Nach den Anschlägen von Oslo und Utøya (2)

Zu „verstehen“ ist das alles ohnehin nicht. Wer kann sich schon in das Denken eines Menschen hineinversetzen, der in einer Stunde fast achtzig Menschen ermordet?

Es liegt nahe, jemanden, der eine derart brutale Tat begeht, für geisteskrank zu halten. Doch dieser Umkehrschluss sei nicht zulässig, sagt die Psychotherapeutin und Gutachterin Sabine Nowara im Interview mit der Süddeutschen Zeitung (leider kein kostenloser Link verfügbar):

„Entscheidend ist der Blick auf die Person des Täters: Gibt es eine psychische Störung oder Erkrankung? Und war dadurch während der Tat seine Einsichts- und Steuerungsfähigkeit in irgendeiner Weise beeinträchtigt? Das Verbrechen muss ein Symptom dieser Störung sein.“

Falls sich herausstellen sollte, dass Anders Behring Breivik psychisch krank ist, wäre er einer der wenigen nicht „normalen“ Attentäter in der Geschichte des Terrorismus, schreibt Robert Lambert in der Huffington Post. „Terrorists are sane.“ Es sei auffällig, dass Breivik über außergewöhnliche planerische und organisatorische Kompetenzen verfüge. Die psychiatrischen Gutachten bleiben abzuwarten; aber auch dies spricht eher gegen eine Krankheit.

Und dann diese unglaubliche Rechtfertigungsschrift. Wie auch immer man Breiviks „Manifest“ beurteilen mag – es steckt eine enorme, jahrelange Arbeit dahinter. Und man muss diese Arbeit wohl eine geistige nennen. Peter von Becker bringt es im Tagesspiegel auf den Punkt:

„Tatsächlich bedeutet ein nicht ganz unintelligenter Mann, der mordet, aber vorher immerhin 1500 Seiten schreibt, für Intellektuelle eine Herausforderung. Man ist sogar im Innersten fast gekränkt, wenn so einer überhaupt Kafka kennt oder nennt.“

Richtig ist auch Beckers Hinweis auf die Tätertypen der Moderne:

„Erstaunlich, wie schnell man hier bereit ist zu vergessen, was ziemlich ‚normale‘ Mitmenschen beispielsweise in den Lagern des 20. Jahrhunderts, in medizinischen Folterlabors oder bei unzähligen (bürger-)kriegerischen Massakern angerichtet haben.“

„Spaß am Töten“ sei die Erklärung für Breiviks Verhalten, meint Henryk M. Broder. Doch wozu schreibt er dann 1500 Seiten? Broders Vermutung, Breivik habe einfach nur eine scheinrationale Begründung für seine Tat bringen müssen, finde ich wenig überzeugend.

Man kommt wohl nicht daran vorbei, sich mit diesem gruseligen Text zu beschäftigen. Wenn ich es richtig sehe, hat Breivik sich seine Weltanschauung im Wesentlichen aus dem Internet zusammenkompiliert. Er bedient sich dabei vor allem bei islamkritischen bzw.  islamophoben Autoren und greift rechtspopulistische Argumentationsmuster auf. Eine erste Analyse von Breiviks „Manifest“ liefern Alexander Häusler und Fabian Virchow.

„Und es gibt einen Zusammenhang zwischen der Neuen Rechten und den Terror-Attentaten in Norwegen“, schreibt Alan Posener in seinem Blog.

„Ideen haben Konsequenzen. Worte haben Folgen. Wer das leugnet, verwirkt den Anspruch, ernst genommen zu werden.“

Doch hier wird es nun wirklich schwierig, denn was bedeutet diese Erkenntnis für die öffentliche Diskussion? Die Grenzen müssten zukünftig klarer gezogen werden, meint Posener:

„Jeder, der bislang mit den Ideen der neuen Rechten geflirtet hat, ist gefordert, das Beleidigtsein aufzugeben und sich klar für die offene Gesellschaft und gegen ihre Feinde zu positionieren.“

Ähnliche Stimmen sind in diesen Tagen häufig zu hören. Robert Misik  fordert in der taz eine scharfe Abgrenzung von den Rechtspopulisten. Die „Zeit des Verniedlichens“ müsse „jetzt endlich vorbei sein“. Richard Herzinger empfiehlt in der Welt die „mäßigende Selbstreflexion“. Christian Bommarius plädiert in der Frankfurter Rundschau „dringend“ für  „verbale Abrüstung“.

Das alles ist sicher nicht ganz falsch: Die rassistischen und ehrverletzenden Aussagen rechtspopulistischer Blogger und Politiker müssen in der Gesellschaft auf entschiedene Ablehnung stoßen. Doch Klaus-Peter Klingelschmitts Warnung vor „falscher Rücksichtnahme auf den Islam“ ist ebenso berechtigt. Auch nach den schrecklichen Ereignissen in Norwegen bleibt es notwendig, die Gefahren des politischen Islams im Auge zu behalten.

Im Übrigen: Das Recht des Gläubigen zur Ausübung seiner Religion steht außer Frage. Doch auch der Atheist hat das Recht zur Verkündigung seines Glaubens. Klaus-Peter Klingelschmitt: „Der eigentliche Feind der Menschheit nämlich ist die Religion an und für sich. Amen.“
 

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