Nachbetrachtung 2006

Das "Heldengedenken" in Halbe und Seelow

Die Toten und die Lebenden

I. Rituale

Zu allen Zeiten begingen und an allen Orten begehen Menschen Rituale, um dem Verlust eines geliebten Menschen Herr zu werden. Sie beten und singen, um den Tod zu begreifen, um der Trauer Ausdruck zu verleihen. In dem Ringen um Worte für das, was unfassbar ist, liegt die Chance, die Trauer eines Tages beiseite lassen zu können. Rituale helfen, weil sie Ausdruckmöglichkeiten bereithalten für Gefühle, die den Einzelnen stets aufs Neue überwältigen.


II. Selbstversicherung

In der Öffentlichkeit zelebrierte Trauer- und Gedenkrituale gehen über den Zweck der Trauerbewältigung noch hinaus. Sie sind zugleich Formen der Selbstversicherung menschlicher Gemeinschaften. Dass nämlich das Leben eines aus der Mitte der Gemeinschaft Verstorbenen (s)einen Sinn erfüllt habe, sein Tod nicht unnötig gewesen sei. Verhandelt werden also die Werte der Gemeinschaften selbst, nach denen beurteilt werden kann, ob ein Leben gut und ein Tod nicht sinnlos war.

"Wir wollen euch aber, liebe Brüder, nicht im Ungewissen lassen über die, die entschlafen sind, damit ihr nicht traurig seid wie die andern, die keine Hoffnung haben", heißt es im ersten Brief des Apostel Paulus an die Thessalonicher. Die Botschaft an die Lebenden lautet, ihr gehört zu jenen, die Hoffnung haben, weil ihr an Jesus Christus glaubt. Weil ihr zu Lebzeiten glaubt, wird euer Tod nicht sinnlos sein:

Denn wenn wir glauben, dass Jesus gestorben und auferstanden ist, so wird Gott auch die, die entschlafen sind, durch Jesus mit ihm einherführen.
1. Thess. 4, 13f.

Man kann es auch als Drohung formulieren: Wenn ihr nicht an unsere gemeinsamen Werte und Vorstellungen glaubt, dann wird euer Leben trost- und hoffnungslos sein.

Siegmund Freud notierte nach dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs:

An der Leiche der geliebten Person entstanden nicht nur die Seelenlehre, der Unsterblichkeitsglaube und eine mächtige Wurzel des menschlichen Schuldbewusstseins, sondern auch die ersten ethischen Gebote. Das erste und bedeutsamste Verbot des erwachsenen Gewissens lautet: Du sollst nicht töten. Es war als Reaktion gegen die hinter der Trauer versteckte Hassbefriedigung am geliebten Toten gewonnen worden und wurde allmählich auf den ungeliebten Fremden und endlich auf den Feind ausgedehnt.
Siegmund Freud: Zeitgemäßes über Krieg und Tod (1915) (in: S. Freud: Das Unbehagen in der Kultur. Und andere kulturtheoretische Schriften. Frankfurt am Main(9) 2004), S. 156. Hervorhebung im Original, J. B.

Wo die Gemeinschaft der Toten gedenkt, versichert sie sich der Werte der Lebenden, denn an ihren Gräbern entstanden die sittlichen Werte.

Augenfällig wird die Beziehung von öffentlichen Trauer- und Gedenkveranstaltungen zu den Werten, die Gemeinschaften in ihrem Inneren ausmachen, wo jenen gedacht wird, die im Dienst für das Gemeinwesen verstarben. Denn menschliche Gemeinschaften setzen sich zu verschiedenen Anlässen über jenes erste Gebot hinweg: Du sollst nicht töten. Hier wird nicht allein verhandelt, zu welchen Bedingungen die Gemeinschaft bereit ist, einen "äußeren Feind" zu töten.

An den Gräbern von Polizisten etwa, die im Dienst getötet wurden, oder von Soldaten, die im Krieg fielen, kommt zur Sprache, unter welchen Umständen die Gemeinschaft das Leben von jungen Männern und Frauen aus ihrer Mitte riskieren oder gar opfern darf.

