Leichte Sprache

Rechtsradikalismus ist kein sächsisches Problem

Verbale Entgleisungen und Gewaltfantasien gegen Engagierte und Andersdenkende sind ein unterschätztes Problem - nicht nur im Internet. Wenn wir jetzt nicht handeln, werden wir es vielleicht bitter bereuen.
Hass. Bild: pixelio, CCO

Als aktiver Social-Media-Nutzer waren die letzten Wochen für mich nur schwer zu ertragen. Die Ausschreitungen in Chemnitz Ende August, die noch immer Demonstrationen, Debatten und einen andauernden Streit um die Bewertung der Ereignisse zur Folge haben, hat wohl jede*r mitbekommen. Von „sächsischen Verhältnissen“ ist seitdem oft die Rede. Aus meiner Sicht ein zu einfacher Erklärungsversuch und ein gefährlicher noch dazu, wenn er blind für die Herausforderungen vor der eigenen Tür macht.

Ich habe meine Jugend in Eberswalde verbracht: eine der bevölkerungsreichsten Städte Brandenburgs, mit guter Anbindung an Berlin und einer Hochschule mit dem Schwerpunkt Nachhaltigkeit. Kein Ort, an dem man sofort Probleme mit Rechten vermuten würde. Eberswalde war allerdings auch einmal ein Nazi-Hotspot. Und das wirkt nach. Als ich dort im Sommer nach einer Demo für Toleranz mit einer Freundin und Organisatorin sprach, brüllten zwei finster dreinblickende Männer "Verpisst euch, Zecken!".

Danilo Zoschnik

Danilo Zoschnik
ist in Eberswalde aufgewachsen und zur Schule gegangen. Jetzt will er Lehrer werden und studiert Politische Bildung an der Uni Potsdam. Er ist Politischer Geschäftsführer der Grünen Jugend Brandenburg.

Die Einsatzkräfte der Polizei vor Ort verzogen keine Miene. Die kennen das. Anfang des Jahres kam nach einer Diskussionsrunde ein älterer Herr auf mich zu, um mir zuzuraunen, dass man solche wie mich früher "in die Urne gebracht" hätte.

Verbale Entgleisungen und Gewaltfantasien gegen Engagierte und Andersdenkende sind ein unterschätztes Problem. Nach den Nazi-Aufmärschen in Köthen (Sachsen-Anhalt), wo "Nationaler Sozialismus! Jetzt, jetzt, jetzt!" skandiert, und vom "neuen Rassenkrieg" schwadroniert wurde, machten Namens- und Adresslisten im Netz die Runde. Journalist*innen, Demo-Anmelder*innen und andere wurden da aufgeführt, denen man gerne "eine Lektion erteilen würde." Viele Kommentare gingen noch deutlich weiter.

Wer im Spiegel solcher Ereignisse glaubt, Brandenburg habe kein Problem mit rechten Umtrieben und sei in erster Linie idyllisches Radurlaubsziel, sollte das einmal hinterfragen. Die Rolle des Bundeslandes im NSU-Komplex, seine Geschichte und andere wichtige Aspekte, sollen hier gar nicht ausgeführt werden.

Klar ist aber: wenn wir nicht die Stimme erheben und Courage zeigen, uns hinter die Menschen aus Sachsen stellen, statt sie zu belächeln oder zu bemitleiden, könnten wir das alle noch bitter bereuen.
 

