Wir fahren nach Berlin?

Zum Feiern, Shoppen, Unangepasst sein oder Demonstrieren sollen wir nach Berlin fahren. Die Verwunderung darüber, dass sich viele junge Menschen nach dem Abi aus dem Brandenburger Staub machen, ist dann aber groß. Wer die Jugend hierbehalten will, weiß, dass es so auf keinen Fall weitergehen kann!

Berlin ist überall. Eigentlich ja in der Mitte von Brandenburg. Aber während Berlin als bunte, moderne Weltstadt gilt, ist Brandenburg für viele das Synonym für das Nichts - der Arsch der Welt. Das mag oft spaßig gemeint sein, ist aber nicht lustig, wenn es bedeutet, dass der Einsatz für jugendliches Leben vor Ort leidet oder sogar aufgegeben wird.

Um den Karfreitag bekam ich einige hitzige Debatten zum "Tanzverbot" in meinem Umfeld mit. Mir wurde da von Älteren teilweise gesagt: "Wenn es euch stört, dass ihr heute nicht feiern gehen könnt, fahrt doch nach Berlin!". Das fand ich ziemlich dreist, weil ja beileibe nicht jede*r Jugendliche in einer halben Stunde nach Berlin kommt. Und weil es mich sofort an etwas viel Grundlegenderes denken ließ, das auch nach den Feiertagen aktuell bleibt: Club- und Freizeitkultur sind in Brandenburg so ausbaufähig wie der Takt der Öffis und die Formate der Jugendbeteiligung.

Klar, dass all das in der Lebensrealität der meisten Älteren einen ganz anderen Stellenwert hat. Aber gerade deshalb ist es so wichtig, auch ihnen klarzumachen, dass es uns um mehr geht, als um eine Garantie, auch völlig dicht noch (schnell) vom Club nach Hause zu kommen.

Danilo Zoschnik
Danilo Zoschnik ist in Eberswalde aufgewachsen und zur Schule gegangen. Jetzt will er Lehrer werden und studiert Politische Bildung an der Uni Potsdam. Er ist Politischer Geschäftsführer der Grünen Jugend Brandenburg.

Im Politik-Abiturkurs meiner alten Schule in Eberswalde habe ich letzte Woche eine Stunde lang darüber diskutiert, warum es so viele junge Menschen aus Brandenburg wegzieht. Den meisten fehlen die Freiräume und nicht-kommerzielle Treffpunkte: Soli-Kneipen, Sportanlagen, die Möglichkeit, dort auch spät oder vom Dorf aus hinzukommen - und das möglichst ohne Auto.

Selbst in den Kreisstädten gibt es für viele zu wenig zu unternehmen. Da ist immer das Gefühl, dass es anderswo Zukunftschancen gibt, die Brandenburg nicht zu bieten hat. Oder es tritt ein Gewöhnungseffekt ein durch die Jahre, die man für Partys, freie Wochenenden, Konzerte oder den Verein nach Berlin tuckert, so dass es scheint, als sei es wenig, was eine*n noch hier hält.

Und das geht wohl nicht nur den Schüler*innen in Eberswalde so. Mit-Studis von mir, die in Berlin wohnen, kennen von Brandenburg nicht aus Zufall manchmal nicht mehr als die S-Bahnhöfe.

Zum Feiern, Shoppen, Unangepasst sein oder Demonstrieren sollen wir nach Berlin fahren. Die Verwunderung darüber, dass sich viele junge Menschen nach dem Abi aus dem Brandenburger Staub machen, ist dann aber trotzdem groß.

Dass es auch von meinen Freund*innen nicht wenige erstmal komisch fanden, dass ich in Potsdam studiere, wo Berlin doch direkt vor der Tür liegt, spricht Bände. Und hat einen Grund: Berlin ist eine gelegene Ausrede. Aber wer die Jugend hierbehalten will, weiß, dass es so auf keinen Fall weitergehen kann!