 

III. Wiederauferstehung. Das Reich

"Wir lassen uns ein würdiges Gedenken an unsere gefallenen Soldaten nicht nehmen", sagte der DVU-Abgeordnete im brandenburgischen Landtag Siegmar-Peter Schuldt in der Debatte um die Ersetzung des § 16 des Versammlungsgesetzes am 13. September 2006, mit dem Neonazi-Aufmärsche an Gräberstätten künftig verhindert werden sollen.

Soldaten wie sein Vater hätten im Zweiten Weltkrieg nicht für "Hitler und den Nationalsozialismus", sondern für "unser Vaterland", "für Deutschland [gekämpft]". In einer Pressemitteilung vom 19.05.06 sprach Schuldt vom "heldenhaften Kampf unzähliger deutscher Soldaten", dem bei den Veranstaltungen auf dem Soldatenfriedhof in Halbe gedacht würde. Umso bemerkenswerter ist, dass, obwohl die Anmelder vom Freundeskreis Halbe sich offen zum Nationalsozialismus bekennen, DVU-Mann Schuldt sich am 25. Oktober 2006 im Landtag anlässlich der Debatte um den "Tag der Demokraten" beschwerte, in Halbe würden "alle, die das ehrenvolle Gedenken an die deutschen Soldaten des Zweiten Weltkriegs bewahren möchten", "als Nazis diffamiert".

Tatsächlich machen alle, die am 18. November 2006 am Ausweichort des "Heldengedenkens" in Seelow ihre Reden hielten, wenig Hehl aus ihrer Haltung zum Nationalsozialismus. So der Hitler-Verehrer Reinhold Leidenfrost, der im Zweiten Weltkrieg als Jagdflieger diente. Er ließ die "Auferstehung des Deutschen Reiches" hochleben und leugnete die Kriegsschuld des Dritten Reichs:

Wir wissen heute, dass Deutschland unter Adolf Hitler keine Schuld am Ausbruch des Zweiten Weltkrieges trägt. [...] Dieser Vernichtungskrieg wurde von den westlichen Siegermächten aus wirtschaftlichen Gründen vom Zaun gebrochen, um Deutschland als künftigen, möglichen Konkurrenten von vorneherein auszuschalten.
Alle Zitate aus Seelow vom 18.11.06 nach Transkript von Videoaufzeichnungen[1]


Der stellvertretende NPD-Vorstand und Fraktionsvorsitzende der sächsischen NPD-Landtagsfraktion Holger Apfel sprach in Seelow voller Ablehnung für die Bundesrepublik und ihrer Werte, als er sagte: "... man muss kein Hellseher sein, einem Staat, der seinen Gefallenen die Achtung versagt, keine Zukunft zu prophezeien, und ihn einfach nur abgrundtief zu verachten.".

In ein ähnliches Horn stieß der Hamburger Neonazi Christian Worch, der von "der Majestät des Todes, vo[n] dem Opfermut der Gefallenen" schwärmte. Ihr "menschliches Opfer" würde heute verhöhnt von würdelosen Elementen. Er frage sich, "welche von den heutigen Lebenden sind denn überhaupt noch jenes Opfers wert, das unsere Väter, unsere Großväter, unsere Urgroßväter vor allen Dingen unter den schlimmsten Umständen in den letzten Monaten und Wochen des Krieges gebracht haben?"

Ein besonders befremdliches Schauspiel inszenierte der ehemalige Kader der verbotenen Freiheitlichen Arbeiterpartei Ralph Tegethoff, der als Zeremonienmeister des "Heldengedenkens" den Einpeitscher gab. Er rief in die Menge: "Sie kämpften für die Freiheit Europas. Indem wir uns nun zu ihnen [wenden], werden wir eins mit den Gefallenen unseres Volkes. Ich rufe die Toten des Heeres!" Die versammelten Neonazis antworteten: "Hier!" Tegethoff: "Ich rufe die Toten der Marine! - Hier! - Ich rufe die Toten der Luftwaffe! - Hier! - Ich rufe die Toten der Waffen-SS! - Hier!"