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Kommentare

Höchste Alarmbereitschaft

Ein dickes Brett, das da zu bohren vor uns liegt, wenn wir es denn ernst meinen. Und wo fängt der Widerstand gegen rechts(außen) an? Das ist eine Frage, der ich mich letztens am Küchentisch mit der Familie stellen musste und kann nur mitnehmen: nicht erst da, wo man sagt, dass man gegen Nazis ist (und selbst dann vielleicht noch nicht gegen sie auf die Straße geht), sondern da wo ihres Geistes Kinder anfangen Onlineportale für abweichende Meinungen zu hosten, Antisemitismus als "urdeutsche Aufgabe" zu begreifen oder den widerlichen und selbstverliebten Nationalismus, der viele Jahre zurecht ein Schattendasein gefristet hat, mit aller Mühe zu rekultivieren. Was hier und auch an vielen anderen Orten auf der Welt wieder passiert, ist kein Ausdruck irgendeines demokratischen Anliegens, sondern die glasklare Vorbereitung von staatlich unterstützter und gelenkter Menschenverachtung wie wir sie ganz sicher nie wieder sehen wollen
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Die Frage, ob etwas in

Die Frage, ob etwas in Sachsen und Brandenburg unterschiedlich schlimm, gut oder auch gleich ist, ist recht banal. Und die tagtägliche Masse der Aufrufe zu mehr Courage ermüdet die Rezipienten mittlerweile eher, als dass sie eine anspornende Wirkung entfalten. Da sollte man schon konkreter sein.
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Die Kämpfe um die

Die Kämpfe um die Deutungshoheit von Tagespolitik tragen sich heute nur noch im Netz zu, und das nicht ohne Folgen. Die berühmte Echokammer funktioniert auf für Neonazis, "besorgte Bürger" oder "Patrioten", da machen Maßnahmen wie das NetzDG aber auch nichts besser
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Hass spaltet

Wenn sie sich mit 'gespalten' auf grassierenden Rechtsextremismus beziehen, möchte ich unbedingt widersprechen. Das ist ein Riesenproblem, hat sicher viele Ursachen und ist Ausdruck davon, dass einige mit unserem Gesellschafssystem und mit ihm zusammenhängenden Grundwerten fertig sind. Das ist aber möglicherweise nicht mehr oder nur sehr schwer rückgängig zu machen. Meinungsdiversität ist etwas gutes, ja essenzielles für Demokratien. Gesellschaften sind auch oft zu einem gewissen Grad gespalten. Diese neue Level von Hass aber, das hat mit Spaltung nichts mehr zu tun und dem lässt sich nicht mit konstruktiven Kommentaren oder Ähnlichem beikommen. Leider...
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Uneins

Tag der Deutschen Einheit, aber gespalten wie vielleicht noch nie zuvor. Es gibt viel zu tun
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Es mag sich nicht um ein

Es mag sich nicht um ein ausschließlich sächsische Problem handeln. Klar ist aber: dort, und auch in den anderen neuen Bundesländern, nutzen die AfD und sog. extreme Mitte den bestehenden Nährboden besonders gut. Die Frage isr: worin besteht der?
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Es reicht!

Ein Kommentar so bitter wie die Aussichten, wenn alles so bleibt, wie es ist. Und damit meine ich: die schweigende Mehrheit muss ihr Schweigen brechen. Der Fall Maaßen hat ja gezeigt, dass es einen Unterschied macht, wenn es einen gesellschaftlichen Konsens darüber gibt, dass irgendwann eine Grenze überschritten worden ist. Und es ist spätestens jetzt mehr als überfällig, dass die Empörung, die Wut, die Fassungslosigkeit sich in ehrlichen, gewaltfreien und fordernden Protest verwandelt. Die Probleme endlich ernst nehmen! Den VS neustarten! Davon abrücken Links- und Rechtsextremismus immer gleichzusetzen und dabei rassistische Mordfantasien zu relativieren. Es gibt viele Stellen, an denen hier mehr kommen muss als bisher
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Chemnitz

Danke, lieber Danilo! Ich war vor knapp einem Monat bei dem Solidaritätskonzert in Chemnitz und bin sprachlos, dass die Stadt nicht zur Ruhe kommen kann und nach den Ausschreitungen jetzt auch noch rechtsterroristische Netzwerke dort für Furore sorgen. Aber wer soll sich dem entgegenstellen, wenn nicht wir alle?
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