Konservative Kapitalismuskritik (1)

Frank Schirrmacher, Mitherausgeber Frankfurter Allgemeinen Zeitung, zweifelt am Kapitalismus: „Ein Jahrzehnt enthemmter Finanzmarktökonomie entpuppt sich als das erfolgreichste Resozialisierungsprogramm linker Gesellschaftskritik. So abgewirtschaftet sie schien, sie ist nicht nur wieder da, sie wird auch gebraucht.“



In seinem Artikel, der am 15. August in der FAZ erschien, referiert Schirrmacher im Wesentlichen die Darlegungen des britischen Journalisten Charles Moore. Der leidenschaftliche Konservative und Thatcher-Biograph hatte im Juli zwei vieldiskutierte Artikel im Daily Telegraph veröffentlicht. Die Überschrift des ersten Artikels (erschienen am 22. Juli) lautete: „I’m starting to think that the Left might actually be right“. Dies ist auch Schirrmachers Überschrift: „Ich beginne zu glauben, dass die Linke recht hat“.



Moore kritisiert in deutlichen Worten die Finanzmarktökonomie. „Was ist mit den Arbeitern? Sie verlieren ihre Jobs in Porto und Piräus und Punchestown and Poggibonsi, damit die Banker in Frankfurt und die Bürokraten in Brüssel ruhig schlafen können.“ Die Analyse der Linken sei richtig gewesen, meint Moore in seinem zweiten Artikel: ein System, dass vorgebe, vielen zu dienen, entwickle sich immer stärker zu einem System, das nur wenige reicher mache. Die großen Banken vereinnahmten die Gewinne der Globalisierung, während für die Verluste die Steuerzahler der Nationen aufkommen müssten. „Die Banken kommen nur ‚nach Hause‘, wenn sie kein Geld mehr haben. Dann geben unsere Regierungen ihnen neues.“

Allerdings: Auch wenn Moore einzelne „linke“ Argumentationsmuster positiv bewertet, ist er doch keineswegs ins linke Lager gewechselt. Moore erläutert dies in einem Interview mit der „Welt“. Aber schon in seinem ersten Artikel finden sich diese Sätze:

„Man muss immer beten, dass der Konservatismus, wie so oft in der Vergangenheit, durch die Dummheit der Linken gerettet wird. Der blinde Glaube der Linken an den Staat, macht ihre Rezepte schlimmer als nutzlos. Aber als erstes gilt es zu erkennen, wie viel Boden wir verloren haben und dass vielleicht nicht mehr viel Zeit bleibt, um aufzuholen.“

Soweit die Selbsterkenntnis. Doch tiefer geht Moores Kapitalismusanalyse eigentlich nicht. Und nach konkreten Vorschlägen zur Behebung der Misere sucht man vergeblich.

Ganz ähnlich sieht’s bei Frank Schirrmacher aus. Er beklagt die fehlende „politische Positionierung der Konservativen“, aber am Ende des Artikels ist er wieder bei einem seiner Lieblingsthemen, dem „geradezu verantwortungslosen Umgang mit dem demographischen Wandel“. Sehr „links“ klingt das alles nicht.



Im zweiten Teil: Was ist von dieser Debatte zu halten? Ist die konservative Kapitalismuskritik wirklich ernstgemeint? Warum kommt sie jetzt?

Schlagworte

Bewertung
Noch keine Bewertungen vorhanden.

Kommentare

Kommentieren

Konservative Kapitalismus-Kritik – wer sind da schon Schirrmacher und Moore gegen Sombart, Spann und Freyer? 

 „Ein Volk, das mit der Gestaltung seiner äußeren Lebensbedingungen niemals zu Rande kommt, ist krank. Seine Energien in der ewigen Neuschaffung von Wirtschaftseinrichtungen und Produktionsmethoden erschöpfen, heißt seine Kräfte vergeuden. Wir müssen mit unserer Hauseinrichtung und dem ewigen Großreinemachen endlich fertig werden, damit wir uns würdigen Aufgaben zuwenden können. ... Wenn man also als den Hauptnachteil einer Beseitigung des Kapitalismus Verlangsamung des technischen und wirtschaftlichen Fortschritts bezeichnet, so antworten wir, dass wir gerade darin einen Segen erblicken würden“ (Sombart 1934, 318f.).

