Die Anfänge
Trotz zahlreicher Studien, darunter die meisten im englischsprachigen Ausland veröffentlicht, nahm die bundesdeutsche Öffentlichkeit die enge Verquickung bislang nur selten zur Kenntnis, die den noch jungen arabischen Nationalismus und seine politischen Vorkämpfer an den Nationalsozialismus gebunden hatte.
Erst in jüngerer Zeit machten der Publizist Matthias Küntzel mit seinem „Djihad und Judenhass. Über den neuen antijüdischen Krieg“ (2003) und die Historiker Klaus-Michael Mallmann und Martin Cüppers mit ihrer Untersuchung „Halbmond und Hakenkreuz. Das ‚Dritte Reich‘, die Araber und Palästina“ (2006) ein etwas größeres Publikum auf das Phänomen aufmerksam.
Bereits Mitte der 20er Jahre hatten führende Nationalsozialisten zur Besiedelung Palästinas durch den Zionismus Stellung genommen. In wüsten Tiraden wandten sich Hitler und der NS-Ideologe Alfred Rosenberg gegen den „Imperialismus“ der britischen Mandatsmacht in Palästina, der nichts weiter sei als ein getarntes Mittel zur jüdischen Weltverschwörung. In diesen Antiimperialismus integrierten sie mühelos die USA nach deren Kriegseintritt im Dezember 1941.
In der Hauptsache freilich pflegten die Nationalsozialisten einen Antizionismus, der deckungsgleich mit ihrem mörderischen Antisemitismus war. Hitler schrieb in seinem 1924 veröffentlichten Pamphlet „Mein Kampf“, die Zionisten und die Juden als solche dächten „gar nicht daran, in Palästina einen jüdischen Staat aufzubauen, um ihn etwa zu bewohnen, sondern sie wünschen nur eine mit Hoheitsrechten ausgestattete, den Zugriff anderer Staaten entzogene Organisationszentrale ihrer internationalen Weltbegaunerei;“ (Adolf Hitler: Mein Kampf. München (851. - 855. Auflage) 1943, S. 356).
Ähnlich äußerte sich Alfred Rosenberg in einem Vortrag am 7.2.1939, der mit dem Titel „Müssen weltanschauliche Kämpfe staatliche Feindschaften ergeben?“ in seinem Aufsatzband „Tradition und Gegenwart“ veröffentlicht wurde. Der angestrebte jüdische Staat in Palästina diene dem „Weltjudentum“ nur als Vorwand,
- „legal in allen Staaten seine Gesandtschaften einzurichten, [...] ohne dabei die jüdische Zahl und Macht in den Demokratien irgendwie zu beeinträtigen.“
- „amtlich für die sogenannten jüdischen Minderheiten in allen Ländern einzutreten.“
- für ein „Zentrum zur wirtschaftlichen Beherrschung des Nahen Ostens.“
- „verdächtigen Juden aus aller Welt ein unantastbares Asyl zu verschaffen. [...] Wir hätten hier ein Weltzentrum für Beherbergung des Hochstaplertums der ganzen Welt zu erwarten.“ (Alfred Rosenberg: Tradition und Gegenwart. Reden und Aufsätze 1936 - 1940 (= Blut und Ehre, Bd. 4) München(3) 1941, S. 221f.)
Bereits 1936 hatte Rosenberg seine Sympathie mit dem „arabischen Freiheitsaufstand“ bekundet:
[...], je länger der Brand in Palästina anhält, umso mehr festigen sich die Widerstände gegen das jüdische Gewaltregime in allen arabischen Staaten und darüber hinaus auch in den anderen moslemischen Ländern. Die englischen Soldaten glauben, dass sie für das britische Imperium kämpfen, und sie kämpfen doch für die gewaltsame Einspritzung des jüdischen Giftes in Völkerschaften, mit denen Großbritannien zu rechnen hat.
A. Rosenberg: Tradition und Gegenwart. a. a. O., S. 208
Am Ende seiner Ausführungen vom 1. Dezember 1936 drohte Rosenberg mit einem blutigen Waffengang und prophezeite fürchterliche Konsequenzen, nicht ohne jedoch die Schuld „den Juden“ unterzuschieben. Deren Ziel sei es nämlich, „mit Hilfe der künstlich angestachelten Hassgefühle am Ende dieses Europa zu zersetzen und, wenn sich Widerstände gegen diese Politik einstellen sollten, in einem Blutrausch zu vernichten“ (A. Rosenberg: Tradition und Gegenwart. a. a. O., S. 209).
Bereits Anfang der 30er Jahre wurden im arabischen Raum zahlreiche Organisationen gegründet, die sich Nationalsozialismus und Faschismus ausdrücklich zum Vorbild nahmen: 1932 die Syrische Volkspartei, 1933 die Vereinigung junges Ägypten, 1935 die Jugendorganisation Futuwwa im Irak, die die Jugend „nach deutschem Muster im militärischen Geist“ erziehen wollte und 1936 im Libanon die christlichen Phalanges Libanaises (übersetzt etwa: Libanesische Phalanx, ihr Vorbild war die faschistische Partei Falange in Spanien).
Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten wiesen zahlreiche Nahostreisende auf die großen Sympathien hin, die dem Regime aus der Bevölkerung entgegen gebracht wurden. Während des beschönigend „Generalstreik“ genannten pogromartigen Geschehens, das im April 1936 in Palästina seinen Lauf nahm, galten Hitlergruß und Hakenkreuz geradezu als Überlebensgarantie. Und mancher arabische Zeitgenosse wollte in Hitler gar jenen Zwölften Iman erkennen, dessen Erscheinen in der schiitischen Überlieferung in die Errichtung eines Tausendjährigen Reiches mündet, das dem jüngsten Gericht unmittelbar vorangeht.

