Braune Ökologen in Mecklenburg-Vorpommern. Neue Broschüre der Heinrich-Böll-Stiftung

Die NPD-Landtagsfraktion in Mecklenburg-Vorpommern beschäftigt sich gern mit Umweltthemen. Mitglieder der Partei engagieren sich in Bürgerinitiativen gegen Gentechnik und Braunkohle. In der Mecklenburgischen Schweiz ließen sich bereits Anfang der 1990er Jahre die ersten Anhänger der Artamanen nieder. Erst nach und nach wird klar, dass es sich um eine völkische Siedlerbewegung mit langer Tradition handelt. Über die rechtsextremen Ökos in Mecklenburg-Vorpommern wurde in den letzten Jahren schon in vielen Medien berichtet. „Eine Art Toskana für Neonazis“ sei im nordöstlichen Bundesland entstanden, schrieb DIE ZEIT vor einigen Monaten.

Buchcover "Braune Ökologen"
Nun hat die Heinrich-Böll-Stiftung eine 112-seitige Publikation zum Thema vorgelegt. Der Sammelband informiert über die Aktivitäten „brauner Ökologen“ in Mecklenburg-Vorpommern, geht den historischen Traditionslinien nach und analysiert die rechtsextremen Konzepte zum Umweltschutz.

Es wäre sehr zu wünschen, dass diese informative und gut geschriebene Broschüre nicht nur in Mecklenburg-Vorpommern gelesen wird. Vieles, was hier passiert, ist auch in anderen strukturschwachen Regionen vorstellbar - und findet dort ja in ähnlicher Form oft auch statt. Nicht zufällig lassen sich die völkischen Siedler nämlich in dünnbesiedelten Regionen  nieder. Richard Scherer, Mitglied eines lokalen Kirchgemeinderats, erläutert die Strategie im Interview:

„Sie kommen ganz gezielt hierher, weil sie genau wissen, dass es sich hinsichtlich ökonomischer, kultureller und sozialer Strukturen um einen leeren Raum handelt. Sie versprechen sich davon einen relativ geringen Widerstand. (…) Die Rechten nutzen diese existierende soziale und gesellschaftliche Leere. Das ist es, was sie gefährlich macht. Wenn man ein funktionierendes Gemeinwesen hätte, das ökonomisch, gesellschaftlich und kulturell funktionieren würde, wären die Rechten lästig, und man würde sich über sie ärgern, aber sie wären keine Gefahr“ (S. 76-78).

Für die Demokraten in diesen Regionen bleibt nur der Weg, sich zu vernetzen, um gemeinsam gegen die Nazis vorzugehen. Im Anhang der Broschüre gibt es dazu einige Handlungsanregungen sowie zahlreiche Kontaktadressen. Ein Interview mit der Arbeitsgemeinschaft „Völkische Siedler“, einem Zusammenschluss von demokratischen Initiativen in Mecklenburg-Vorpommern, vermittelt einen guten Eindruck von den Chancen und Schwierigkeiten der Gegenwehr. Trotz der nicht einfachen Bedrohungssituation plädiert der Vertreter der Arbeitsgemeinschaft für Gelassenheit:

„Am allerwichtigsten ist aber wohl, unser gesellschaftliches Miteinander trotz aller Vorsicht nicht von Misstrauen und Argwohn bestimmen zu lassen, sondern ein kooperatives und vertrauensvolles Klima in der Region zu verteidigen, wo immer es geht. Die Menschen in Norwegen zeigen uns gerade sehr eindrucksvoll, wie eine demokratische Gemeinschaft ihren Werten und Regeln auch angesichts unfassbaren Terrors treu bleiben kann. Die Anschläge von Oslo sind mit unserer Situation nicht vergleichbar, aber von der Reaktion der Norwegerinnen und Norweger können wir vielleicht lernen“ (S. 95).

Allerdings können die Bewohner der betroffenen Regionen die Probleme sicher nicht alleine lösen. Hier ist auch die Gesamtgesellschaft gefordert. Eine besondere Schwierigkeit liegt m. E.  darin, dass die völkischen Siedler einen „langen Atem“ haben: „Sie suchen nicht unbedingt den schnellen Erfolg sondern planen langfristig – zur Not über Generationen“ (S. 91). Welche langfristigen Ziele hat die demokratische Gesellschaft dem eigentlich entgegenzusetzen? Wer dafür plädiert, den Grundsatz der gleichwertigen Lebensverhältnisse in den Regionen aufzugeben, muss sich über die gesellschaftlichen Kosten im Klaren sein.

Zum Schluss noch dies: Toralf Staudt erwähnt in seinem Beitrag eine Rede des NPD-Abgeordneten Raimund Borrmann im Landtag vom Mecklenburg-Vorpommern. Es geht darin um den Schutz von Alleebeständen. „Zu blumigen Worten“ habe der Parlamentarier gegriffen, schreibt Staudt (S. 14). Gemeint ist Borrmanns Landtagsrede vom 13. Juni 2007 (PDF, 97 S., hier: S. 73f), in dem er die Alleebäume des Bundeslandes wie folgt preist:

„Schon aus großer Entfernung markieren sie Land, Weg und Grenzen. Sie sind vertraute Begleiter auf dem Weg zur Arbeit, schmücken durch Blütenpracht, Blätterleuchten und Kronenrund.“

Was Staudt nicht schreibt: Das Blumige stammt vom Naturschutzbund. Borrmann hat seine Formulierungen (ohne es zu erwähnen) zum Teil wortwörtlich aus einem Internettext des NABU Mecklenburg-Vorpommern abgekupfert.
 

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