Leichte Sprache

Vorurteile und Klischees

"Abgestempelt"

"Wenn Arbeitsplatze fehlen, Ausbildungsstellen rar sind und die Zukunftsperspektive unsicher ist, fragt man sich schnell, wer schuld sein könnte an dieser Misere. Oft ist der Schuldige schnell gefunden, der Ausländer oder wenn es nicht der Ausländer ist, dann eben „die Multikultifraktion“ die zulässt, dass das Land „überfremdet“ wird. „Das Boot ist voll“ oder „Die sind doch eh alle kriminell, beuten uns aus und leben zu alledem noch von unseren Steuergeldern.“ hört man dann. Lange wird darüber gestritten, wie man mit Kriminellen, Ausländern und den Abzockern da oben umgehen sollte.

Die Phantasie der Gewalt und Bestrafung blüht. Nachdem die Runde nun die sozialen Missstande ausgiebig analysiert hat, kommt man überein, dass früher eh alles besser war und es wieder an der Zeit wäre, dass hier jemand richtig aufräumt. Von Bier zu Bier heizen sich die Gemüter zunehmend auf und der Geburtstag oder der Anfang der Diskussion sind lange vergessen. Am Ende beteuert jeder noch, „dass er gegen Ausländer eigentlich nichts habe, der Nachbar im 3. Stock sei sogar einer, den man grüße, doch so kann das hier ja auch nicht weiter gehen“.

Man distanziert sich von rechts, man distanziert sich von links und ordnet sich selbst in der politischen Mitte ein. Eine Mitte des Trugschlusses, die Vorurteile nicht ablegt und ein Klima der Ausgrenzung von „Unwürdigen, Undeutschen“ duldet und oft kultiviert. Da erscheinen dann manche Biedermänner als geistige Brandstifter, als Rassisten und Antisemiten ohne dass ein Nazi in der Nähe ist.

Der Politikwissenschaftler Wilhelm Heitmeyer kommt in der von ihm u.a. durchgeführten Studie „Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit“ (2006) zu dem Ergebnis, dass 59,4% der Befragten der Aussage „es leben zu viele Ausländer in Deutschland“ eher oder ganz zustimmen. Dieser Teil der Gesellschaft, der in dieser Untersuchung die Mehrheit bildet, hat, wie es Klaus-Peter Hufer in seinem Leitfaden gegen Parolen „Argumente am Stammtisch“ (2006) nennt, oft die Lufthoheit an Theken und Geburtstagstafeln. Sie geben den Ton an und bringen Andersdenkende mit Totschläger-Argumenten schnell zum schweigen: „Traue keiner Studie, die Du nicht selber gefälscht hast.“ heißt es da und Resignation macht sich breit.

Strategien in der Praxis*

AufzählungszeichenLogik und direktes Nachfragen können wirkungsvolle Gegenstrategien sein. Sinnvoll ist es, auf Widerspruche aufmerksam zu machen oder um Beispiele zu bitten.

AufzählungszeichenDie Überzeugungskraft von zutreffenden Informationen ist eher gering, denn oft werden diese nicht wahrgenommen, sondern einfach „zurechtgebogen und passend gemacht“.

AufzählungszeichenBeim Gespräch sollte immer nur eine Argumentationslinie bzw. Bewertungsebene durchgespielt werden, anschließend eine andere.

AufzählungszeichenBelehrungen oder moralisierend vorgetragene Gegenpositionen provozieren eher Abwehr statt Einsicht.

AufzählungszeichenEtwas Humor kann die Situation entschärfen und ein entspanntes Diskussionsklima schaffen.

AufzählungszeichenDen Wortführer oder die Wortführerin zu bekehren ist nahezu unmöglich.
Unentschiedene und Indifferente können dagegen leichter zum Nachdenken angeregt und überzeugt werden.