 

IV. Heroik. Selbstvergottung.

Halbe und die Ausweichveranstaltung 2006 in Seelow sind Ausdruck eines originär nationalsozialistischen Todes- und Opferkultes. Propagandaminister Goebbels schrieb:

Wer sein Blut gibt, um damit Raum zu schaffen für sein Volk und seine wachsende Kinderzahl, der vollbringt damit im kleinen Kreise das größte Wunder der Volkwerdung selbst.
Joseph Goebbels: Die Zeit ohne Beispiel. Reden und Aufsätze aus den Jahren 1939/40/41. München 1941. S. 97

Und:

Es ist unser nationales Unglück, daß wir noch niemals die Kraft aufbrachten, eine absolut passende und deckende Übereinstimmung zu finden zwischen dem, was wir Nationalbewußtsein, und dem, was wir Religiosität nennen. [...] Die Besten unter uns ringen um diese letzte Synthese. Wir besitzen leider noch nicht auch diese religiös zu nennende Verpflichtung den gefallenen Helden gegenüber, die erst ihren Heroismus zu einem nationalen Mythos ausweiten würde. [...] Wir können uns heute gar nicht vorstellen, welche Gewalt die Toten über die Lebenden besitzen, wenn wir sie nur zu Wort kommen lassen.

Das Heer der Gefallenen hat die Waffen nicht niedergelegt. Es marschiert in Wirklichkeit in den Reihen der kämpfenden Soldaten mit. [...] [Die Toten] beanspruchen von der lebenden Generation das Reich in seiner Größe und Macht, das sie mit brennenden Augen beim Scheiden ein letztes Mal grüßten. Über unsere Häupter hinweg reichen sie sich mit den Kommenden die Hand. Ohne da zu sein, üben die Vergangenen und die Werdenden die größte Macht auf uns aus.
Joseph Goebbels: Die Zeit ohne Beispiel. Reden und Aufsätze aus den Jahren 1939/40/41. München 1941. S. 99f.

Hier wird nicht getrauert, hier geht es um höhere Weihen, um metaphysische Selbstüberhöhung, die noch heute ihren Ausdruck findet, wo etwa Tegethoff davon spricht, eins zu werden mit den Gefallenen, und Worch von der "Majestät des Todes". Vor diesem Hintergrund ist auch das Motto des "Heldengedenkens" 2006 zu verstehen: "Die Vergangenheit strömt in hundert Wellen in uns fort".

Es sei einer Äußerung Friedrich Nietzsches entnommen, teilt der Freundeskreis Halbe auf seiner Homepage mit. Und tatsächlich findet sich in den "Vermischten Meinungen und Sprüchen" der Eintrag "Wohin man reisen muss" mit dem so tief gründelnden Satz. Freilich geht es auch Nietzsche nicht einfach um Ortsveränderung, etwa zu historischen Stätten:

Nun giebt es aber noch eine feinere Kunst und Absicht des Reisens, welche es nicht immer nöthig macht, von Ort zu Ort und über Tausende von Meilen hin den Fuß zu setzen. [...] Wer, nach langer Übung in dieser Kunst des Reisens, zum hundertäugigen Argos geworden ist, der wird seine Jo - ich meine sein ego - endlich überall hinbegleiten und in Ägypten und Griechenland, Byzanz und Rom, Frankreich und Deutschland, in der Zeit der wandernden oder der festsitzenden Völker, in Renaissance und Reformation, in Heimat und Fremde, ja in Meer, Wald, Pflanze und Gebirge die Reise-Abenteuer dieses werdenden und verwandelten ego wieder entdecken. -So wird Selbst-Erkenntnis zur All-Erkenntnis in Hinsicht auf alles Vergangene: wie, nach einer anderen, hier nur anzudeutenden Betrachtungskette, Selbstbestimmung und Selbsterziehung in den freiesten und weitest blickenden Geistern einmal zur All-Bestimmung, in Hinsicht auf alles zukünftige Menschenthum, werden könnte.
Friedrich Nietzsche: Vermischte Meinungen und Sprüche (in: Nietzsches Werke. Klassiker Ausgabe. Bd. 3. Leipzig 1919). S. 538

