Leichte Sprache

„Damit kehrt man der Aufklärung den Rücken"

Nudging und boosting sollen der Politik auf die Sprünge helfen. Dahinter steckt die Idee, Bürger mit psychologischen Tricks zu einem bestimmten Verhalten zu bewegen. Ralph Hertwig, Direktor am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung, kritisiert den Versuch.
Nudge (engl. für Stups oder Schubs, Plural: nudges) ist ein Begriff der Verhaltensökonomik, der maßgeblich durch die Wissenschaftler Richard Thaler und Cass Sunstein und deren Buch geprägt wurde. Bild: Screenshot aus dem Videotipp.

Der Mensch ist unvollkommen. Er handelt oft bequem statt rational, genussorientiert statt gesundheitsbewusst. Manche Politiker würden das gern ändern, vor allem, wenn das Verhalten öffentliche Gelder kostet, die Gesundheit oder die Umwelt schädigt. Psychologen und Verhaltensökonomen aus den USA haben neue Möglichkeiten aufgezeigt, das Verhalten der Bürger in gewünschte Richtungen zu steuern. „Nudging“ heißt die Methode, übersetzt in etwa „stupsen“. Auch in Deutschland wird darüber diskutiert.

Prof. Dr. Ralph Hertwig vom Max-Planck-Institut für Bildungsforschung über den Sinn und Unsinn von Nudging.
 

Herr Hertwig, mit welchen Mitteln werden Leute dazu bewegt, ihr Verhalten zu ändern?

Prof. Dr. Ralph Hertwig. Foto: Bernhard Ludewig

Die Idee ist, das Ziel zu erreichen, ohne finanzielle Anreize zu schaffen oder etwas zu verbieten. Stattdessen nutzt man typisch menschliche Schwächen, Fehler oder Defizite aus, die den Menschen in der Regel nicht bewusst sind. Die meisten werden es also gar nicht merken, wenn sie genudgt werden.


Haben Sie ein Anwendungsbeispiel?

Ein großes Thema in diesem Kontext ist die Organspende. Bei uns in Deutschland sieht das Transplantationsgesetz vor, dass Leute aufgefordert werden, aktiv zu prüfen und zu entscheiden, ob sie Organe nach ihrem Tod spenden wollen – sie müssen jedoch keine Entscheidung treffen. Der Nudging-Ansatz ist, die Wahl umzukehren, sodass jeder zum Organspender wird, der nicht ausdrücklich widerspricht. Da so ein Widerspruch aufwendiger ist, als nichts zu tun, kann man davon ausgehen, dass nur wenige Leute widersprechen würden.


Wäre es nicht wünschenswert, wenn es mehr Spenderorgane gäbe?

Doch, ganz sicher. Ich sehe allerdings den Weg kritisch, den man mit so einer Vorgabe einschlägt. Denn damit unterstellt man, dass die meisten Bürger Organspender werden möchten und nur aus Trägheit keinen Organspendeausweis ausfüllen. Grundsätzlich argumentieren die Befürworter, dass Nudging die Menschen zu Entscheidungen bringt, die sie selbst gutheißen. Aber das verkennt die Vielfalt der menschlichen Präferenzen. So gibt es durchaus nachvollziehbare Gründe gegen Organspende. Aus meiner Sicht ist die Entscheidung dafür oder dagegen so persönlich und so bedeutsam, dass sie jeder bewusst treffen sollte.


Sie sehen die Methode also kritisch?

Was mich stört, ist das Menschenbild dahinter: Der Mensch wird als defizitär angesehen, als zu träge, selbst zu denken. Die Nudger haben es aufgegeben, Menschen kompetenter zu machen und sie dazu zu bewegen, sich ihres eigenen Verstandes zu bedienen. Damit kehren sie in gewisser Weise der Aufklärung den Rücken.


Werden wir nicht alle schon längst subtil beeinflusst, beispielsweise durch Werbung?

Tatsächlich ist Nudging nichts Neues. Im Supermarkt werden die billigen Produkte schon lange unten im Regal platziert, die teuren dagegen in Augenhöhe, weil sie sich dann besser verkaufen. Neu ist, Nudging für staatliche Ziele einzusetzen und die Bürger mithilfe solcher Tricks zu beeinflussen. Das setzt allerdings voraus, dass der Staat es grundsätzlich gut meint – eine vermutlich sehr naive Annahme. Dazu kommt, dass die Nudger anscheinend für sich in Anspruch nehmen, frei von den Defiziten zu sein, die sie anderen unterstellen.


Lehnen Sie Nudging grundsätzlich ab?

Ich möchte das nicht in ein Schwarz-Weiß-Schema einordnen. Es gibt Situationen, in denen gewisse Formen von Nudging sinnvoll sein können. Ich halte es zum Beispiel durchaus für legitim, in der Schulcafeteria, Obst und Gemüse gut erreichbar aufzustellen und süße Sachen eher am Rand, damit Kinder sich gesünder ernähren. Man muss aber genau abwägen, wann die Methode angemessen und nicht einfach bevormundend ist und welchen Effekt sie erzielt.


Aber wirkungsvoll ist das Vorgehen doch, oder?

Ja, aber oft mit begrenzter Reichweite. Im Beispiel mit der Schulcafeteria endet die Wirkung des Nudgings am Schulausgang. Wenn die Kinder rausgehen, sind sie genau den Versuchungen ausgesetzt, die man vorher so sorgfältig vermieden hat: in der Eisdiele, beim Bäcker, im Supermarkt. Und natürlich spielt das Essen in der Familie eine große Rolle, aber bis dahin reicht der Einfluss erst recht nicht.


Was wäre denn die Alternative?

Wir müssen die Leute darin unterstützen, gute Entscheidungen zu treffen. Das Konzept nennen wir „Boosting“, also die Menschen stärken. Um gesunde Ernährung zu fördern, sollte man aus unserer Sicht Kindern von klein auf beibringen, welches Essen gut für sie ist und warum. Und man könnte Eltern Tipps geben, wie sie sinnvolles Essverhalten mit ihren Kindern üben. Boosting nutzt wie Nudging wissenschaftliche Erkenntnisse, setzt sie aber konstruktiv ein. Da gibt es ein schönes Beispiel: Viele Kinder haben Angst vor Zahlen und tun sich deswegen schwer in Mathematik. Eine Studie aus den USA hat gezeigt: Wenn Kinder ein paarmal in der Woche anstelle der üblichen Gutenachtgeschichte eine Geschichte mit Zahlen vorgelesen bekommen und dabei spielerisch Mitzählen und Rechnen üben, steigen ihre Schulleistungen in Mathematik deutlich. Das ist genau der Ansatz von Boosting. Im Nudging würde man eher versuchen, die Angst vor Mathematik auszunutzen. Darin liegt für mich der entscheidende Unterschied.
 

Das Interview wurde geführt von Mechthild Zimmermann. Es erschien zuerst in: MaxPlanckForschung 2/16. Die Landeszentrale dankt der Max-Planck-Gesellschaft für die Genehmigung zur Veröffentlichung.

 

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