AufzählungszeichenWichtig ist es, sich Kooperationspartner zu suchen, denn diese unterstützen die eigene Überzeugungskraft. Potenzielle, aber (noch)schweigende Bündnispartner kann man einbinden, indem man sie gezielt nach ihrer Meinung fragt.

Doch um Vor- und Fehlurteile zu zerstreuen braucht es Geduld. Sie sind hartnackig und oft über Jahrzehnte tradiert. Auch wenn im Moment der Diskussion kein Einlenken zu erkennen ist, fundierte Argumente regen zum Nachdenken an. Weist man eine Person auf ihre kritikwürdigen Ansichten hin, stellt man ihre Meinung in Frage. In diesem Moment bleiben die meisten Menschen hartnackig bei ihrer Meinung, da sie einen Konflikt erkennen, den sie nicht austragen wollen. Die begründeten kritischen Argumente erzeugen einen Widerspruch in ihrem Denken.

Das Wesen der Vor- und Fehlurteile ist es, dem Menschen das Denken zu erleichtern und komplexe Sachverhalte zu vereinfachen. Es ist ein Urteil, das ohne ausreichendes Wissen um einen Sachverhalt oder eine Person erstellt wird und durch andere wiedergegeben wird. Solche Urteile werden im Alltag gebraucht, ohne sich darüber im Klaren zu sein, was diese Urteile bewirken können, wenn sie von Kindern und Jugendlichen, aber auch von Erwachsenen unhinterfragt aufgenommen und durch die Umwelt „bestätigt“ werden – und sei es durch stillschweigende Akzeptanz.

So einfach und plakativ sich Parolen und Vorurteile auch anhören, die Wirkung, die sie haben, ist verheerend. Indem ganze Bevölkerungsgruppen mit einem Satz abqualifiziert werden, kann ein Klima entstehen, in dem Diskriminierung zur Normalitat wird. Vorurteile werden dann als solche nicht mehr erkannt, sondern gehören als Mehrheitsmeinung zum „gesunden Menschenverstand.“ In diesem Kontext haben rechtspopulistische Parteien leichtes Spiel, da sie mit ihren nationalistischen und fremdenfeindlichen Slogans sowie einfachen Erklärungs-und Lösungsmustern für komplexe Problemlagen auf gesellschaftliche Resonanz stoßen.

Wer in dieser Situation den rechtsextremen Klischees entgegentritt, setzt sich aktiv für eine Gesellschaft ein, in der die Diskriminierung von Menschen aufgrund bestimmter Merkmale keinen Platz findet. Gegenargumente zu entwickeln und zu vertreten ist aber gar nicht so einfach, da im Gegensatz zu den einfachen Schlagworten und Vorurteilen die dahinterstehenden Themen eine komplexe und differenzierte Betrachtung erfordern.

Antisemiten, Völkische und Rechtsextreme kümmern sich nicht um Differenzierung und eine klare Argumentationsführung, stattdessen setzen sie auf Emotionalität und Ressentiments. Mit Rationalität, Logik und einer differenzierten Sichtweise befindet man sich daher erst mal in der Defensive.

Wer intensiver in das Thema einsteigen mochte, für den bietet sich ein sogenanntes „Argumentationstraining“ an, wie sie von verschiedenen Trägern angeboten werden. In diesen Seminaren werden populistische Äußerungen, Schlagwörter und Parolen auf ihre emotionale Wirkung, ihren inhaltlichen Gehalt und ihre gesellschaftspolitischen Konsequenzen hin überprüft. Durch Rollenspiele und andere Methoden werden wirkungsvolle Handlungsmöglichkeiten und Reaktionsweisen sowie argumentative und inhaltliche Gegenpositionen gesucht bzw. ausprobiert."

 

Fabian Wichmann, EXIT Deutschland
 


Quelle: Letzter Halt. Wege aus der rechtsextremen Szene, EXIT-Deutschland,
2. Auflage 2007, 1. Überarbeitung 2011
Mehr zur Arbeit von EXIT-Deutschland unter: www.exit-deutschland.de

 

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