Ideologie und ihre Wirkung

„Selbst schuld!“

Die Genogramme, die von den Trainerinnen und Trainern des Violence Prevention Network e. V. zu Beginn eines Trainings erstellt werden, lassen den Schluss zu, dass sich rechtsextreme Gewaltverbrecher in ihren Lebensgeschichten nur wenig von den Biographien unpolitischer Täter unterscheiden. Die Rede ist von gestörten Familienkonstellationen, von Kommunikationsunfähigkeit, von Lieblosigkeit bis hin zu frühen Gewalterfahrungen.

In den Begründungen und im Tatablauf finden sich freilich Unterschiede, die nicht unerheblich sind. Lassen Sie mich aus den – selbstverständlich anonymisierten – Protokollen zitieren, die aus der Arbeit mit einem Jugendlichen in der JVA Rassnitz entstanden sind, um das zu illustrieren:


Darstellung des Falls:

„schwere und gefährliche K[örper]V[erletzung] in mehreren Fällen, schwerste Straftat: lebensgefährliche Verletzung eines Punkers, der ohne Notoperation gestorben wäre und Dauerschäden davongetragen hat.“

 

Aus der Täterbiographie:

„seine Gewaltbereitschaft beginnt schon zeitig in der Schulzeit, besondere Eskalation im Alter von 16 in Zusammenhang mit der Eingliederung in die rechte Szene und Alkoholmissbrauch, hohes Hasspotential, das sich vor allem auf „Schwarze“ und Punker richtet, [...]

Die Familienschwierigkeiten waren komplex, das Familiensystem nicht funktionsfähig. In der Familie wurde kaum über Probleme gesprochen. Es gab keine Interaktion, jeder gestaltete sein Leben für sich. Die Mutter vertuschte und verschwieg die Probleme, während der Vater zu drastischen und gewalttätigen Strafen neigte.“

 

Zur Straftataufbereitung während des laufenden Trainings:

„stellte seine Gewalthandlung amüsierend dar. Er gab vor, dass eine Gruppe aus Punkern sein Grillfest stören wollte und sich ungefragt Bierflaschen genommen hatte, so dass die Jugendlichen die Schlägerei gewollt hatten. Durch die Konfrontation mit den Fakten aus dem Gerichtsurteil musste [Konrad]* etappenweise seine Rechtfertigungen aufgeben. Auch die Entgegenhaltungen der Teilnehmer brachten [Konrad] in Rechtfertigungsnöte. Es zeigte sich, dass der Anlass für die Gewalthandlungen die Alkoholenthemmung und das Feindbilddenken von [Konrad] war. [Konrads] Ideologie von no-go-areas für bestimmte Szenen an seinem Wohnort bringt ihn immer wieder zu Straftaten.“

 

Aus dem Fazit:

„Die Anstrengungen der Gruppe, dem Berichtenden durch Ratschläge zu helfen, wurden von diesem dankbar akzeptiert. Er erkannte letztlich auch an, dass er zu Recht zur Verantwortung gezogen wurde.
Die kritische Aufarbeitung seiner gesamten kriminellen und Gewalttatkarriere mit unzähligen Straftaten hat ihn selbst die Legende vom unschuldigen Justizopfer nicht mehr aufrechterhalten lassen.“


Was den Täter und seine Tat von herkömmlichen Gewaltverbrechern unterscheidet, ist offenkundig: Konrad zählt sich selbst zu Beginn der Trainings zur „rechten Szene“, es kann bei ihm laut Auskunft der beiden Trainer, die ihn betreuten, jedoch nicht die Rede von einem ausgeformten neonazistischen Weltbild sein. Allerdings liefern ihm seine Ideologiefragmente regelmäßig Anlass und Entschuldigung für seine Gewaltexzesse.

In ausdrücklicher Abgrenzung von Pädagoginnen und Pädagogen, die meinen, aufgrund nur fragmentarischer Ideologisierung ihrer Klientel von dessen weltanschaulichen Hintergründen absehen zu können, schreibt Eckart Osborg in seinem Konzept der „subversiven Verunsicherungspädagogik“:

Politisch werden persönlich-biographische Motive dann, wenn hieraus Vorstellungen über einen zunächst subjektiv wünschenswerten Zustand einer Gesellschaft und dazugehöriger staatlicher Institutionen erwachsen und diese in die Öffentlichkeit transportiert werden, in der Absicht, sie durchzusetzen. Insofern gehört auch der Wille zu Machtentfaltung (durch Diskussion / Propaganda, Organisation, Gewalt) zum genuin Politischen [...].“*

Bereits in den 40er Jahren beschrieb der in die USA emigrierte Philosoph Herbert Marcuse in seinen Analysen für die US-Regierung die Wirkung der nationalsozialistischen Doktrin aus psychoanalytischer Sicht. Marcuse sprach von „sich verändernden Tabus“ im Dritten Reich. Der Nationalsozialismus griff in der Bevölkerung weit verbreitete anti-christliche, anti-westliche und anti-zivilisatorische Haltungen auf und konfrontierte die damit verbundenen Triebhemmungen etwa der christlichen Sexualmoral mit seiner vitalistischen und naturalistischen Ideologie. Kurz: er befreite die Triebe von ihren Hemmnissen und band sie zugleich an einen äußeren Zweck, etwa an das „Überleben der Volksgemeinschaft“.