Schlagworte

Bewertung
23 Stimmen, Bewertungen im Durchschnitt: 4.6 von 5

Kommentare

Kommentieren

Wer nicht nah an Berlin dran wohnt kennt ja den Struggle. Entweder richtig Party machen in Berlin oder eher 'nicht so der Party-Typ' sein. Bei uns im Freundeskreis fährt niemand bis nach Berlin, weil das jedes Mal knapp 12€ kostet, auch wenn ich auch gern mal in einen Club gehen würde. Aber da muss die Politik dann auch kostenlose Bahntickets für junge Leute machen zum Beispiel oder sowas. Wenn ich 30 oder 40 € für einen Abend in Berlin lassen muss zock ich halt lieber von dem Geld.

In Zeiten von Online-Unterhaltung müssten sich auch die strukturschwachen Regionen ja eher mehr als weniger engagieren ihre Jugend zu binden, weil die sonst nämlich echt keinen Grund mehr haben dort zu verweilen. Natürlich ist es normal, dass es durchs Studium, die Ausbildung oder Reisen nach der Schule eine gewisse Fluktuation gibt. Die ist in Brandenburg aber sehr viel höher als normal, und es kommen auch nur begrenzt viele aus anderen BL um in Brandenburg zu studieren. Wenn sie es in Potsdam oder Eberswalde tun, werden sie außerdem in aller Regel in Berlin wohnen und zu den S-Bahn-Kennern werden, wie der Text beschreibt. Freizeitgestaltung mag sich nach einem vernachlässigungsbaren Thema anhören. Ist es aber nicht. Nicht für Jugendliche. Dafür könnt ihr auch einfach Mal mit euren Kindern sprechen!

Es ist ganz schön traurig wenn es so um die Möglichkeiten der Jugend bestellt ist. Auf den Wahlplakaten zur Kommunalwahl in Eberswalde geht es manchmal um Bildung aber nichts zu Jugend und Freizeit. Dabei ist es hier besonders krass: wir sind noch nah an Berlin, eine der größten Städte im Land. Aber selbst Auszubildender will in Eberswalde kaum Wer werden. Und wenn die Hochschulstudis mal nich in Berlin wohnen, dann nur wegen der Mieten. Neuer Wohnraum ist ein Anfang. Aber fürs Leben ist wohnen halt auch nur ein Anfang

Vielen Dank für diesen wichtigen Beitrag.
Das offensichtliche Desinteresse an der Jugend in Brandenburg hat bereits jetzt gravierende Folgen.
Drei Beispiele:

Die allgemeine Wahlbeteiligung an der Universität Potsdam für das Studierendenparlament 2018 lag bei traurigen 7,12%. In der Regel ist die bundesweite Wahlbeteiligung bei den Wahlen der Studierendenparlamente bescheiden, jedoch sind die Gründe meist unterschiedlichen Ursprungs. Die Vermutung liegt hier nahe, dass sich die Studierenden wenig mit der Universität, noch der Stadt identifizieren können. Das scheint wenig verwunderlich - um zum nächsten Beispiel zu kommen - da ein Großteil der Studierenden der UP den Standort Berlin als Wohnort vorzieht. Auch das ist keine große Überraschung, denn die Stadt Potsdam, das Land Brandenburg und auch die Universität Potsdam disqualifizieren sich selbst mit einer dramatisch niedrigen Kapazität von Studierenden Wohnheimen. (Im WS 18/19 lag die Studierenden Wohnraumkapazität bei 8,9% von 26.000 Studierenden) Der Bedarf an bezahlbarem Wohnraum für die Studierenden hat längst die rote Linie überschritten.
Die Studierenden nehmen sogar einen längeren Anfahrtsweg in Kauf. Für Mensch und Natur sind die Folgen dieses immensen Pendelverkehrs gewaltig.
Letztes und wichtigstes Beispiel: Die Wahlbeteiligung bei der letzten Landtagswahl im Jahr 2014 lag bei den 21 bis unter 25 jährigen insgesamt bei 26,2%. Im Vergleich zur Landtagswahl im Jahr 2009 ein Rückgang von 28,4%.
Im Jahr 2014 lag die durchschnittliche Wahlbeteiligung aller Altersgruppen bei 48,5%.
Weiter lag im Jahr 2016 bei der Wahl des Abgeordnetenhauses in Berlin die Wahlbeteiligung der 21 bis unter 25 jährigen bei 53,8%.

