Nicht strafbare historische Symbole
Verbreitet sind über Zahlenchiffren hinaus eine ganze Reihe an historischen Zeichen und Symbolen. Mit wenigen Ausnahmen (wie den Gau-Abzeichen) sind die meisten einem viel älteren Zeithorizont entlehnt als dem des Dritten Reichs und stammen aus höchst unterschiedlichen Kulturen.
Die Skandinavistin Frauke Stuhl spricht in diesem Zusammenhang von "einem kultur- und religionshistorischem Patchwork", auf das die Nationalsozialisten zurückgriffen und das sie für ihre Zwecke fruchtbar machten:
Die ursprüngliche Bedeutung der mythologischen Stoffe bleibt dabei meist auf der Strecke - auf Wissenschaftlichkeit ist die Rezeption jedenfalls nur selten begründet.
Hier zeigt sich ein seltsam anmutender Widerspruch, denn einerseits sollte mit den esoterischen und okkultistischen Anleihen der nationalsozialistische Staat an historischer Tiefe gewinnen - und so an Legitimation -, andererseits interessierte hierbei historisch fundierte, rationale Argumentation in den wenigsten Fällen. Der Philosoph Ernst Cassirer machte dafür das Ohnmachtsgefühl gegenüber den Mißständen und Problemen moderner Gesellschaften verantwortlich und beschrieb die Funktion der wiederbelebten Riten:
Nichts ist besser imstande, all unsere aktiven Kräfte in Schlaf zu lullen, unsere Urteilskraft und Fähigkeit kritischer Unterscheidung, unser Gefühl der Persönlichkeit und individuellen Verantwortung hinwegzunehmen, als die ständige, uniforme und monotone Vollziehung der gleichen Riten.
Dieser Mechanismus hat bis heute nicht an Wirkung verloren. Runenmystik und vorchristliche Symbolik erleben gerade unter rechtsextremistisch eingestellten Jugendlichen eine unübersehbare Renaissance. Kaum eine Szenepublikation, sei es im Internet, in Fanzines oder auf CD-Covern, verzichtet auf die Darstellung solcher Zeichensprache.
Freilich: Weder sind die meisten Zeichen und Symbole nach geltendem Recht verboten, und auch längst nicht alle, die sie verwenden, sind rechtsextremistisch. Allein entscheidend bei der juristischen Beurteilung bleibt die Frage, was Verwendung bei verbotenen Organisationen fand und was nicht. So entwickeln Neonazis über die Uneindeutigkeit im kulturhistorischen Zusammenhang hinaus eine Vorliebe gerade für solche Zeichen, die von den Nazis verwendet wurden, aber strafrechtlich nicht relevant sind.
Eines der wichtigsten historischen Zeichen ist in diesem Zusammenhang fraglos das Hakenkreuz. Seine älteste Darstellung findet sich auf prähistorischen Höhlenmalereien in Südfrankreich. Verbreitet ist es, mit Ausnahme Australiens, auf allen Kontinenten. Bis heute findet das Hakenkreuz als religiöses Symbol im Hinduismus und Buddhismus Verwendung. Wegen seiner Bedeutung im Dritten Reich sind das Hakenkreuz und alle seine Varianten in Deutschland verboten. Allerdings gilt für manche der Versionen, deren Verwandtschaft mit dem Hakenkreuz häufig für den Laien nur schwer zu erkennen ist, daß die Rechtssprechung in den Bundesländern uneinheitlich ist. Zudem hat § 86a, Absatz 3, selbstverständlich auch beim Hakenkreuz Gültigkeit, d. h., dass beispielsweise seine Darstellung zur "staatsbürgerlichen Aufklärung" u. ä. nicht unter Strafe steht.
Sie sog. "Schwarze Sonne" ist in Verbindung mit der Kombination aus Tyr-Rune und Wolfsangel Teil des Logos des neurechten Thule Seminars.