 All diese Triebbefriedigungen werden an die Emanzipation der ‚Natur' von der ‚Zivilsation' gekoppelt. Diese Anziehungskraft ist das Ferment von Aggression und zugleich ein Analgetikum für die Unterwerfung. Das Unterbewusstsein wird von den Beschränkungen befreit, die ihm von der christlichen Zivilisation auferlegt werden, es wird jedoch in einer solchen Weise befreit, dass die entbundenen Impulse die totalitären Formen der Beherrschung bestärken. Das natürliche ‚Recht des Körpers' verdrängt die Ansprüche des Intellekts, die in das Netz der ‚Volksgemeinschaft' einzudringen drohen und ihr terroristisches Fundament offenlegen könnten. [...]

Die Perversion des Christentums in eine völkische Religion gibt den Menschen das gute Gewissen dabei, die moralischen Hemmnisse beim Kampf um Leben und Macht, bei der Vernichtung der Schwachen und Hilflosen, beim Ausbeuten der Volksgenossen und beim umbarmherzigen Erweitern des Lebensraums über Bord zu werfen.“*


Das Gesagte wird vielleicht von einer Rede illustriert, die Propagandaminister Goebbels am 27. September 1942 hielt. Er appellierte hier an die „Volksgenossen“ mit den Worten:

Wer sein Blut gibt, um damit Raum zu schaffen für sein Volk und seine wachsende Kinderzahl, der vollbringt damit im kleinen Kreise das größte Wunder der Volkwerdung selbst.“*

Und:

Es ist unser nationales Unglück, daß wir noch niemals die Kraft aufbrachten, eine absolut passende und deckende Übereinstimmung zu finden zwischen dem, was wir Nationalbewußtsein, und dem, was wir Religiosität nennen. [...] Die Besten unter uns ringen um diese letzte Synthese. Wir besitzen leider noch nicht auch diese religiös zu nennende Verpflichtung den gefallenen Helden gegenüber, die erst ihren Heroismus zu einem nationalen Mythos ausweiten würde.“*

(vgl. hierzu auch: Die Toten und die Lebenden. Das "Heldengedenken" in Halbe und Seelow. )

Ähnliche Gedanken über die Wirkung von Ideologie formuliert Eckart Osborg aus praktischer Perspektive. Sie bestehe darin*,
 

  • „lebensgeschichtlich aufgestaute Gefühle von vernichtendem Hass, Wut und Rache“ auf konkrete Feinde zu lenken;
     
  • Abkoppelung von Moral und Rechtsbewusstsein, wie sie in Gesellschaft und Kultur anerkannt werden, so dass rechtsextreme Jugendliche ausleben können, was allen anderen verboten ist;
     
  • Rechtfertigung von Gewalt: „Die aus gestörten Sozialisationsprozessen herrührenden dissozialen inneren Haltungen, denen sonst soziale Ächtung droht, erscheinen ihnen nun nicht mehr als ein Problem, welches sie lebensgeschichtlich bewältigen müssen, sondern [...] als ‚Lösung’ des (politischen/ sozialen) Problems.“ Es findet eine Umwertung aller Werte statt;
     
  • Kompensation der Selbstwertprobleme;
     
  • Sinngebung: „Die Sinngebung liegt für das Individuum darin, dass die eigene für nichtig befundene Existenz einen Sinn darin erhält, für ein (idealisiertes) größeres Ganzes zu leben“.
     
  • Autarke Weltanschauung: Der Nationalsozialismus liefert nicht nur eine umfassende Weltanschauung, sondern darüber hinaus schützt die Geschlossenheit der Ideologie vor Zumutungen von „Außen“. Die NS-Doktrin liefert einfachste Erklärungen für komplexe Zusammenhänge.

Das Genannte finden wir in mehr oder minder starker Ausprägung bei „Konrad“ wieder: Ohne recht ausdrücken zu können weswegen, fokussiert er seine Wut und seinen Hass auf „Neger“ und „Punker“. Gewalt gegen sie ist in jedem Fall gerechtfertigt, denn in seinem Verständnis dringen sie in den Lebensraum des deutschen Volkes ein und zerstören seine Kultur und Lebensart, einfach dadurch, dass sie als „Neger“ eben „artfremd“ seien oder als „Punker“ „undeutsch“.
 

Jan Buschbom / Violence Prevention Network e. V.
Erweiterte Fassung eines Vortrags, gehalten am „Runden Tisch gegen Rechts“ des Landes Sachsen-Anhalt am 21.06.07.

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