Kritik des Kulturalismus

Der klassische Rassismus habe ausgedient: „Keine wichtige politische Bewegung … in Europa gründet ihr politisches Programm noch auf den Rassismus“, meinen Jens-Martin Eriksen und Frederik Stjernfelt. „Keine Elite vertritt mehr eine derartige Position, nur noch radikale Verlierer ohne politische Bedeutung.“  In der Tat: Selbst in der extremen Rechten wird heute oft ethnopluralistisch argumentiert. In unserem Lexikon heißt es dazu:

„Inhaltlich ist der Ethnopluralismus der Versuch eines Rassismus ohne Rassen, besser gesagt: der Versuch, die kollektivistische Ungleichheitsideologie des Rassismus in neuer Form zu präsentieren, nämlich ohne den politisch negativ besetzten und wissenschaftlich unhaltbaren Begriff der Rasse zu benutzen. Stattdessen wird das, was der klassische Rassismus den angeblichen Menschenrassen zuschreibt, jetzt den ‚Völkern‘ und ihren ‚Kulturen‘  unterstellt.“

Der Ethnopluralismus ist nach Auffassung von Eriksen und Stjernfelt aber nur eine von „zwei Spielarten einer kulturalistischen Ideologie“. Auf der linken Seite des politischen Spektrums gebe es den Kulturalismus in der Form des Multikulturalismus: „Die Linke verteidigt den Respekt vor Minderheitskulturen, während die Rechte als Hüterin der Nationalkultur auftritt.“

„Multikulturalismus – Ideologie und Wirklichkeit“ heißt das 2008 erschienene Buch der dänischen Autoren. Der vollständige Text liegt bislang nur in dänischer Sprache vor, doch der „Perlentaucher“ hat kürzlich einen Auszug übersetzen lassen, der die zentralen Thesen des Buchs enthält. Kulturalismus ist für die Verfasser „die Vorstellung, dass Individuen von ihrer Kultur determiniert sind, dass diese Kultur eine abgeschlossene, organische Ganzheit bildet und das Individuum nicht in der Lage ist, seine … Kultur zu verlassen, sich vielmehr nur innerhalb dieser verwirklichen kann“. Darüber hinaus behaupte der Kulturalismus, „Kulturen hätten Anspruch auf besondere Rechte und Schutzmaßnahmen – auch wenn sie die Rechte des einzelnen verletzen.“

Das wirkt auf den ersten Blick vielleicht etwas theoretisch. Doch die Autoren argumentieren vor dem Hintergrund der Debatte um die Mohammed-Karikaturen in der dänischen Zeitung „Jyllands-Posten“. In Dänemark gab es Kommentatoren, die den Karikaturisten vorwarfen, sie hätten die islamische Kultur beleidigt. „Wenn … das Dogmengebäude einer politischen Bewegung als ‚Kultur‘ definiert wird, gibt es die Neigung, sie sofort in Frieden zu lassen“, behaupten Eriksen und Stjernfelt. Gibt es diese Tendenz nur in Dänemark?

In der Januarausgabe der Zeitschrift „konkret“ findet sich ein Gespräch mit der Journalistin und Bundestagsabgeordneten Luc Jochimsen (Linkspartei). Es geht u. a. um die Reise einer Bundestagsdelegation in den Iran. „konkret“-Herausgeber Hermann L. Gremliza sieht derartige Unternehmungen grundsätzlich kritisch: „Mit einem Ayatolla darüber zu diskutieren, ob eine Frau gesteinigt werden darf, ist sinnlos. Der will nichts erreichen, der will sie tot haben. Und zwar auf möglichst grausame Weise. Dem kann man nichts beibringen.“ Luc Jochimsen antwortet darauf: „Die Iraner sehen das als Teil ihrer Kultur. Es gibt den Satz, daß Unterschiede in der Kultur kein Disease sind, keine Krankheit, kein Fehler, sondern sie müssen als Unterschiede akzeptiert werden.“

Hat Luc Jochimsen sich da nur unglücklich ausgedrückt und es war gar nicht so gemeint? Auch nach mehrmaliger Lektüre des vollständigen Interviews gefällt mir Jochimsens  Haltung nicht. Zugegeben: Es gibt auf diesem Feld keine einfachen Lösungen. Doch die Kritik am „zutiefst reaktionären, antimodernen Konzept“ des Kulturalismus (Stjernfelt in der Jungle World) ist m. E. gut begründet. Eriksen und Stjernfelt plädieren für eine andere Strategie:

„Es gibt kaum eine wichtigere Aufgabe in der heutigen Politik und politischen Philosophie, als sich mit größter Aufmerksamkeit der universellen Aufklärung zu widmen und sich mit aller Kraft gegen die vorherrschenden rechten und linken Formen des Kulturalismus und die Versklavung des Individuums innerhalb seiner jeweiligen "Kultur" zu wenden.“

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