Nach den Anschlägen von Oslo und Utøya (1)

Zugegeben: Ich möchte den Job auch nicht machen. Man befindet sich in einer Situation, in der man noch gar nicht weiß, was eigentlich genau passiert ist. Im normalen Leben könnte man jetzt sagen: Ich kann dazu im Moment noch überhaupt nichts sagen, denn es gibt dazu ja noch gar keine Informationen.

Doch im Fernsehen muss eben pausenlos irgendwas gesendet werden. Nicht immer ist es möglich, alte Dokumentationen über Transportflugzeuge, Mietnomaden und die „Wunder der Welt“ zu wiederholen. Wenn es in einer europäischen Hauptstadt eine große Explosion gibt, erwarten die Zuschauer berechtigterweise, dass darüber aktuell berichtet wird. Und so sah sich die Moderatorin eines privaten Nachrichtensenders dann am Freitagnachmittag gezwungen, Sätze wie diese zu sagen: „Die Norweger an sich gelten als sehr freundliches Volk. Da ist es umso erstaunlicher, dass an einem Freitagnachmittag so plötzlich eine solche Explosion stattfindet dieser Heftigkeit.“

Doch es kam noch schlimmer: Am Abend übernahmen die „Terrorexperten“ die Angelegenheit. Obwohl die Nachrichtenlage nach wie vor dürftig war, wurde auch in seriösen Medien über einen islamistischen Hintergrund der Anschläge spekuliert. Fast möchte man sagen: munter spekuliert. Stefan Niggemeier hat in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung (FAS) und in seinem Blog einige Beispiele zusammengestellt. Die Attentate könnten durchaus als Propagandaerfolg der Al Qaida gewertet werden, meint der Medienexperte in der FAS:

„Es ist ein großer Propagandaerfolg, gerade weil es kein Islamist war. Nicht nur, weil der Täter womöglich ein christlicher Fundamentalist ist, sondern weil die Reaktionen und Reflexe zeigten, wie sehr es Al Qaida gelungen ist, unser Denken zu bestimmen. Es ist auf eine perverse Art ein Erfolg für sie, wenn Menschen ihr automatisch jeden Anschlag zuschreiben; wenn Medien sich sofort aufgerufen fühlen, aufzuzählen, welche Gründe sie haben können, ein Land wie Norwegen anzugreifen, und wie groß die Bedrohung ist. Das Ziel von Terrorismus ist es, Angst und Schrecken zu verbreiten. Sie müssen dazu nicht einmal selbst Bomben legen, um es zu erreichen.“

Auffällig ist, dass die Anschläge in Norwegen zunehmend argumentativ genutzt werden, um die altbekannten innenpolitischen Debatten wieder ins Laufen zu bringen. So forderte der innenpolitische Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion Hans-Peter Uhl, die Sicherheitsbehörden müssten „stärker als bisher im Netz auf Streife gehen“. Dazu brauche man die Vorratsdatenspeicherung. In eine ähnliche Richtung geht die Stellungnahme von Bernhard Witthaut. Der Vorsitzende der Gewerkschaft der Polizei regte an, die im Internet durch „extremistische und menschenfeindliche“ Äußerungen „auffällig gewordenen Personen zu registrieren und zu identifizieren“.

Sonderlich hilfreich – dies zeigt Frank Jansen im Tagesspiegel - sind derartige Vorschläge nicht.

Mehr Demokratie, mehr Offenheit und mehr Menschlichkeit. Dies ist nach Auffassung des norwegischen Ministerpräsidenten die angemessene Antwort auf die brutalen Gewalttaten:

„We are still shocked by what has happened, but we will never give up our values. Our response is more democracy, more openness, and more humanity.”

Die Trauerrede von Jens Stoltenberg im Osloer Dom können Sie hier nachlesen.
 

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