Säuglinge sind nicht in der Lage, das "Ich" von der "Außenwelt" zu unterscheiden, so der Nestor der Tiefenpsychologie Siegmund Freud. In manchmal schmerzhaften Prozessen lernen Kleinkinder erst nach und nach Innerliches vom Äußerlichen zu trennen. Trotzdem leben viele Erwachsene mit einem "ozeanischen Gefühl" von "Unbegrenztheit" und "All-Verbundenheit", das aus dieser Zeit resultiert. Gleichwohl Freud diese Gefühle als Ursache von Religiosität verneinte[2], erstaunt es, in welchem Maße solche Vorstellungen von der Überwindung der Grenze zwischen "Innen" und "Außen" Eingang ins Konzept von "Göttlichkeit" gefunden haben, sobald einmal primitiv-magische Naturbeschreibungen verdrängt worden waren und die Beobachtung ins Recht gesetzt wurde, dass die Natur nach Ursache und Wirkung organisiert ist.

Wenn alles Bewegung ist und alle Bewegung eine Bewegungsursache, ein Bewegendes hat, so der griechische Philosoph Aristoteles, dann müsse es einen "selbst unbewegten ersten Beweger" geben. Die aristotelische Metaphysik bezeichnet diesen ersten selbst unbewegten Beweger als ewig, als Wirklichkeit, als frei von Materialität und Veränderung, also als frei von Form und Stoff, als beseelt und reine Seele. Sie bestimmt die Dinge nach ihren Zwecken, denn alles strebt nach Vollkommenheit.

War bei Aristoteles der selbst unbewegte erste Beweger göttliches Prinzip, nahm er in der Bearbeitung christlicher Theologen wie Albertus Magnus oder dem Heiligen Thomas von Aquin die Form eines Schöpfergottes an. Ausgehend von dem Grundsatz "nemo dat quod non habet" - "nichts gibt, was es nicht hat" - beschreibt der Heilige Thomas Gott als primus motor, der alles in sich einschließt: Anfang und Ende ebenso wie die Möglichkeiten, potentialiter, d. h. unvollendet, und realiter, d. h. vollendet.

Über Jahrhunderte bildete die Vorstellung vom Umfassen der Außenwelt durch das Ich nicht nur die Grundlage dafür, wie Menschen Gott beschrieben, sondern auch für okkultistische Praktiken der Selbstvergottung: Der Vordenker des italienischen Faschismus Julius Graf Evola beschrieb 1938 unter direkter Bezugnahme auf den Nationalsozialismus die Herrschaft als "geistigen" Adel mit dem Bild vom "unbewegten Beweger", weil "es ein Irrtum ist, anzunehmen, die Hierarchie der Traditionswelt sei auf einer Gewaltherrschaft der höheren Schichten errichtet. [...] [Die traditionsbegründete Lehre] hat immer das ‚Olympische' [d. h. Göttliche, J. B.] der Geistigkeit und des wahren Herrschertums betont, ebenso wie seine Art, unmittelbar, nicht aus Gewalt, sondern aus ‚Vorhandensein' über die Unterlegenen zu wirken". (Deutsches Volkstum, H. 11, 1938.).

Mit solchen Sätzen delegitimierten Männer wie Graf Evola nicht nur den Widerstand gegen faschistische Diktaturen ebenso wie die nationalsozialistische, indem sie das "Führerprinzip" in göttliche Sphären rücken. Sie stehen auch für das Bedürfnis, sich selbst als sakrosankt zu betrachten. Und sie bilden darüber hinaus einen seltsamen Widerspruch zu den brutalen Realitäten etwa der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft.

In seiner Skizze "Wohin man reisen muss" beschreibt Nietzsche den Menschen als in seinem Körper Gefangenen, so wie Io, die wunderschöne Königstochter in der griechischen Mythologie, die nach einem Stelldichein mit dem Allvater Zeus in eine Kuh verwandelt wurde. Göttermutter Hera durchschaute den Zaubertrick und entdeckte den Seitensprung. Sie nahm die Prinzessin mit sich und gab ihr den Riesen Argos an die Seite, der mit hundert Augen in alle Richtungen schaute und stets nur mit einem Paar davon schlief. Er sollte verhindern, dass Zeus sich der Io nähern konnte und sie zu seinem weiteren Vergnügen zurückverwandelte. Gefangen in dem Körper einer Kuh wanderte die Königstochter über den Erdkreis, bis Hera sich erweichen lies und ihrem Gatten Zeus die Rückverwandelung gestattete.

