Leichte Sprache

Linke Thesen ganz Rechts

Rasch machte das Kürzel „ZOG“ auch außerhalb der USA Karriere und erfuhr hier eine Bedeutungserweiterung, die sich mit den Begriffen „Antiamerikanismus“ und „Antiimperialismus“ nicht zuletzt auf die Vorarbeit von Teilen der radikalen Linken berufen kann. Der Antiimperialismus rückt das Bestreben kapitalistischer Staaten, ihre wirtschaftliche, politische und kulturelle Einflussphäre über die eigenen Staatsgrenzen hinaus auszudehnen, in den Fokus seiner Kritik.

Stahlgewitter: Politischer Soldat. PC Records 2002. Indiziert am 31.10.02 Ganz ähnlich argumentiert der Antiamerikanismus, allerdings mit dem Unterschied, dass er in den USA die treibende imperialistische Kraft erkennen möchte. Bereits in den frühen 80er Jahren wurde Kritik laut, die in ihm eine Kehrseite des Antisemitismus sah.

Rechtsextremisten haben zu der hier formulierten Kapitalismuskritik, die v. a. die Ausbeutung in der Dritten Welt beklagt, zwei Bezugspunkte: Angelehnt an marxistische Theorie, die die Existenz sozialer Klassen postuliert, die miteinander um die Teilhabe an der ökonomischen Warenproduktion kämpfen, sehen Rechtsextremisten im Kapitalismus eine Form der Ausbeutung.

Allerdings ersetzen sie die marxistischen Klassen, Proletariat und Bourgeoisie, durch die biologische Gemeinschaft Volk bzw. Rasse. In der nationalsozialistischen Theorie ist es die Aufgabe der Nation, Bedingungen zu schaffen, die das Volk vor wirtschaftlicher Ausbeutung schützen soll.

Der Antisemitismus behauptet, dass die kapitalistische Form der Warenproduktion eine jüdische Erfindung sei und daher auch in erster Linie Juden unter den Kapitalisten anzutreffen seien. Als Schutz vor Imperialismus und weltweiter Ausbeutung bevorzugen Neonazis nationale Lösungen, indem sie etwa den Zustrom von „ausländischem Kapital“ verhindern wollen oder das Selbstbestimmungsrecht der Völker betonen. So sang beispielsweise die Band Stahlgewitter:

Die Feinde unsrer Freiheit, die One-World Mafia, ihr Zentrum ist die Ostküste der U.S.A. Wo die internationale Hochfinanz regiert, die Welt als Spielball in den Händen kontrolliert. Mafiabanden, Spekulanten machen euch zum Knecht, sie wollen keine freien Völker, kein Selbstbestimmungsrecht.

Sie wollen den Einheitsmenschen, blutleer, wurzellos, ferngesteuert, ohne Seele, heimatlos. Sie dirigieren weltweit ihre Marionetten, der unsichtbare Krake hält die Welt in Ketten. Politiker als Werkzeug in den Händen fremder Mächte, im Zeichen der Demokratie und der Menschenrechte.

Im Kampf gegen Z.O.G.!
Stahlgewitter: One World Mafia (Politischer Soldat. PC Records 2002)


Antisemitische Karikatur von Josef Plank, ca. 1938Neben den – freilich stark verkürzten – antiamerikanischen und antiimperialistischen Argumenten, die im Vorwurf der One World („Eine Welt“)[1] und der Kritik an der „internationalen Hochfinanz“ gipfeln, enthält der Text fast ausschließlich antisemitische Charakterisierungen und Metaphern.

Selbst der Verweis auf die Ostküste der USA ist stark antisemitisch aufgeladen, denn hier, besonders aber in New York, sind angeblich in den Machtzentren der Vereinigten Staaten überdurchschnittlich viele Juden ansässig. Gesteigert wird das durch die Verweise auf die „internationale Hochfinanz“ sowie die „Spekulanten“.

Offen antisemitisch und durchaus völlig im Einklang mit den antisemitischen Charakterisierungen des historischen Nationalsozialismus ist die Bezeichnung „Einheitsmensch“ mit ihren Adjektiven „blutleer“, „wurzellos“, „ferngesteuert“, „seelenlos“ und „heimatlos“. Und schließlich ebenso eng an der Bildersprache des klassischen Antisemitismus sind die Metaphern von den „Marionetten“ und der „unsichtbaren Krake“.

 




[1] One World („Eine Welt“): Das Schlagwort fasst jene Überzeugungen zusammen, wonach es seit jeher Politik der USA sei, weltweit einen „Einheitsmarkt“ zu schaffen, um wirtschaftlich und kulturell die Welt zu beherrschen. Verschwörungstheoretiker wollen in Äußerungen verschiedener US-Präsidenten seit Franklin Delano Roosevelt (Amtszeit: 1933 - 1945) hierfür Beweise gefunden haben. Rechtsextremisten benutzen das Schlagwort, um zu veranschaulichen, dass es US-Politik sei, die Unterschiede zwischen den Völkern einzuebnen und den „Einheitsmenschen“ zu schaffen.

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