Leichte Sprache

Flüchtlinge gern, aber nicht die?

Wie in Deutschland scheint es auch in der norwegischen Flüchtlings- und Zuwanderungsdebatte vor allem darum zu gehen, wer was vom Kuchen haben darf, ohne sich vorher an den Zutaten beteiligt zu haben. Wirtschaftsflüchtlinge und Sozialschmarotzer heißt das dann zum Beispiel.
Bettlerin auf einem Bürgersteig

Heidenau, Nauen und Freital brennen. Diese Meldungen erreichen mich mit Schrecken - jedoch aus der Ferne. Seit gut einem Monat lebe ich in der Hauptstadt Norwegens für ein Auslandssemester an der Universität Oslo. Auch hier sehe ich, dass Menschen ihre Heimat verlassen, um Gewalt, Terror und Armut zu entfliehen und in Norwegen eine Zukunft suchen. Das norwegische Parlament stimmte erst kürzlich zu, in den kommenden drei Jahren 8.000 syrische Flüchtlinge aufzunehmen. Für Norwegen mit einer Bevölkerungszahl von ca. fünf Millionen Einwohnern ist das viel. Das Land nimmt 2,5 Flüchtlinge pro 1.000 Einwohner auf.

Ob Flüchtlinge hier ein großes Thema sind, frage ich Emil, einen unserer „Buddies“, die uns in der ersten Woche an der Uni begleiteten. Nein, nicht wirklich, sagt er. Nur bei einer Gruppe ende die Großzügigkeit und das Verständnis der norwegischen Bevölkerung: bei der Zuwanderung von Roma.

Aus Emils Sicht hören sich die Gründe dafür so an: Viele Menschen des „romanifolk“, wie es im Norwegischen heißt, leben in den Wäldern vor Oslo. Im Winter schlafen sie dann auf den Gehwegen der Innenstadt. Diese werden hier übrigens in den kalten Wintermonaten beheizt! Ansonsten würden sie so sehr betteln, dass die rechtskonservative Fortschrittspartei im letzten Jahr sowohl die Bettelnden als auch diejenigen bestrafen wollte, die ihnen etwas gaben.

Darum geht es also, um Armut, die das Straßenbild stört? Ich konnte mir zunächst nicht vorstellen, dass im reichen Wohlfahrtsstaat Norwegen Roma in Wäldern leben müssen. Doch bei einer Wanderung rund um den See Sognsvann, der im Norden Oslos liegt, sah ich, wie eine ältere Frau aus dem Wald heraustrat, um Kleidung im See zu waschen. Rund um sie herum sportelnde Norweger, die ihren sonntäglichen Marathon liefen. Nicht ohne verärgert auf sie zu blicken, denn das war ja Umweltverschmutzung.

Warum gerade diese Minderheit, frage ich mich? Auch in der deutschen Flüchtlings- und Zuwanderungsdebatte werden die Roma besonders diskriminiert. Ein Drittel der Flüchtlinge aus dem Westbalkan sind Roma, vermeldete etwa die FAZ kürzlich und strickte einen ganzen Artikel ums Betteln und die angeblich größere Sozialhilfebedürftigkeit der Volksgruppe.

In Norwegen leben die Roma zum Teil seit Jahrhunderten. Und genau so lange werden sie auch schon diskriminiert. Dauerhaft waren Forderungen, die Volksgruppe solle auswandern. Anfang des 20. Jahrhunderts begann die Regierung Norwegens dann, den Roma ihre Kinder zu entziehen und Mitte der 30er Jahre erfolgten Zwangssterilisationen. Unter der deutschen Besetzung während des 2. Weltkrieges wurden Angehörige der Volksgruppe deportiert und ermordet. Ebenso wie im nationalsozialistischen Deutschland und in anderen von den Deutschen besetzten Ländern.

Erst in den 1990er Jahren begannen die Roma, sich in Norwegen in eigenen Interessengruppen zu organisieren. Ein staatlicher Fond wurde im Jahr 2004 eingerichtet, mit einem Grundkapital von 75 Millionen norwegischen Kronen (etwa 8,3 Millionen Euro), der die Roma-Kultur fördern soll.

Wie in Deutschland scheint es aber auch in der norwegischen Flüchtlings- und Zuwanderungsdebatte vor allem darum zu gehen, wer was vom Kuchen haben darf, ohne sich vorher an den Zutaten beteiligt zu haben. Wirtschaftsflüchtlinge und Sozialschmarotzer heißt das dann zum Beispiel in der politischen Sprache in Deutschland.

Die ganze Debatte erinnert mich an diese unsäglichen Aufkleber, die vor einigen Jahren (wenn auch in einem anderen Zusammenhang) öfter in deutschen Autos zu sehen waren. "Eure Armut kotzt mich an", stand darauf.

Eine Diskussion über Zuwanderung und Flüchtlinge, die einzelne Gruppen herauslöst, ist gefährlich und außerdem falsch, weil sie den einzelnen Menschen verschwinden lässt, die Gründe für seine Flucht oder die Entscheidung, sein Land zu verlassen. Gerade das Beispiel der Roma zeigt diesen fatalen Zusammenhang ganz deutlich. Auch in so genannten sicheren Herkunftsländern werden sie bis heute diskriminiert und müssen nicht selten um Leib und Leben fürchten.

Angesichts dessen kann einem in der ganzen Debatte schon mal der Kragen platzen. Auch wenn es Herbert Heuß, der Vorsitzende des Zentralrats deutscher Sinti und Roma etwas schräg ausgedrückt hat, als er das Vorhaben Berlins kritisierte, Roma-Kindern das Betteln zu verbieten:

Das Bettelverbot sollte in erster Linie für den Senat gelten: Die bedienen sich doch seit Jahren im Länderfinanzausgleich.“*

Die letzten Sommertage in Oslo sind vorüber und eine graue Wolkendecke, Sturm und Starkregen bestimmen den Alltag. Bald werden die Temperaturen unter 10 Grad Celcius fallen. Was machen die Roma, wenn es soweit ist? Ich hoffe, dass dann die Norweger da sind, wie ich sie hier kennengelernt habe: unglaublich freundlich, geduldig, zurückhaltend und offen gegenüber Fremden. Das helle Norwegen eben, würde jetzt wohl der deutsche Bundespräsident sagen.

 

Lina Dingler studiert Politikwissenschaften und Wirtschaft an der Universität Potsdam. Im Februar und März 2015 hat sie über ihre Praktikumszeit in der Landeszentrale gebloggt. 

 

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