In anderen Worten: Wem es gelingt, wie Argos mit hundert Augen in die Vergangenheit zu schauen, der werde, so Nietzsche, das Gefängnis seines Körpers überwinden und zur "All-Erkenntniss" gelangen. Ebenso könne ein "zukünftiges Menschenthum" durch die Selbstbestimmung zur All-Bestimmung gelangen.

Nietzsche formuliert das ausdrücklich als radikale Abkehr vom christlichen Gott, der für ihn per se die "die Formel für jene Verleumdung des ‚Diesseits', für jede Lüge vom ‚Jenseits'!" darstellte. Und doch gibt er seinem "zukünftigen Menschenthum" göttlichen Charakter mit auf den Weg, wo er es mit "All-Erkenntniss" und "All-Bestimmtheit" ausstattet und so die Grenzen zwischen dem Ich und seinem Außen sprengt. (Und nur nebenbei bemerkt, bleibt trotz des autoritätshörigen Verweises auf ein "gutes geistiges Werk von Nietzsche", so der Freundeskreis Halbe im O-Ton, die Kritik am infantilen Irrationalismus solcher Äußerungen in Kraft, denn auch Nietzsche vermöchte nicht zu sagen, wie das geschehen soll, ohne die Biologie und die Gesetze der Natur außer Kraft zu setzen.)

Trotz seines ideengeschichtlich so unheilvollen Vitalismus' - seiner Bewunderung für das Gesunde, für das Reine, für das Kräftige wie seiner Verachtung alles Krankhaften, alles Unreinen, alles Schwachen - muss man Nietzsche in einem zentralen Punkt vor seinen (neo)nazistischen Verehren in Schutz nehmen: Es ist gerade die (vermeintliche) Weltabgewandtheit der christlichen Lehre, die seinen Furor antreibt. Der Vitalismus nationalsozialistischer Prägung hingegen gelangt erst im Tod zu seiner vollen Bedeutung. Erst wenn der einzelne Mensch verstorben ist, wenn er den "Heldentod" starb, erst dann haben sein Leben und all seine Kraft ihren Zweck für die "Volksgemeinschaft" erfüllt. "Blut geben" um "Raum zu schaffen für sein Volk", lautete Goebbels euphemistische Umschreibung für den Tod.

 

V. Tod. Verrat

Damit ist das Inhumane des Nationalsozialismus in Goebbels' Formel vom "Nationalbewusstsein" als "Religiosität" bezeichnet: Das Leben an sich stellt keinen Wert dar, es sei denn im Tod. Der Tod adelt die so weltliche wie brutale Herrschaft zum Göttlichen.

Wo der Tod geradezu religiös verehrt wird, geraten die gefallenen Soldaten zu weltfremden Abziehbildern soldatischer Tugenden, die dem grauen Alltag heroische Weihen verleihen. In der "Allgemeinen Dienstordnung für die SA der NSDAP" von 1933 wird der ideale SA-Mann so beschrieben:

Artikel 1. Der SA-Mann ist der politische Soldat Adolf Hitlers. [...] Artikel 2. Der SA-Mann ist treu. [...] Artikel 3. [...] Der Verräter wird mit den schwersten Strafen belegt. Artikel 4. Der SA-Mann ist mutig. Entschlossen und unverzagt bekennt er sich immer und überall zu seiner Fahne und unerschrocken kämpft er für sie bis zum letzten Atemzug. In allen Lebenslagen steht ihm das Beispiel seiner im Kampf gefallenen Kameraden leuchtend vor Augen. [...] Der SA-Mann ist mannhaft und männlich. [...] Unmännliche, unentschlossene und stets bedenkliche Naturen, Laue und Halbe sind für die SA unbrauchbar.[...] Artikel 7. [...]

