Organisation und Selbstorganisation

„Drinnen und draußen – eine Front!“

„Drinnen und draußen – eine Front!“, unter diesem Slogan beschwören Rechtsextremisten das Soldatische sowohl im Strafvollzug als auch außerhalb der Gefängnismauern: „Eine Front!“, das fordert Kampfbereitschaft, ein hohes Maß an Disziplin und die Bereitschaft, persönliche Opfer zu bringen, bis hin zum (zeitweiligen) Verlust an Freiheit.

Unter diesem Motto gründeten sich Mitte / Ende der 90er Jahre in den Justizvollzuganstalten der Bundesrepublik sog. Knastkameradschaften. Sie entstanden etwa zu der Zeit, als sich das Konzept der so genannten „Freien Kameradschaften“ durchzusetzen begann, mit dem Neonazis die hohe Zahl an Vereinigungsverboten Anfang / Mitte der 90er Jahre erfolgreich zu unterlaufen suchten.

Knastkameradschaften waren zunächst nichts anderes als die Fortsetzung neonazistischer Strategie mit anderen Mitteln – die allerdings unter den Bedingungen des Strafvollzuges recht kärglich ausfielen: neonazistische Strafgefangene trafen sich mit Gleichgesinnten zum Meinungsaustausch, sie rekrutierten gelegentlich rechtsextremen Nachwuchs unter unpolitischen Häftlingen, Propagandamittel wurden von einer Hand zur anderen gereicht, und haftentlassene Kameradschaftsmitglieder organisierten in Freiheit Solidaritätsaktionen.

In der Außenwirkung auf die eigene Szene dürfte denn auch die wichtigste Funktion der Knastkameradschaften gelegen haben. Denn zwar drang kaum einmal etwas von ihrer Tätigkeit in das Bewusstsein einer breiteren Öffentlichkeit, doch schrieben Kameradschaftsmitglieder eifrig sog. „Knastbericht“ nach dem Vorbild der HNG-Nachrichten an neonazistische Fanzines, in denen sie von ihrem Haftalltag berichteten und so in der Szene „draußen“ das Bild von der angeblichen „Gesinnungsdiktatur“ verfestigen halfen.

Wo selbst schwere Gewaltverbrecher sich als „Aktivist[en] für Deutschland und Verfechter der eurasischen Rasse“ beschreiben konnten und sich zu dem Ausspruch von Rudolf Hess bekannten, „Ich bin nicht schuldig und habe mir nichts vorzuwerfen“*, dort zementierten sich bei den Lesern Feindbilder.

Gegenwärtig verlieren Knastkameradschaften erheblich an Bedeutung. Das mag zwei Gründe haben: Einerseits schärfte sich Anfang der 2000er Jahre das Problembewusstsein bei den Behörden und in den Justizvollzugsanstalten. Andererseits nahm auch in ostdeutschen JVAs der Anteil an Häftlingen mit Migrationshintergrund zu. In anderen Worten: Es wurde im Laufe der Jahre immer unvorteilhafter, sich offen zu neonazistischen Ideologien zu bekennen.
 

Illustration aus den Nachrichten der Hilfsorganisation für nationale politische Gefangene und deren Angehörige e. V. Nr. 259, 2002.

Illustration aus den Nachrichten der Hilfsorganisation für nationale politische Gefangene und deren Angehörige e. V. Nr. 259, 2002.

Im Stil einer Traueranzeige wird elf von insgesamt zwölf Nazigrößen gedacht, die von den Allierten in Nürnberg am 30. September 1946 zum Tode verurteilt und am 16. Oktober 1946 hingerichtet wurden.

Viele Rechtsextremisten stilisieren die Verurteilten als die ersten „politischen Gefangenen“ des „Systems“, das den Deutschen von den Alliierten „aufgezwungen“ worden sei.


 


Ebenfalls überwiegend symbolischen Wert hat die Tätigkeit der Hilfsorganisation für nationale politische Gefangene und deren Angehörige, kurz HNG, mit Sitz im hessischen Mainz-Gonsenheim. Sie organisiert Briefkontakte und spendet Briefmarken an Häftlinge, sie vermittelt Kontakte zu „nationalen“ Anwälten, veröffentlicht die „HNG Gefangenenliste“ mit überwiegend prominenten Häftlingen und monatlich gibt sie die „HNG Nachrichten“ heraus, in denen in der Hauptsache sog. „Knastberichte“ versammelt sind. Darüber hinaus finden sich in den HNG-Nachrichten Beiträge zu juristischen Themen und gelegentlich politisch-weltanschauliche Stellungnahmen.