Die Schwarze Sonne war während des Dritten Reichs insbesondere bei Okkultisten aus dem Umfeld der SS beliebt. Ihre öffentliche Verwendung ist in der Bundesrepublik nicht nach § 86a StGB verboten.
Die bekannteste Darstellung der Schwarzen Sonne findet sich auf der Wewelsburg bei Paderborn, die 1934 von der SS gepachtet wurde, um eine SS-Führerschule aufzubauen.
Himmler ließ sie von Häftlingen eines Außenlagers des KZ Sachsenhausen umbauen, u. a. den „Obergruppenführersaal“ mit der Schwarzen Sonne als Einlegearbeit im Boden, in dem die SS okkulte Rituale durchgeführt haben soll.
Runen
Gerade an Runen lässt sich besondere Popularität bei Jugendlichen beobachten. Die Ethnolgin Margitta Fahr beschreibt ihre Funktion: Sie sind Signal der Szene-Zugehörigkeit und weltanschauliches Bekenntnis nach außen und sie liefern Identifikation "als Vermittler starker und mächtiger Gefühle sowie im Extremfall als Initialzünder bzw. 'Heilsbringer' oder Beschützer bei (schweren) Straftaten.
Ich habe rechte Jugendliche sogar schon beim 'Runenorakel' (Runenwerfen) und beim 'Runenstellen' (Runenyoga) beobachten dürfen." Dabei, so Fahr weiter, lasse sich die Runenmystik leicht entzaubern, denn nur neun der 24 klassischen Runenzeichen sind tatsächlich germanischer Herkunft, während die anderen wahrscheinlich auf etruskische Schriftzeichen zurückzuführen sind.
Sig-Rune
Sie wurde in ihrer doppelten Form von der SS verwendet, und einfach vom Deutschen Jungvolk. Sie war wohl ursprünglich die "Sonnenrune", die Nazis deuteten sie als "Sieg"-Rune. Die Sig-Rune ist in jeder Variation in Deutschland verboten.
Yr-Rune
Die Yr-Rune und ihre gespiegelte Form, die Man-Rune wurden von den Nazis als Todes- und Lebensrune gedeutet. Sie sind bis heute stark verbreitet (z. B. im "Peace"-Symbol der Friedensbewegung), und werden auch von Neonazis oft genutzt.
Tyr-Rune
Sie bezeichnet den Lautwert "t" und war an den altnordischen Himmels- und Kriegsgott "Tyr" angelehnt. Während des Dritten Reiches wurde sie von der Reichsführerschule der SA, von einer SS-Division und im Leistungsabzeichen der HJ benutzt. Zuletzt entschied das Landgericht Neuruppin am 14. November 2004 im Zusammenhang mit dem Logo der Kleidermarke "Thor Steinar", dass ihre Verwendung gemäß § 86a StGB strafbar ist. Das Logo zeigte die Tyr-Rune in Kombination mit der Wolfsangel.
Odal-Rune
(In der Abbildung als Emblem des Rasse- und Siedlungshauptamtes.)
Daneben taucht sie im Zeichen der verbotenen Wiking-Jugend auf. In diesem Zusammenhang verwendet ist auch die Odal-Rune strafbar.
Wolfsangel
Die Wolfsangel geht wohl auf ein altes Jagdgerät zurück. Während der Nazizeit fand sie vielerlei Verwendung, u. a. bei SA, SS, HJ u. a. Als Emblem der verbotenen Neonazi-Organisation Junge Front ist ihre Verwendung ebenso strafbar wie im Logo der Kleidermarke Thor Steinar. Häufig erscheint sie in Stadtwappen u. ä.
Thors Hammer
In der altnordischen Mythologie die Waffe des Donnergottes Thor ("Mjöllnir"). Er ist keine Rune, sondern nur ein Runen-ähnliches Symbol, das sehr weit verbreitet ist und als Schmuck von unpolitischen Personen ebenso gern getragen wird, wie von rechten.
Jan Buschbom / Violence Prevention Network e. V.
2002