Manneszucht und Gehorsam sind die Grundpfeiler jeder soldatischen Einheit. [...] Zur Erzwingung des Gehorsams ist jeder Vorgesetzte berechtigt, jedes geeignete Mittel, wenn nötig auch die Waffe, anzuwenden. [...] Artikel 13. Der SA-Mann ist ehrliebend. Seine Ehre ist ihm höchstes Gut, die zu verteidigen oder wiederherzustellen er mit Einsatz seines Lebens stets bereit ist. [...] Artikel 15. Der SA-Mann ist kameradschaftlich und hilfsbereit. Er lebt mit seinen Kameraden in Eintracht und wird sie in Not und Gefahr niemals verlassen. [...] Artikel 20. Der SA-Mann ist revolutionär. Er ist stark in der Liebe und stark im Hass.
Allgemeine Dienstordnung für die SA der NSDAP. München 1933. S. 9 - 18.)

Menschen ändern ihre Meinung, es wird ihnen von ihrer Umgebung meist als gutes Recht eingeräumt, selbst dann, wenn etwaige Parteifreunde den "Gesinnungswechsel" als schmerzhaft empfinden oder ihrer "menschlichen Enttäuschung" Ausdruck verleihen.

Wo hingegen - wie im neonazistischen Spektrum - soldatische Tugenden den zwischenmenschlichen Alltag prägen sollen und der Einzelne hinter die "gemeinsame Sache" zurücktritt, dort gilt eine Meinungsänderung als "Verrat" an Heiligem. Die grundlegendsten menschlichen Beziehungen verkehren sich dann in ihre Gegenteile. Dies wird in der Studie "Rechtsextremismus und Sozialisation" (Braunschweig 2006) illustriert.

Hier erzählen Eltern von Jugendlichen, die in die extreme Rechte gerieten, die Geschichten ihrer Kinder - und damit die Geschichte des Zerfalls der familiären Bindungen zugunsten sektiererischer Abhängigkeiten. Eine Mutter berichtet von der Verachtung ihres Sohnes für seine Eltern unter dem Banner der "Kameradschaft":

Als ich eines Tages nach Hause kam fand ich einen Abschiedsbrief meines Sohnes vor und mein Mann und ich suchten ihn am selben Tag noch in der Umgebung. In der Stadt entdeckten wir ihn nicht, [...]. Wir gaben am nächsten Abend eine Vermisstenanzeige bei der Polizei auf und als mein Mann ihn an diesem Abend nach Hause holte, schloss ich meinen Sohn in die Arme und bat darum, mir nie wieder solche Sorgen zu bereiten. Er erwiderte nur, das sei nicht wichtig. Seine Kameraden seien ihm wichtig und er versicherte uns häufig, dass er uns für die rechte Szene fallen lassen würde, da sie mehr Wert sei, als wir. Auch später sagte er immer wieder, es sei ihm egal, was mit uns passieren würde.
Olaf Lobermeier: Rechtsextremismus und Sozialisation - Eine empirische Studie zur Beziehungsqualität zwischen Eltern / Angehörigen und ihren rechtsorientierten Kindern (= Wege aus der rechten Szene. Bd. 2: empirische Studien). Braunschweig 2006, S. 177f.

Mit 18 Jahren trat der junge Mann in die NPD ein und reüssierte auf Landesebene in der Parteihierarchie. Einige Jahre später gab er in einem offenen Brief seinen Ausstieg bekannt:

Obwohl er darin versprach, die Szene nicht zu diskreditieren, wurde er nach dieser Erklärung von Rechten bedroht. Sie versuchten bei ihm einzubrechen und beschmierten seine Wohnungstür mit einem Hakenkreuz. Sie versuchten, ihn gegen seine Adoptiveltern aufzuhetzen. Mich riefen sie auch an und drohten mir, ich würde meinen Sohn bald nicht mehr wieder erkennen, da sie ihn sich vornehmen würden. [...] Mein Sohn hatte nicht nur Polizeischutz, sondern er wurde im Ausstiegsprozess von der Aussteigerhilfe X sehr stark unterstützt und sie brachten meinen Sohn und seine Freundin die ersten drei Monate in einem anderen Land unter.
Olaf Lobermeier: Rechtsextremismus und Sozialisation. A. a. O. S. 179.