Aus verschiedenen Richtungen konvergieren Plädoyers für eine „Entwirtschaftlichung“ (Spann 1934, 125). Sie können nicht auf das autoritäre Motiv enggeführt werden, materielle Interessen und das Wohlergehen der Individuen zugunsten eines ‚großen Ganzen’ aufzuopfern. So sehr dies Motiv auch vorhanden ist, so wenig ist es doch bei Sombart und Spann das einzige Motiv. Spann ging es auch um die urteilskräftige Einbettung des Wirtschaftens in die menschliche Prioritätenhierarchie. „Ein großer Aufwand darf nicht für Kleines vertan werden“ (Spann 1934, 113).

Das Leitkriterium der Wirtschaft ist bei Spann nicht der Profit oder das gegenüber allen Inhalten der Arbeiten indifferente Bruttosozialprodukt, sondern „Beseelung der gewerblichen Arbeit ..., Qualitätsherstellung, Kunsthandwerk“ gegen die „Entseelung und Mechanisierung der Arbeit“ (ebd. 46).

Es geht um „Kultur nicht d u r c h die Technik, doch auch nicht g e g e n die Technik, sondern um Kultur i n n e r h a l b der Technik“ (Freyer 1921, 148).

Damit relativieren sich die maßgeblichen modernen (Effizienz) und kapitalistischen (Akkumulation und Konkurrenz) Kriterien, die alle normativen Fragen gegenstandslos werden lassen: „Die Frage steht daher nicht so, ob die fremde Ware mehr oder weniger kostet. Sondern vielmehr: ob sie das Gefüge, ob sie den Gliederbau und die Gegenseitigkeit der eigenen Ganzheit stört oder kräftigt“ (Spann 1934, 113).

Allein der Vorrang der Volkswirtschaft vor den Einzelunternehmen sichert Sombart zufolge, dass „Privateigentum kein unbeschränktes, sondern ein gebundenes, wenn man will – jedenfalls soweit es sich um das Eigentum an Produktionsmittel und am Boden handelt – ein Lehnseigentum sein wird. Ich kann der Fassung, die Othmar Spann dem Problem gegeben hat, durchaus zustimmen, wenn er sagt: ‚Es gibt formell Privateigentum, der Sache nach aber nur Gemeineigentum.’ Das Eigentum bestimmt nicht mehr die Grundsätze der Wirtschaftsführung, sondern die Grundsätze der Wirtschaftsführung bestimmen Umfang und Art des Eigentumsrechts: das ist der Springpunkt“ (Sombart 1934, 324 – Zu Differenzen zwischen Sombart und Spann vgl. Barkai 1977, 78f.).

Dies ist auch in Bezug auf die Gestaltung der weiter bestehenden „Beziehungen zu fremden Wirtschaften“ unerlässlich. Es „kommt in der Zukunft darauf an, dass die Gestaltung dieser Beziehungen nicht wie bisher dem blinden Zufall oder, was dasselbe ist: dem Gutdünken profitsuchender Einzelwirtschaften überlassen bleiben darf, sondern ebenfalls der Regelung durch die überindividuelle Vernunft, d.h. dem Staat, unterstellt werden muss“ (ebd. 325).

Sombart stellt nicht nur den Druck der Konkurrenz, der zur endlosen Erhöhung von Produktivität und Profit und zum Wirtschaftswachstum zwingt, infrage, sondern auch den menschlichen Sinn übertriebener Technisierung und Produktivitätssteigerung, ohne dass ich hier auf seine Überlegungen zur ‚Zähmung der Technik’ (Sombart 1934, 244 - 266) eingehen könnte. Sie nehmen manche heutige Ideen der Technikfolgenabschätzung und -bewertung vorweg.

(Auszug aus: Meinhard Creydt: Die Überwindung des Weltmarkts.

Werner Sombarts Aktualität im Zusammenhang der Globalisierungskritik Erschien in: Bruchlinien Nr. 17, 5. Jg., Wien 2006. Komplett enthalten in: www.meinhard-creydt.de)

Neuen Kommentar hinzufügen

Eingeschränktes HTML

  • Erlaubte HTML-Tags: <a href hreflang> <em> <strong> <cite> <blockquote cite> <code> <ul type> <ol start type> <li> <dl> <dt> <dd> <h2 id> <h3 id> <h4 id> <h5 id> <h6 id>
  • Zeilenumbrüche und Absätze werden automatisch erzeugt.
  • Website- und E-Mail-Adressen werden automatisch in Links umgewandelt.