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Verschwörungstheorien

Lexikon Politische Bildung

Verschwörungstheorien bieten alternative Deutungen abseits offizieller Erklärungen zu politischen, religiösen und gesellschaftlichen Ereignissen in der Welt. Dazu zählen etwa Deutungen zu Terroranschlägen wie die vom 11. September 2001. Anders als amerikanische Regierungsbehörden behaupten Verschwörungstheoretiker, die US-Regierung selbst sei daran beteiligt gewesen.

Ein weiteres Beispiel, das zeigt, dass Verschwörungstheorien in allen Bereichen des menschlichen Denkens und Handelns auftreten können, ist die Überzeugung, dass hinter dem Unfalltod der englischen Prinzessin Diana ein Anschlag steckt. Gegenwärtig ist in Deutschland der Glaube an ein Komplott der Medien und Regierungsparteien gegenüber der Bevölkerung ein verbreitetes Argument in rechtspopulistischen Protestbewegungen wie Pegida.

Die Gruppe von Menschen, die an solche Verschwörungstheorien glaubt, wächst. Die Gründe dafür sind vielfältig.

„Krisenzeiten sind Verschwörungszeiten“, so der Historiker Wolfgang Wippermann in einer Studie von 2007. Demzufolge erhält Verschwörungsdenken in Krisenzeiten Auftrieb. Was dabei genau als Krise zu bezeichnen ist oder welche Faktoren zentral für den Glauben an Verschwörungen sind, ist in der Forschung nicht eindeutig geklärt.

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In der deutschen Geschichte ist die so genannte Dolchstoßlegende ein herausragendes Beispiel dafür, wie eng Verschwörungstheorien mit bestimmten politischen und ideologischen Zielen verbunden sind. Um die deutsche Niederlage im Ersten Weltkrieg "zu begründen" und vom eigenen Versagen abzulenken, behauptete die deutsche Oberste Heeresleitung, sozialdemokratische und andere demokratische Politiker hätten  durch ihre oppositionelle Haltung zum Krieg das deutsche Heer quasi von hinten erdolcht. Im Felde unbesiegt, zu Hause verraten. Diese simple Formel fand breiten Widerhall in der deutschen Bevölkerung und spielte eine wichtige Rolle in der Propanda der Gegner der Weimarer Republik. <br><br>Die Karikatur aus dem Jahr 1924 zeigt Philipp Scheidemann und Matthias Erzberger, wie sie die deutschen Frontsoldaten hinterrücks erdolchen. Beide waren führende Politiker in der Anfangszeit der Weimarer Republik. Scheidemann war Sozialdemokrat, Erzberger gehörte der Zentrumspartei an und hatte 1919 das Waffenstillstandsabkommen zum Ende des Ersten Weltkriegs unterzeichnet.<br><br>Bild: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Dolchsto%C3%9Flegende#/media/File:Stab-in-the-back_cartoon_1924.jpg">Wikipedia </a>| gemeinfrei
Der Glaube an ein Komplott der Medien und Regierungsparteien gegenüber der Bevölkerung ist gegenwärtig in Deutschland ein verbreitetes Argument in rechtspopulistischen Protestbewegungen wie Pegida. <br><br>Foto: By Opposition24.de [<a href="http://creativecommons.org/licenses/by/2.0">CC BY 2.0</a>], <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File%3APegida_Banner%2C_L%C3%BCgenpresse_Banner.jpg">via Wikimedia Commons</a>
Der Tod der englischen Prinzessin Diana und die damit verbundenen Spekulationen zeigen, dass Verschwörungstheorien in allen Bereichen des menschlichen Denkens und Handelns auftreten können. Bis heute glauben viele Anhänger Dianas, hinter ihrem Autounfall stecke ein tödlicher Anschlag. <br><br>Foto: Rick (revised version of Princess Diana, Bristol 1987) [<a href="http://creativecommons.org/licenses/by/2.0">CC BY 2.0</a>], <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File%3APrincess_diana_bristol_1987_01.jpg">via Wikimedia Commons</a>
Die Selbstmordanschläge des islamistischen Terrornetzwerks al-Quaida mit mehreren Tausend Toten am 11. September in den USA haben eine Unzahl von Verschwörungsideologen auf den Plan gerufen. Hartnäckig hält sich bis heute die Überzeugung, Angehörige der US-Regierung  seien auf irgendeine Weise in die Anschläge verwickelt, um eigene politische Ziele durchzusetzen. <br><br>Foto: By 911conspiracy [<a href="http://creativecommons.org/licenses/by/2.0">CC BY 2.0</a>], <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File%3A911InsideJobSticker.jpg">via Wikimedia Commons</a>
Im Zusammenhang mit der Flüchtlingsbewegung nach Europa tauchen ebenfalls Verschwörungstheorien auf. So behauptete etwa der tschechische Präsident Zeman, der Flüchtlingsandrang sei organisiert. Die islamistischen Muslimbrüder aus Ägypten würden so versuchen, Europa unter ihre Kontrolle zu bekommen. <br><br>Foto: Gémes Sándor/SzomSzed [<a href="http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0">CC BY-SA 3.0</a>], <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File%3AMigrants_in_Hungary_2015_Aug_007.jpg">via Wikimedia Commons</a>