Solche Bedrohungsszenarien sind keine Ausnahme. Gerade weniger prominente Personen aus dem Fußvolk müssen um ihre Gesundheit fürchten. Vielfach richten sich die Aggressionen auch gegen die unmittelbaren Angehörigen. Dass das bis zu Morddrohungen reichen kann, erzählt die Mutter eines ausstiegswilligen Mädchens:

Mittlerweile hatte sie auch Angst, dort auszusteigen. Das eine Mal nach einem langen Gespräch erzählte sie, dass sie Angst hätte. Wenn wir nur wüssten, was da los wäre, wüssten wir, warum sie Angst hat, sagte sie. Denn die haben sehr geklammert und ihr gegenüber auch mal geäußert, dass man ihre Eltern ja auch umbringen könne.
Olaf Lobermeier: Rechtsextremismus und Sozialisation. A. a. O. S. 151.

Auch nichtige Anlässen können zu erheblichen Bedrohungen führen, wie die Mutter eines jungen Mannes schildert, der den Ausstieg nicht vollzogen hat:

Manches Mal hatte ich das Gefühl, er würde aus irgendwelchen Gründen von den Rechten erpresst. [...] Ich weiß auch, dass er sich bei seiner Freundin hin und wieder ausgeweint hat. Sogar umbringen wollte er sich. [...] Es ging um mehr als 200 EUR für ein Seminar der NPD. Ein Herr (X) hätte ihm gesagt, er müsse daran unbedingt teilnehmen. Ich erwiderte, er sei minderjährig, das läuft nicht. Wenn der Herr (X) das für notwendig hält, solle er mit mir Kontakt aufnehmen und wir könnten mal darüber sprechen. Er reagierte darauf, indem er ausrastete und uns die Tür eintrat. Wir haben die Polizei gerufen. Ganz einfach. Ein anderes Mal ging es erneut um die gleiche Summe, diesmal angeblich für Kleidung. Mein Mann verweigerte das Geld und sagte, er solle ins Bett gehen. [...] Dieses Mal reagierte er mit Beschimpfungen, Hitlergruß und seinen Parolen. Die ganze Sache eskalierte und mein Mann und mein Sohn sind aufeinander los.
Olaf Lobermeier: Rechtsextremismus und Sozialisation. A. a. O. S. 99.

 

VI. Todeskult von Halbe

Neonazistisches "Heldengedenken" ist nicht Ausdruck von Trauer um die Gefallenen. Es entspringt dem Bedürfnis, "eins zu werden" mit Soldaten, deren Tod als Sinnbild kriegerischer Tugenden von "Ehre", "Tapferkeit", "Treue" und "Opfermut" gedeutet wird. In Halbe und Seelow wurde (und wird) nicht dem Leben von Verstorbenen gedacht, hier wird der Tod und eine Ideologie des Tötens zelebriert. In einem Text vom 10. November 2006, in dem er die Wahl zugunsten der Stadt Seelow als Ort des "Heldengedenkens" rechtfertigt, schreibt Christian Worch voller Genugtuung:

...in Seelow, wo die berühmte Schlacht von den Seelower Höhen stattgefunden hat; die größte Schlacht auf deutschem Boden während des zweiten Weltkrieges. Und keine von den Kesselschlachten wie in Halbe, wo die unseren nahezu wehrlos zusammengeschossen wurden. In Seelow hatten wir wenigstens noch ein bißchen Benzin für die Panzer und ein bißchen Munition für die Geschütze. Da hatten wir uns noch wehren können; trotz verlorener Schlacht immerhin so erfolgreich, daß auf einen gefallenen deutschen Soldaten sieben gefallene Russen gekommen waren.
1mai.net/rundbriefe/06-11-19.htm; eingesehen am 29.11.06

"[A]uf einen gefallenen deutschen Soldaten sieben gefallene Russen" - Ergötzen am Sterben, statt elementarsten Mitgefühls für zusammen rund 82.000 Menschen, die in Seelow fielen. Ihr Tod dient als Kulisse für ein okkultistisches Spektakel mit dem Ziel, dem eigenen Leben einen entmenschlichten Heros zu verleihen. Die Verhöhnung von Menschlichkeit als Schwäche, das ist es, was dieses "Heldengedenken" inszeniert.

