem mit den Nationalsozialisten oder unterschiedliche Gemeinsamkeiten wie Antisemitismus oder Führer-Denken scheinen für diese Einschätzung auch gute Sachargumente zu liefern.

Der Verfasser hält diese Einschätzung aber nicht für überzeugend: Beim Faschismus als politischer Bewegung der Zeit zwischen den 1920er und 1940er Jahren in Europa handelte es sich um ein ideologisch, organisatorisch und sozial ganz anderes Phänomen: Ethnische Gesichtspunkte spielen für den Islamismus kaum eine Rolle, während sie für den Faschismus von zentraler Bedeutung waren. Die letztgenannten Bewegungen definierten sich eher als säkular, wenngleich sie sich christlich-religiös geprägter Inhalte und Rituale bedienten. Demgegenüber stellt die Berufung auf den Islam, den Propheten und die Frühgeschichte der Religion den konstitutiven inhaltlichen Identitätsfaktor dar.

Fundamentalismus

Häufig findet bezogen auf den Islamismus auch die Formulierung "Fundamentalismus" Verwendung: Darunter versteht man in einem engeren Sinne religiöse Bewegungen, die sich auf eine wortwörtliche Auslegung ihrer "Heiligen Schriften" beziehen und eine Modernisierung des eigenen Glaubens rigoros ablehnen. In einem weiteren Sinne gilt der "Fundamentalismus" als eine Sammelbezeichnung für alle kulturellen, politischen, sozialen und wirtschaftlichen Auffassungen, welche sich nicht einer kritischen Prüfung ihrer Grundannahmen unterziehen wollen und argumentative Einwände mit Verweis auf die eigenen fundamentalen Werte negieren.

Der Islamismus könnte sowohl im erst- wie im letztgenannten Sinne als eine Erscheinungsform des Fundamentalismus gelten. Umgekehrt sollte aber keine Gleichsetzung von "islamischem Fundamentalismus" und "Islamismus" erfolgen. Dem erstgenannten Bereich lassen sich auch orthodoxe Islamauffassungen ohne politische Aktivitäten zuordnen – womit ein konstitutives Merkmal von "Islamismus" fehlt.

Totalitarismus


Und schließlich wäre noch zu erörtern, inwieweit der Islamismus als eine neue Form des Totalitarismus gelten kann. Mit dieser Bezeichnung wird ein bestimmter Diktaturtyp begrifflich erfasst, der sich sowohl von einer liberalen Demokratie als auch von einer autoritären Diktatur unterscheiden lässt. Der zentrale Unterschied zum Letztgenannten besteht darin, dass es einer totalitären Diktatur um die breite Durchdringung der Gesellschaft geht und diktatorische Herrschaft demnach nicht nur auf Staatsfunktionen begrenzt wäre.

Genau dies ist auch die Absicht von Islamisten, wollen sie doch selbst das Privatleben der Menschen in Richtung ihrer ideologischen Auffassungen steuern. Insofern wäre die Bezeichnung "totalitär" auf den Islamismus anwendbar, auch wenn der Begriff eigentlich als Terminus für die Staatsebene benutzt wird. Da es aber nur wenige islamistische Staaten und Systeme gibt, stellt die Anwendung des "Totalitarismus"-Begriffs ein Problem dar. Bezogen auf die Ideologie kann man durchaus von einer Erscheinungsform des "totalitären Denkens" sprechen.

Schlusswort und Zusammenfassung


Bei "Islamismus" geht es um eine Sammelbezeichnung für alle politischen Auffassungen und Handlungen, die im Namen des Islam die Errichtung einer religiös legitimierten Gesellschafts- und Staatsordnung anstreben. Islamisten bedienen sich unterschiedlicher Handlungsstile von der Parteipolitik über die Sozialarbeit bis zum Terrorismus. Ihnen allen sind verschiedene Merkmale eigen:

  • Die Absolutsetzung des Islam als Lebens- und Staatsordnung.
  • Der Vorrang der Gottes- vor der Volkssouveränität als Legitimationsbasis.
  • Die angestrebte vollkommene Durchdringung und Steuerung der Gesellschaft.
  • Die Forderung nach einer homogenen und identitären Sozialordnung im Namen des Islam und
  • die Frontstellung gegen die Normen und Regeln des modernen demokratischen Verfassungsstaates.

Dies macht in der Bilanz aus dem Islamismus eine Form des religiösen Extremismus, ein Phänomen des politischen Fundamentalismus und eine Variante des ideologischen Totalitarismus.

 

Prof. Dr. Armin Pfahl-Traughber, 9. September 2011

 

Teil 1: Islamismus - Was ist das überhaupt? | Teil 2: Merkmale | Teil 3: Zuordnungen 

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Literatur

  • Ayubi, Nazih: Politischer Islam. Religion und Politik in der arabischen Welt, Freiburg 2002. Bundesministerium des Innern (Hrsg.): Islamismus, Berlin 2003.
     
  • Backes, Uwe/Jesse, Eckhard: Islamismus – Djihadismus – Totalitarismus – Extremismus, in: Uwe Backes/Eckhard Jesse (Hrsg.): Jahrbuch Extremismus / Demokratie Bd. 14, Baden-Baden 2002, S. 13-26.
     
  • Kepel, Gilles: Die Rache Gottes. Radikale Moslems, Christen und Juden auf dem Vormarsch, München 1991.
     
  • Kepel, Gilles: Das Schwarzbuch des Dschiahd. Aufstieg und Niedergang des Islamismus, München 2002.
     
  • Marty, Martin E./Appleby, R. Scott: Herausforderung Fundamentalismus. Radikale Christen, Moslems und Juden im Kampf gegen die Moderne, Frankfurt/M. 1991.
     
  • Meyer, Thomas: Was ist Fundamentalismus? Eine Einführung, Wiesbaden 2011.
     
  • Pfahl-Traughber, Armin: Die Islamismuskompatibilität des Islam. Anknüpfungspunkte in Basis und Geschichte der Religion, in: Aufklärung und Kritik, Sondeheft 13: Islamismus, 2007, S. 62-78.
     
  • Pfahl-Traughber, Armin: Islamismus als extremistisches und totalitäres Denken. Strukturmerkmale einer Ideologie der geschlossenen Gesellschaft, in: Aufklärung und Kritik, Sonderheft 13: Islamismus, 2007, S. 79-95.
     
  • Pfahl-Traughber, Armin: Islamismus – der neue Extremismus, Faschismus, Fundamentalismus und Totalitarismus? Eine Erörterung zu Angemessenheit und Erklärungskraft der Zuordnungen, in: Zeitschrift für Politik 55. Jg., Nr. 1/2008, S. 33-48.
     
  • Tibi, Bassam: Der neue Totalitarismus. "Heiliger Krieg" und westliche Sicherheit, Darmstadt 2004.

 

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