Die HNG-Nachrichten stellen die sog. „politischen Gefangenen“ in eine Linie mit jenen hochrangigen Funktionären der NSDAP, die während der Nürnberger Prozesse abgeurteilt wurden, und die angebliche „Gesinnungsjustiz“ mit der alliierten „Sieger- und Unrechtsjustiz“, wie es heißt, nach dem Kriegsende.

In einer Todesanzeige für die am 16. Oktober 1946 exekutierten Nationalsozialisten, darunter Reichsmarschall Hermann Göring, Reichsaußenminister Joachim von Ribbentrop und Alfred Rosenberg, heißt es bspw.: 

„Am 16. Oktober 1946 starben durch Henkershand des Unrechtstribunals der Siegermächte in Nürnberg [...] Über Galgen wächst kein Gras!“
Nachrichten der Hilfsorganisation für nationale politische Gefangene und deren Angehörige e. V. Nr. 259, 2002

Wenn in der gleichen Ausgabe der HNG-Nachrichten bspw. der NS-Kriegsverbrecher Erich Priebke, der amerikanische Rechtsterrorist Matthew Hale oder der ehemalige FAP-Funktionär Friedhelm Busse zu Wort kommen bzw. gewürdigt werden, dann darf sich der „einfache“, d. h. weniger prominente Strafgefangene erheblich aufgewertet fühlen, wo sein „Knastbericht“ in solcher Nachbarschaft publiziert wird.

In diesem Sinne liegt die wohl wichtigste Wirkung der Arbeit der HNG darin, ideologisch nicht gefestigten Häftlingen ein Identitätsangebot zu unterbreiten, das sie einerseits in eine zugleich historische wie internationale Perspektive einbettet und es ihnen andererseits erlaubt, ihre Tat in einen größeren Zusammenhang zu stellen und (nachträglich) zu rechtfertigen.

Dass diese Identitätsofferte nicht nur ideologisch ungefestigte oder anpolitisierte Häftlinge erreicht, zeigt die Organisationsstruktur der HNG. Denn mit 600 Mitgliedern ist sie die größte Neonazi-Organisation in der Bundesrepublik. Zu ihren Jahreshauptversammlungen kommen höchst unterschiedliche und nicht selten zerstrittene Szene- und Organisationsvertreter an einen Tisch, darunter solche der NPD, DVU, der Republikaner, Personen aus der Kameradschaftsszene, Revisionisten, Neue Rechte usw.

Das Netzwerk funktioniert über alle Gräben hinweg gut, wie Beobachtungen illustrieren, die von den Trainerinnen und Trainern des Violence Prevention Network e. V. bei ihren Trainings und Einzelgesprächen mit den jugendlichen Häftlingen gemacht werden. Immer öfter wird ihnen von Teilnehmern am Programm „Verantwortung übernehmen. Abschied von Hass und Gewalt“ stolz berichtet, dass hochrangige Funktionäre von NPD und DVU ihnen persönlich einen Brief geschickt hätten.

„Das wertet die Jugendlichen ungeheuer auf, gibt ihnen Selbstbewusstsein“, sagt einer der Trainer des Violence Prevention Network e. V. „Die Jugendlichen in Haft befinden sich häufig in einer isolierten Situation, in der sie von ihrer persönlichen Umgebung oft allein gelassen werden. Meist ist es nicht mehr als ein unpersönliches Standardanschreiben, dem ein wenig Werbematerial beiliegt. Aber wenn die Jugendlichen in ihrer Einsamkeit einen ausdrücklich an sie gerichteten Brief erhalten, der von einem namhaften NPD-Funktionär persönlich unterzeichnet ist, dann werden bei den Jugendlichen damit offene Tore eingerannt. Es gibt ihnen, was ihnen fehlt: Respekt und Nestwärme.“

Solche Briefe belegen nicht nur die mobilisierende und verbindende Wirkung des Themas „Strafverfolgung“ und „Strafvollzug“. Darüber hinaus zeigen sie, dass auch gegenwärtig versucht wird, unmittelbar in den Justizvollzugsanstalten rechtsextremen Nachwuchs zu rekrutieren.

 

Jan Buschbom / Violence Prevention Network e. V.
Erweiterte Fassung eines Vortrags, gehalten am „Runden Tisch gegen Rechts“ des Landes Sachsen-Anhalt am 21.06.07.

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