 

Jan Buschbom, Violence Prevention Network e.V.
2006

 


 

[1] Ganz ähnlich klingt es in einem Vortrag unter dem Titel, "Deutsches Leben unter ADOLF HITLER", mit dem Leidenfrost durch den neonazistischen Veranstaltungskalender tingelt, wo er im kleineren Kreis freilich kein Blatt vor den Mund nimmt:

"Dieses neue [nationalsozialistische; J. B.] Wirtschaftssystem konnte nur durch Krieg vernichtet werden und sie, das Welt[zensiert]tum mit seinen Lakaien und Helfershelfern, begannen frühzeitig, ihre Fäden zu ziehen. [...] Der[zensiert] Weltbund, die kapitalistischen Länder England und Frankreich haben Deutschland den Krieg erklärt, weil ihrem Ausbeutersystem Gefahren und in Zukunft hohe Verluste drohten. Wir wollen ebenfalls nicht vergessen, daß auch die [zensiert]Führung US-Amerikas, die anfangs noch etwas im Hintergrund stand, die eigentlichen Kriegstreiber waren. Der Wert ihres Goldes war in Gefahr!

Man nahm wissentlich in Kauf, daß in dem von den Alliierten gewollten und Deutschland aufgezwungenem Krieg Millionen unschuldiger Menschen sterben werden - ausgelöst durch alte, senile, [zensiert] Staatsmänner, denen anderes menschliches Leben absolut nichts bedeutete. Es waren die damaligen Führer der sogenannten westlichen Wertegemeinschaft, wie man diese heute nennt. Wir wollen nicht vergessen, daß Churchill, Roosevelt, Leon Blum, Weizmann und andere als Vertreter Ihrer Länder und Völker [zensiert] und Hochgradfreimaurer waren. [...]

Der Zweite Weltkrieg wurde als Vernichtungskrieg gegen Deutschland geführt, um es für alle Zeiten als wirtschaftlichen Konkurrenten auszuschalten, und um seine Menschen umzubringen!" (Reinhold Leidenfrost: Deutsches Leben unter ADOLF HITLER. Der Lebensbericht eines Zeitzeugen. (fuer-deutschland.net/01/01--00--16__DEUTSCHE_LEBEN_UNTER_ADOLF_HITLER__000.html; eingesehen am 30.11.06. Diktion und Orthographie inklusive der als "[Zensur]" bezeichneten Stellen so im Original).

Obwohl Leidenfrost hier einer selbstzensorischen Sitte rechtsextremer Kreise folgt, darf man die im zitierten Text von ihm selber als "[zensiert]" gekennzeichneten Stellen getrost mit der Bezeichnung "Jude/n" bzw. dem Adjektiv "jüdisch" lesen. Deutlicher als mit solchen Zeilen ist das unmittelbare Fortwirken nationalsozialistischer Hetze nicht zu illustrieren, nach der "die Juden" sich gegen den Nationalsozialismus verschworen hätten, um das Dritte Reich in den entscheidenden Krieg zu treiben.

Mit dem Unterschied, dass die Nationalsozialisten die Umsetzung ihrer Vernichtungsphantasien ganz offen kundtaten, so bspw. Propagandaminister Joseph Goebbels in einer Rede vom 16. November 1941 mit dem bezeichnenden Titel "Die Juden sind schuld!": "Die historische Schuld des Weltjudentums am Ausbruch und an der Ausweitung dieses Krieges ist so hinreichend erwiesen, daß darüber keine Worte mehr zu verlieren sind. Die Juden wollten ihren Krieg, und sie haben ihn nun.

Aber es bewahrheitet sich an ihnen auch die Prophezeiung, die der Führer am 30. Januar 1939 im Deutschen Reichstag aussprach, daß, wenn es dem internationalen Finanzjudentum gelingen sollte, die Völker noch einmal in einen Weltkrieg zu stürzen, das Ergebnis nicht die Bolschewisierung der Erde und damit der Sieg des Judentums sein werde, sondern die Vernichtung der jüdischen Rasse in Europa." (Joseph Goebbels: Das eherne Herz. Reden und Aufsätze aus den Jahren 1941/42. München 1943. S. 85)

 

[2]Siegmund Freud: Das Unbehagen in der Kultur (in: S. Freud: Das Unbehagen in der Kultur. Und andere kulturtheoretische Schriften. Frankfurt am Main(9) 2004), S. 33ff.

 

 

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