Gewalt im Stadion. Eine Sonderausgabe des Aktuellen Sportstudios

Eigentlich gibt es für einen Fußballfan ja keinen Grund, in der fußballfreien Zeit irgendwelche Sportsendungen einzuschalten. Daher haben vermutlich die meisten Fußballinteressierten am Sonnabend eine sehr außergewöhnliche Ausgabe des Aktuellen Sportstudios verpasst. Die 60-minütige Diskussionssendung zur Gewalt in deutschen Fußballstadien ist aber noch über die ZDF-Mediathek abrufbar. (Und das noch ein Jahr lang, wie das ZDF auf Anfrage mitteilte.)

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An der Diskussion, die bemerkenswert sachlich und gelassen geführt wird, nehmen unter anderem teil:Helmut Spahn (ehemaliger Sicherheitsbeauftragter des DFB), Christian Heidel (Manager Mainz 05), Jannis Busse (Initiative Pyrotechnik legalisieren!), Bernhard Witthaut (Vorsitzender der Gewerkschaft der Polizei), Philip Markhardt (Initiative ProFans) und Jonas Gabler (Fanforscher). Hervorragend moderiert wird die Sendung von Michael Steinbrecher.

Ein paar Eindrücke:

Eigentlich sei er ja „ein großer Pyromane“, bekennt Uli Hoeneß in einem kurzen Einspielvideo. „Ich freue mich an jedem Feuerwerk, ich bin der größte Feuerwerker an Silvester.“ Aber auch ihm sei „schon mal fast was passiert“. „Das war aber mein Risiko.“ Im Stadion sei allerdings der Verein als Hausherr „verantwortlich für die Gesundheit von anderen“. Bengalos werden bis zu 2000 Grad heiß. Die verhaltene Begeisterung des Bayern-Präsidenten ist daher durchaus berechtigt.

Doch zum Schluss seines Statements deutet Hoeneß an, man könne vielleicht einen „Sektor“ zum Abbrennen von Pyrotechnik schaffen.  Das müsse freilich von „den Behörden“ genehmigt werden. Es käme darauf an, dass „man sich nicht im strafrechtlichen Bereich bewegt“. 

Aber genau das – nämlich ein „kontrolliertes Abbrennen“ - hatte die Kampagne Pyrotechnik legalisieren! ja gefordert. Auch nach der Debatte im Sportstudio ist mir vollkommen unverständlich, wieso der DFB die Gespräche mit den Pro-Pyro-Fans, die nach Angaben beider Seiten in einer angenehmen Atmosphäre stattfanden, so plötzlich beendete. Es bleibt zu hoffen, dass es nun keine Eskalation gibt.

Gibt es eine neue Dimension der Gewalt in deutschen Fußballstadien? Die „Zentrale Informationsstelle Sporteinsätze“ der Polizei nennt in ihrem letzten Jahresbericht (PDF, 32 S.) die Zahl von 846 verletzten Personen in der Saison 2010/2011. Dies sei „ein neuer Höchststand“. Aber mit den Statistiken ist es ja immer so eine Sache: Es sind nämlich auch die Zuschauerzahlen angestiegen. Der statistische Durchschnittswert von 1,38 Verletzten pro Spiel scheint mir jedenfalls nicht besonders aufregend. Da liegt doch eher die Frage nahe, wie man es hinkriegt, dass es nur so wenige Verletzte gibt.

Helmut Spahn weist in der Diskussion darauf hin, dass es beim Münchner Oktoberfest jeden Tag 800 Verletzte gebe. Und niemand fordere dort ein Alkohol- und Glaskrugverbot. Man müsse seriös argumentieren. Im internationalen Vergleich seien die deutschen Stadien weltweit die sichersten.

Zum Schluss der Sendung beschreibt ein ZDF-Korrespondent in einem Einspielbeitrag die Situation im englischen Fußball. Dort ist der Besuch eines Premier-League-Spiels mittlerweile so teuer geworden, dass die traditionellen Fußballfans kaum noch im Stadion zu finden sind. Mark Perryman, Vorsitzender des Fanclubs „London England Fans“, meint dazu:

„Die traditionelle Fankultur der Arbeiterklasse findest du nur heute im Grunde fast nur noch in der Kneipe. Da kannst du noch Alkohol trinken, stehen und fluchen und wenn du dich unbedingt prügeln willst, geht das dort auch leichter. Insofern ist die alte Fankultur vom Stadion in den Pub abgewandert, um sich die Spiele dort live im Fernsehen anzuschauen.“

Fazit: Eine sehr gelungene Sendung! Als langjähriger (manchmal etwas gelangweilter) Sportstudio-Zuschauer wünsche ich mir solche Experimente häufiger!


Linktipp:

Die Sicht der Fans: Fankongress 2012. Abschlussdokument (PDF, 8 S.)

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