Kleiderordnung?

Das Foto zeigt von links nach rechts prominente Neonazis mit unterschiedlichen modischen Vorlieben: Sven Skoda mit Irokesenschnitt und im Che-Guevera-TShirt, Siegfried "SS Siggi" Borchardt im Rockeroutfit, Axel Reitz im Gestapo-Look mit langem Ledermantel und Christian Worch als Biedermann. Der Streit des Jahres 2002 wurde letztlich zu einer Abstimmung mit den Füßen – zahlreiche Besucher der von ihm durchgeführten Veranstaltungen gaben Worch letztlich Recht. Dennoch flackert die Auseinandersetzung bis heute immer wider einmal auf.

So saß während des NPD-Pressefests 2003 in einer Diskussion, die sich dem Thema „Demonstrationen“ widmete, mit Lars Jacob der Mann auf dem Podium, der als offizieller Macher des Freundeskreis’ Halbe auftritt.

Jacob, „Aktivist aus dem Umfeld des Hamburgers Christian Worch“ vertrat, wie die NPD-Zeitung Deutsche Stimme meldete, in der Diskussion, in der es auch um die Frage nach einer verbindlichen Kleiderordnung ging, die Meinung,

[e]ine wie auch immer geartete 'Kleiderordnung’ [verstoße] gegen freiheitliche Grundsätze“. „Jeder habe die Freiheit, so auszusehen, wie es ihm beliebe.“

Sein Gegenüber, der ehemalige Rechtsterrorist Peter Naumann, der mittlerweile für die NPD-Fraktion im sächsischen Landtag tätig ist, griff den Mann vom Freundeskreis Halbe in aller Schärfe an:

derartiges Denken [entspräche] kaum nationalistischen Grundsätzen, sondern [sei] vielmehr 'Liberalismus pur’“
(deutsche-stimme.de/Sites/Pressefest2003.html; eingesehen am 5. Oktober 2006)

– einen schärferen Vorwurf als den des „Liberalismus“ gibt es in neonazistischen Kreisen kaum.

Angesichts der „liberalen“ Grundsätze Jacobs verwundern auf den ersten Blick die Bestimmungen, die der Freundeskreis Halbe für den „Heldengedenktag“ am 18. November 2006 erlassen hat:

Verboten sind: Springerstiefel und alle Stiefel, die Springerstiefeln hinreichend ähnlich sehen (Rangers, DocMartens mit Stahlkappe etc.). Die gilt auch für entsprechende Stiefel, die nicht schwarz sind, sondern rot oder braun oder rotbraun. Die klassischen DocMartens ohne Stahlkappe sind erlaubt ! Verboten sind weiterhin Halbschuhe mit Stahlkappen. Bomberjacken in allen Farben; auch auf links gedrehte Bomberjacken mit orangefarbenem Innenfutter sind untersagt.

Wir wollen nicht, dass zu einem Heldengedenken unsere Kameraden aussehen wie die Leute von der Müllabfuhr !
Jacken wie z.B. Harrington, Donkey-Jacket mit und ohne PVC sind gleichfalls verboten. Auch "Domestos-Jeans & Jacken" sind verboten. Wir wünschen keine Teilnehmer zu sehen, die Aufdrucke auf ihrer Bekleidung (Lonsdale, Consdaple etc.) überkleben müssen. Wir wollen nicht, dass die Bekleidung der Teilnehmer aussieht wie ein "Flickenteppich". Am sinnvollsten ist, Bekleidungsstücke zu tragen, die überhaupt keinen Aufdruck haben. [usw.]“

(fkhalbe.net/regeln/regeln.htm; eingesehen am 6. Oktober 2006)

 

Soldatisches Auftreten

Tatsächlich geht es auf den Veranstaltungen in Halbe beinahe militärisch zu. Das Aktionsbüro Norddeutschland berichtete 2004:

