Leichte Sprache

Uneindeutigkeit als Mode und Methode

In jüngerer Zeit lassen sich v. a. bei jugendlichen Neonazis einige Veränderungen beobachten, die als autonomer Nationialismus von sich reden machen. Dahinter steht vielfach das Bedürfnis, in Musik und Mode nicht am Klischee vom „Stiefelskinhead“ haften zu bleiben, das als „altmodisch“, „dumpf“ und „einseitig“ beschrieben wird.

In anderen Worten äußert sich hier der Wunsch, wie andere Jugendliche auch Musik zu hören, die nicht bereits seit 20 Jahren Geschichte ist, und Kleidung zu tragen, die von Gleichaltrigen akzeptiert wird.  

 

Sie sind nicht mehr eindeutig zuzuordnen, die TShirts des Autonomen Nationalismus:
Der Aufdruck auf der Vorderseite orientiert sich in Optik und Aufmachung an der Ästhetik der Antifa. Er enthält den Schriftzug, "Politisch motivierte Sozialisten", der eine Anlehnung an die Kategorisierung "Politisch motivierte Kriminalität" darstellt, mit der die Strafverfolgungs-behörden u. a. Straftaten der extremen Rechten erfassen.

Das TShirt erfüllt daher zwei Zwecke: Zum einen für den unbedarften Betrachter nicht deutlich zuzuordnen zu sein und zugleich Militanz zu demonstrieren.

Dieser Eindruck verfestigt sich durch die Beschriftung auf dem Rücken (die bei Bedarf durch eine Jacke verdeckt werden kann): "Wer Angst hat... / Wer Charakterlos ist... / Wer Ahnungslos im Leben steht... / Der Behalte sein kümmerliches Dasein! / Wir setzen uns zu Wehr gegen Polizeiwillkür!". Die Anfangsbuchstaben der jeweils zweiten Worte ergeben (hervorgehoben durch orthographisch falsche Großschreibung) das Kürzel, "ACAB" -- "All Cops Are Bastards" = "Alle Bullen sind Schweine".

Wie es die Bezeichnung vom autonomen Nationalismus nahe legt, orientieren sich die jungen Neonazis an der militanten Optik linksradikaler Autonomer. Daneben übernehmen sie auch Aktionsformen der radikalen Linken, etwa sog. „schwarze Blöcke“ auf Demonstrationen u. ä.

Weitere wichtige ästhetische Einflüsse kommen aus der Techno- und der HipHop-Szene, die beide lange Zeit als „ungefährdet“ oder gar „resistent“ gegenüber rechtextremen Versuchungen galten.

Weltanschaulich beziehen sich autonome Nationalisten oft auf den sog. „linken Flügel“ der NSDAP". Vor diesem Hintergrund nimmt es nicht Wunder, wenn modische Anleihen von anderen „Szenen“ auch ideologische Aufwertung erfahren.

Denn in rechtsextremen Kreisen der Weimarer Republik, die sich die Bildung eines „nationalen Sozialismus“ zur Aufgabe gemacht hatten, wurde Anfang der 30er Jahre eine Bündnisstrategie diskutiert, die „quer“ zu allen ideologischen Grenzen vom Nationalsozialismus über die Gewerkschaften bis weit ins bürgerliche Lager reichen sollte.

Solche Überlegungen, die als „Querfront“ bezeichnet werden, greift der autonome Nationalismus auf. Ideen des Nationalsozialismus seien, wenn sie nicht auf den ersten Blick als solche kenntlich gemacht werden, auch außerhalb neonazistischer Kreise durchaus hoffähig, heißt es.

Es gelte also, in unpolitischen, in bürgerlichen, in konservativen, aber auch in „linken“ Milieus Themen und Argumente zu platzieren, Diskussionen zu führen, ohne sich und das Argument als neonazistisch zu diskreditieren.

Modische Veränderungen in rechtsextremen Kreisen können daher auch als Versuch gewertet werden, rechtsextreme Diskurse in jugendkulturelle Milieus zu tragen, die sich als „unpolitisch“ oder „links“ betrachten.

Daneben haben sie freilich auch einen ganz praktischen Hintergrund: Autonomer Nationalismus ist v. a. allem ein städtisches Phänomen, und in den Städten mag es in weit stärkerem Maße von Nachteil sein, auf den ersten Blick als Neonazi erkannt zu werden, als es in ländlichen Gebieten der Fall ist.

Kleidung zu tragen, die allgemein aus anderen Zusammenhängen bekannt ist, kann auch eine Frage des Selbstschutzes sein.

weiterlesen

Jan Buschbom / Violence Prevention Network e.V.
2006

Eigene Bewertung: Keine Durchschnitt: 5 (1 Bewertung)