Religiöse Grundlagen
Mag es innerhalb des Judentum auch sehr unterschiedliche, kontroverse Auffassungen in Glaubensfragen geben, wichtig sind die gemeinsamen Nenner, auf die sich der jüdische Glaube in seiner Vielfalt bringen läßt – der Glaube an einen Gott, an die Gottesebenbildlichkeit des Menschen mit allen Verpflichtungen, die daraus erwachsen, und die Hoffnung auf das Erscheinen des Messias. Und alle Juden sind gleichermaßen den drei Bundeszeichen – der Beschneidung, dem Tefillin-Tragen und der Einhaltung des Schabbat – verpflichtet.
Oberstes Prinzip der jüdischen Religion ist der Glaube an einen einzigen Gott, den Schöpfer aller Dinge, ein rein geistiges Wesen, unkörperlich und unsterblich. Getreu diesem Prinzip lautet das Glaubensbekenntnis:
„Höre Israel, der Ewige, unser Gott, der Ewige ist einzig!“
(Sch`ma Israel adonai elohenu adonai echad)
Nach jüdischem Selbstverständnis hat dieser Gott mit dem Patriarchen Jakob (Israel) einen Bund (Berit) geschlossen, ihn sowie seine Nachkommen erwählt – zu seinem Volk erklärt – und diesem Volk das Land zwischen Mittelmeer und Jordan zum Besitz gegeben (vgl. 1. Mose 17, 7/8.13.).
Durch den Akt der Gesetzesübergabe an Moses wurde dieser Bund nochmals bekräftigt (vgl. 2. Mose 19). Die These vom „auserwählten Volk“ läßt manche Mißdeutung zu. Sie ist primär theologisch zu verstehen und bedeutet für den Gläubigen keine Bevorzugung gegenüber anderen Menschen. Es ist vielmehr eine Verpflichtung zu strengem, gottgewolltem Handeln, eher eine Erschwernis denn ein Privileg im weltlichen Sinne.
Die Grundlagen jüdischen Seins sind festgeschrieben in den Fünf Büchern Moses, der Tora. Im Mittelpunkt stehen dabei die Zehn Gebote („Dekalog“: 2. Mose 20; 5. Mose 5) als oberste Richtlinie.
Um dieses „Grund- Gesetz“, den „Garten“ , errichteten die rabbinischen Gelehrten mit der Halacha einen „Zaun“ in Form zahlreicher weiterer Ge- und Verbote – in der Summe gibt es im Judentum 365 Verbote und 248 Bestimmungen.
Als Beispiel sei hier die weite Auslegung von 2. Mose 23, 19; 34, 26 und 5. Mose 14, 21 genannt. Spricht die Tora lediglich davon, daß man das Fleisch des „Böckleins nicht in der Milch seiner Mutter kochen dürfe“ – eine altisraelitische Reaktion auf den heidnisch-kanaanitischen Milchzauber – , so sprachen die Rabbinen ein generelles Verbot der Mischung von Milch und Fleischgerichten aus.
Das Judentum lehnt im Gegensatz zum Christentum eine Mittlerschaft zwischen Gott und den Menschen ab, es kennt keinen Sündenerlaß durch einen Kleriker, keine Beichte und keine Heiligenverehrung.
Der Mensch steht Gott direkt gegenüber und muß sich für sein Tun verantworten – die Idee der Erbsünde wird abgelehnt. Dem einzelnen Menschen bleibt die Wahl, seinem „guten Trieb“ (Jezer ha-Tow) oder seinem „bösen Trieb“ (Jezer ha-Ra) zu folgen.
Da es dem Menschen faktisch unmöglich ist, lückenlos nach dem Gesetz gottgefällig zu leben, ist er auf die Gnade des Allmächtigen angewiesen. Diese wird gewährt, wenn der Mensch Reue zeigt, zur „Umkehr“ zum Guten (Tschuwa) bereit ist. Gelegenheit dafür hat er immer wieder.