Warum diese Beispiele? Die Wahlbeteiligung und die, wenn möglich, selbstbestimmte Wahl des Wohnorts, sind die wesentlichen Indikatoren dafür, ob sich die/der Bürgerin/Bürger mit der vorhandenen Struktur, dem eigenen Wohnort identifizieren kann. Ich gebe zu, dass die Gründe für eine geringe Wahlbeteiligung vielfältig sind. Jedoch gehe ich im Fall Brandenburg - Potsdam - Berlin davon aus, dass die Abwälzung einiger Aufgaben von Brandenburg nach Berlin einerseits und das Ignorieren jugendlicher Interessen und Bedürfnisse durch die Stadtverordnetenversammlung Potsdams andererseits, die wesentliche Verantwortung für dieses, Danilo Zoschnik hat es treffend formuliert, "aus dem Brandenburger Staub machen" tragen. Wer vorhat Brandenburg zu verlassen, wird wenig Interesse an einer zukunftsverändernden Stimmabgabe haben.
Potsdam muss nicht wie Berlin werden, dieser Anspruch wäre zum Scheitern verurteilt. Allerdings muss die Attraktivität für junge Menschen dringend gesteigert werden. Das Potenzial hat Brandenburg in jedem Fall!
Nochmal in einem Satz die sichtbaren Folgen einer an der Jugend vorbeigehenden Politik:
Die Wahlbeteiligung für das Studierendenparlament der UP ist sehr niedrig. Viele Studierende ziehen es vor in Berlin zu leben, anstatt in Potsdam oder Frankfurt (Oder). Und bei der letzten Landtagswahl in Brandenburg war die Wahlbeteiligung der 21 bis unter 25 jährigen sehr niedrig.

Gerrit Prange, Student der Universität Potsdam

Quelle: https://www.stupa.uni-potsdam.de/wahlergebnisse (Letzter Zugriff: 10.05.2019, 11:22)
http://astaup.de/2018/10/pressemitteilung-vom-aktionsbuendnis-fuer-stud… (Letzter Zugriff: 10.05.2019, 11:23)
https://www.wahlergebnisse.brandenburg.de/wahlen/LT2014/K_LT14_Download… (Letzter Zugriff: 10.05.2019, 11:24)
https://www.wahlen-berlin.de/wahlen/BE2016/RepWahlStat.asp?sel1=1253&se… (Letzter Zugriff: 10.05.2019, 11:26)

Eine interessante Perspektive. Darüber hatte ich so ehrlich gesagt noch nie nachgedacht. Ich weiß ja nicht, ob das alle junngen Brandenburger gleichermaßen betrifft aber gut kling das wirklich nicht. Meine Tochter hat mir damals aber tatsächlich auch nie erzählt, dass sie jetzt in eine Disco in der Nähe gehen würde. Da war es auch immer Berlin. Und wenn die Bedürfnisse der Menschen insgesamt vielfältiger werden, betrifft das ja auch die Jugend. Umso schlimmer, wenn die Lage vor Ort dann so schlecht ist. Da muss man auf jeden Fall ein Auge drauf haben.

Da ich mittlerweile in Berlin wohne, aber noch in Brandenburg studiere und auch hierherkomme, find ich die Analyse voll treffend! Wenn alle in Brandenburg berechtigterweise der Meinung sind, dass es nichts zu tun gibt und alles trist ist und die Berliner von Brandenburg dahingehend genau so viel halten, wer soll denn dann noch übrig bleiben, um den allerletzten besonderen Orten und Projekten noch eine Daseinsberechtigung zu geben? Manchmal, ganz besonders aber bei jugendlicher Freizeitkultur, politischen Angeboten für junge Leute usw. muss gelten: Bestand über Profitabilität. Sonst wird es nur noch schlimmer

Neuen Kommentar hinzufügen

Eingeschränktes HTML

  • Erlaubte HTML-Tags: <a href hreflang> <em> <strong> <cite> <blockquote cite> <code> <ul type> <ol start type> <li> <dl> <dt> <dd> <h2 id> <h3 id> <h4 id> <h5 id> <h6 id>
  • Zeilenumbrüche und Absätze werden automatisch erzeugt.
  • Website- und E-Mail-Adressen werden automatisch in Links umgewandelt.