Die Kranzträger bildeten die Spitze des Marschzuges. Dahinter folgten die Fahnen und anschließend in endlosen Reihen die vielen Kameradinnen und Kameraden, die aus dem In- und Ausland an diesen historischen Ort gekommen waren. [...] Doch den Brückenschlag zwischen der Front von Damals und der jungen Front von Heute können sie weder mit solchen Schikanen noch anderweitig verhindern. Dieser Brückenschlag vollzieht sich in den Köpfen und an diesem Tag hat die deutsche Jugend wieder ein machtvolles Zeichen der inneren Verbundenheit mit dem deutschen Frontsoldaten gezeigt.“
(fkhalbe.net/jahrgaenge/rblick04/rblick04.htm; eingesehen am 8. Oktober 2006)

Soldaten- und Ehrenmale werden in der gesamten Bundesrepublik regelmäßig zum Schauplatz neonazistischer Klein- und Kleinstaufmärsche. Im Bild eine sechsköpfige Gruppe im thüringischen Zella-Mehlis. Beschreibungen wie diese, die wohl aus der Feder Thomas Wulffs stammt, zeigen, dass es bei Veranstaltungen rund um historische Themen weniger um Fakten geht, sondern vielmehr um die Selbstverortung als „politischer Soldat“ oder als, wie es im konkreten Fall formuliert wird, „junge Front von Heute“.

Nach dem Niederlegen der Kränze und einer Rede des Neonazis Ralph Tegethoff sangen die versammelten Rechtsextremisten das Lied „Wenn alle untreu werden (so bleiben wir doch treu)“ (Max von Schenkendorf, 1814), das die SS bei der Vereidigung neuer Rekruten absingen ließ. In der Nacht nach der bedingungslosen Kapitulation vom 8. auf den 9. Mai 1945 wurde Schenkendorfs „Treuelied“ von SS-Offizieren der Heeresgruppe Mitte in Böhmen angestimmt, bevor sie gemeinsam in den Freitod gingen.

Der Mythos vom Opfer und Selbstopfer ist zentraler Bestandteil der nationalsozialistischen Ideologie. So bestimmte der Reichsführer-SS Heinrich Himmler in seiner Schrift „Die Schutzstaffel als antibolschewistische Kampforganisation“:

Die vierte Richtlinie und Tugend, die für uns gilt, ist die des Gehorsams; des Gehorsams, der bedingungslos aus höchster Freiwilligkeit kommt, aus dem Dienst an unserer Weltanschauung, der bereit ist, jedes, aber auch jedes Opfer an Stolz, an äußeren Ehren und all dem, was uns persönlich lieb und wert ist, zu bringen;“
(Heinrich Himmler: Die Schutzstaffel als antibolschewistische Kampforganisation. München(3) 1937. S. 13)

Vor dem Hintergrund solcher Mythen wundert es nicht, wenn Rechtsextremisten die historische Realität beharrlich ignorieren. So heißt es im Text des Aktionsbüro Norddeutschland:

Halbe ist uns Symbol für die Tapferkeit des deutschen Frontsoldaten, der auch in auswegloser Lage, gegen eine erdrückende Übermacht, die Waffen nicht streckte. Der, den Tod vor Augen, immer wieder unglaubliche Leistungen besten Soldatentums hervorbrachte, als es um den Schutz unseres Volkes ging. Halbe ist aber auch Symbol für unsere Treue gegenüber den Toten unseres Volkes – ist Teil unseres Kampfes um die Ehre der besten Soldaten der Welt.“
(fkhalbe.net/jahrgaenge/rblick04/rblick04.htm; eingesehen am 8. Oktober 2006)

Dass General Busse ein Kapitulationsangebot der Roten Armee ausschlug, weil er die westalliierte Gefangenschaft der sowjetrussischen vorzog, und so 60.000 Menschenleben opferte, darunter 30.000 deutsche Soldaten, 10.000 Zivilisten und sowjetische Zwangsarbeiter sowie 20.000 in der Kesselschlacht gefallene Rotarmisten (vgl. Die Wahrheit über den Kessel von Halbe) – all das interessiert vor der ideologischen Folie des Neonazismus nicht.

Jan Buschbom, Violence Prevention Network e.V.
2006

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