Pflicht des Gläubigen ist es, gute Werke zu tun (Zedaka), das ist an die Stelle des ehemaligen Opferdienstes getreten (vgl. Hosea 6,6), damit kann er seine Rechtschaffenheit unter Beweis stellen: „Die Seele des Sich-Abmühenden arbeitet für ihn“ (Sanhedrin 99a).
Dabei wird die Kausalität allen menschlichen Tuns betont:
„Wie du getan hast, wird dir getan werden; deine Taten fallen auf dein Haupt zurück“ (Obadja 15);
„Wer eine Grube gräbt, fällt hinein, und wer einen Stein wälzt, auf den rollt er zurück“ (Sprüche 26, 27).
Primär ist das Judentum ausgesprochen stark auf das Diesseits orientiert. Vorstellungen von einem Reich der Toten existierten schon im altisraelitischen Glauben, aber dieses „Land des Vergessens“ (Psalm 88, 13), in dem alles erlischt (Prediger 9, 10) war wenig erstrebenswert. Als Schlußfolgerung des Prinzips „Belohnung des Guten – Bestrafung des Bösen“ entstand schließlich der Glaube an ein Leben nach dem Tode, entweder im Paradies oder in der Hölle:
„Viele von denen, die im Lande des Staubes schlafen, werden erwachen – die einen zum ewigen Leben, die anderen zur ewigen Schmach“ (Daniel 12, 2).
Eine wichtige Forderung an den Gläubigen ist die Nächsten-, ja sogar die Feindesliebe:
„Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst“ (3. Mose 18, 18),
„Hungert dein Hasser, so gib ihm Brot zu essen; leidet er Durst, so laß ihn Wasser trinken“ (Sprüche 25, 21).
Strafe ist nicht Angelegenheit des Menschen, sondern Gottes:
„Sprich nicht: ich will Böses vergelten! Harre auf Jahwe, er wird dir helfen“ (Sprüche 20, 22).
Ziel des Menschen soll es sein, Gott so „nah“ wie möglich zu kommen:
„Darum heiligt euch und seid heilig; denn ich bin der Herr, euer Gott“ (3. Mose 20, 7).
In der jüdischen Mystik wird dieser Frage ein sehr hoher Wert eingeräumt. Diese mißt dem Gläubigen eine Rolle als Mitschöpfer und Miterhalter der sich ständig erneuernden Welt zu. Eine weitere Grundlage des Judentums ist der Glaube an den Messias (Meschiach = „der Gesalbte“), an die Erlösung des Judentums und der gesamten Menschheit durch einen Gesandten Gottes kurz vor dem Ende der Zeit, an den ewigen Frieden (vgl. Jesaja 9 und 11). Mehrfach traten Personen mit dem Anspruch auf, der Messias zu sein. Dazu gehörten Simon bar Kochba, Jesus von Nazareth und Sabbatai Zwi.
Zentrale Bedeutung für die jüdische Gemeinschaft hat, wie bereits oben gesagt, das „Gelobte (= versprochene) Land“. Auch in den Zeiten des Exils (Galut) gedachten die Juden stets der verlorenen Heimat der Vorväter:
„Dieses Jahr hier, nächstes Jahr in Jerusalem; dieses Jahr Sklaven, nächstes Jahr freie Menschen“,
so heißt es im Abschlußgebet zum Pessach-Fest. Und der 137. Psalm, 5-6, mahnt:
„Vergesse ich dich, Jerusalem, so verdorre meine Rechte. Meine Zunge soll an meinem Gaumen kleben, wenn ich deiner nicht gedenke, wenn ich nicht lasse Jerusalem meine höchste Freude sein“.
Der immerwährende Gedanke an ein Ende des oft so demütigenden, schmachvollen, nicht zuletzt ständig und immer wieder bedrohten Lebens zwischen Angehörigen übermächtiger fremder Religionen trug mit zum Überleben des Judentums bei.

