Brandenburg ist jung und braucht die Kohle?

Beim Thema Kohle gehen die Meinungen im Land Brandenburg weit auseinander. Unser Blogger Danilo Zoschnik fragt sich, wie lange Brandenburg sich ein Aufschieben der Kohlefrage noch leisten kann.

Brandenburg ist Kohleland. Je nachdem wen man fragt, soll das entweder noch sehr lange so bleiben oder möglichst bald vorbei sein. Auf Bundesebene ist Brandenburg bei keinem anderen Thema so stark involviert. Doch auch an kaum einem anderen Thema scheiden sich die Geister in der Mark so sehr.

Ich war auf Demonstrationen, bei Vorträgen, in Diskussionsrunden und betroffenen Regionen. Es geht um die Frage des Alten und des Neuen, schließlich war der Sektor in der ehemaligen DDR schon massiv und trotzdem ist Brandenburg heute weit vorn, wenn es um erneuerbare Energien geht. Oft nehme ich auch eine Art Generationenkonflikt wahr. Viele Beschäftigte (ca. 9000) und Menschen in der Lausitz sorgen sich um ihre Arbeit und Region. Viele andere, vor allem Jüngere, wollen nicht, dass Brandenburg seine Klimaziele reißt, weiter auf alte Technologie setzt, den Anschluss verliert. Aber ein „die alten Kumpel“ gegen die „jungen Ökos“ würde die Sache viel zu stark vereinfachen. 

Wie lange kann es noch so weitergehen?

Bis zum Jahresende soll eine neueinberufene Bundeskommission mit Expertinnen und Experten unterschiedlicher Bereiche zusammen mit Betroffenen einen Zukunftsplan entwickeln. Doch die Statements klingen verhalten, es gibt teilweise gegenteilige Erwartungen. Mein Optimismus hält sich in Grenzen.

Vor einigen Wochen hatte ich die Gelegenheit, mir Brandenburgs bekanntesten Tagebau Welzow I Süd  anzuschauen. Das Gefühl beim Anblick dieser Grube war einzigartig: Fassungslosigkeit, die mich in dieser Art mit Bildern aus dem Internet bisher nicht erreicht hatte. 20 Millionen Tonnen Kohle werden hier jährlich dem Erdreich entrissen. Auf der anschließenden Fahrrad-Tour zurück war ich wirklich aufgewühlt. Ich fragte mich, wie lange das noch so weitergehen kann. Müssen denn wirklich noch mehr Dörfer abgebaggert werden, wenn doch seit Jahren betont wird, dass die Kohleenergie ein Auslaufmodell sei?

Es ist peinlich

Wenn ich in dieser heißen Phase der Entscheidungsfindung lesen muss, dass der Chef eines Energiekonzerns ein rasches Ende der Kohle ausschließt und im Falle eines solchen sogar mit erheblichen Schäden droht, dann ist das Erpressung. Und es ist peinlich. Wie können sich solche Menschen in der Lausitz auf ein Podium setzen und für die Beschäftigten der Branche eine gute Miene machen, während sie sich gleichzeitig darauf vorbereiten, diejenigen zu verklagen, die ihnen jahrelang den Rücken gestärkt haben?

In zukunftsfeste Alternativen wollen sie scheinbar nicht investieren. Dabei sind die schon länger im Gespräch. Die Lausitz als Testregion für die Datenübermittlung mit 5G etwa. Ein neuer Standort für Industrie und Fachkräfte-Bildung. Was stimmt im Umgang mit Unternehmen in unserer Gesellschaft nicht, wenn sie es sich anmaßen können, die Gesundheit, Befindlichkeiten und  Zukunft von Menschen und Regionen so stumpf zu ignorieren? Und was soll man davon halten, dass die Brandenburger Spitzenpolitik wohl bis zum bitteren Ende eng verwoben bleiben wird mit dieser Branche?

Brandenburg muss Mut beweisen

Der Strukturwandel wird in Reden beschworen, in der Realität tickt aber die Uhr. Und sie wird immer lauter. Die meisten Mitstudierenden, Freund*innen und politisch Aktiven, die ich kenne, wollen nicht, dass es auch in den nächsten Jahren so weitergeht. Einige von ihnen werden demnächst in der Nähe von Leipzig gegen das Abbaggern eines Dorfes ankämpfen und im Herbst mit Tausenden anderen bei der Aktion „Ende Gelände“ wieder Tagebaue besetzen. Brandenburg muss in der Kohlefrage endlich Mut beweisen und sich ehrlich machen, sonst verlieren am Ende alle. Und die Beschäftigten erst recht.   

Linktipps

Kategorien

Danilo Zoschnik

Danilo Zoschnik ist in Eberswalde aufgewachsen und zur Schule gegangen. Jetzt will er Lehrer werden und studiert Politische Bildung an der Uni Potsdam. Er ist Politischer Geschäftsführer der Grünen Jugend Brandenburg.

Schlagworte

Bewertung
7 Stimmen, Bewertungen im Durchschnitt: 5 von 5

Kommentare

Kommentieren

Sehr cool, dass ich das zufällig bei Twitter gefunden habe! Finde du hast einen kritischen aber konstruktiven Ton in der Darstellung gewählt. Denn egal wie man zur Kohle steht: jetzt werden die Weichen für die Zukunft der Lausitz gestellt. Brandenburg wird sich dem stellen müssen

Bei Sprache fängt es an. Und die könnte in der Lausitz wie in NRW nicht ambitionsloser sein. Es wird so getan als wäre der Abschied von der Kohle ein reines Bundesthema. Die Verantwortung wird abgeschoben. Von der neuen Kommission halte ich nicht viel, die bestätigt diese Ausrede doch nur. Berlin ist zwar zugegebenermaßen in einer völlig anderen Situation, hat aber einen Kohleausstieg beschlossen. Das könnte Brandenburg auch. Aber es will nicht.

Das mit der politischen Verstrickung ist wahrer als wahr. Ich wette es ist nicht einmal Angst, aus der Woidke Lobbygruppen wie der LEAG oder dem Bauernverband den 'roten' Teppich ausrollt. Aber dann braucht man sich auch nicht wundern, wenn solche Gruppen bestimmte Politikbereiche fest im Griff haben. Das wirklich schlimme ist ja, dass zwei Parteien die Landesregierung stellen, die auf Bundesebene immer wieder Ökologie betonen. Das ist mindestens so peinlich wie das falsche Spiel der Kohlefreunde

Das finde ich ja super, dass direkt auf Pödelwitz verwiesen wird (das ist besagtes sächsisches Dorf, dass in sinnlosem Firmeninteresse weg soll). Ihr Jungen müsst eure Interessen artikulieren und wir versuchen euch zu helfen!

Neuen Kommentar hinzufügen

Eingeschränktes HTML

  • Erlaubte HTML-Tags: <a href hreflang> <em> <strong> <cite> <blockquote cite> <code> <ul type> <ol start type> <li> <dl> <dt> <dd> <h2 id> <h3 id> <h4 id> <h5 id> <h6 id>
  • Zeilenumbrüche und Absätze werden automatisch erzeugt.
  • Website- und E-Mail-Adressen werden automatisch in Links umgewandelt.