Während die einen vor allem die großen, kollektiven Krisen in den Blick nehmen wie Kriege, Revolutionen oder schwere politische und wirtschaftliche Unruhen, sehen andere individuelle Gründe im Vordergrund. 

Eine Erklärung geht davon aus, dass es immer schwieriger für den Einzelnen wird, sich in einer komplexen und zunehmend vernetzeren Welt zurecht zu finden. Klarheit und Orientierung gehen verloren. Das Bedürfnis nach Antworten und einfachen Lösungen wächst. Ansonsten entsteht bei einem Menschen das Gefühl, dass seine Umwelt aus dem Gleichgewicht gerät. In diese psychologische Lücke stoßen Verschwörungstheorien. Sie geben vermeintlich klare Antworten. Fakten und Argumente, die dann gegen diese Theorie sprechen, werden von den Betreffenden ausgeblendet. 

Psychologen haben festgestellt, dass der Glaube an Verschwörungstheorien dann zunimmt, wenn Menschen das Gefühl haben, dass sie ihr Leben nicht mehr selbstbestimmen können, sondern statt dessen anonyme Mächte im Geheimen die Kontrolle darüber übernommen haben.

Eine andere Erklärung leitet die Akzeptanz von Verschwörungstheorien aus der menschlichen Entwicklungsgeschichte her. Im Laufe der Evolution habe der Mensch gelernt, in kleinen Gruppengefügen zu kommunizieren. Es entsteht eine Abgrenzung und gewisse Skepsis gegenüber anderen Gruppen. Deshalb vermuten Vertreter von Verschwörungstheorien hinter globalen Veränderungen eher unbeliebte (fremde) Gruppen, als eine viel umfangreichere Erklärung.

Als Zielscheibe von Verdächtigungen eignet sich fast jede Minderheit, egal ob religiöse Gruppen oder politisch-ideologische Gegner. Ein besonders hohes Verschwörungspotential lastet auf der Gruppe der Juden. Der Antisemitismus von heute gründet sich auf zahlreiche Verschwörungstheorien, die sich bis ins Mittelalter zurück verfolgen lassen. Der Holocaust steht beispiellos für die Wirksamkeit dieser Weltvorstellungen.

Verschwörungsideologen der Gegenwart nutzen das wachsende Misstrauen vieler Menschen gegenüber der Arbeit offizieller Institutionen. Der weltweite Abhörskandal des US-amerikanischen Geheimdienstes NSA befeuert ebenso wie die undurchsichtige Arbeit des Verfassungsschutzes im NSU-Fall in Deutschland das generelle Misstrauen gegenüber diesen Einrichtungen. Auch die Arbeit von Journalisten bietet Platz für Verschwörungstheorien. Der Begriff von der "Lügenpresse" steht hier für die Überzeugung, dass die Medien bewusst Falschinformationen über politische Sachverhalte geben.

Wer nichts weiß, muss alles glauben.“ (Marie von Ebner-Eschenbach)

Menschen, die leicht empfänglich für solche Verschwörungstheorien sind, fühlen sich machtlos, vom Staat benachteiligt und gefühlsmäßig sprachlos. Sie besitzen ein grundsätzliches Misstrauen. Glaubt man erst an eine Verschwörungstheorie, ist die Schwelle leicht überwunden, auch Anhänger weiterer Angebote von scheinbar einfachen Lösungen komplexer Probleme zu werden.

Um den Vertretern dieser Verschwörungstheorien entgegenzuwirken, genügt es nicht, mit Fakten zu argumentieren. Verschwörungsideologen bieten eine Fülle an Details auf, die in ihrer Einzelheit möglicherweise wahr sind, aber dann so aus dem Zusammenhang gerissen werden, dass sie in die eigene Theorie passen. Auffällig in der Argumentationsweise von Verschwörungsanhängern ist, dass sie die andere Seite eher kritisieren, als dass sie ihre eigene Theorie argumentativ verteidigen.

Vertreter von Verschwörungstheorien empfinden das politische System oft als undemokratisch. Hier könnte Prävention ansetzen. Vertrauen kann beispielsweise durch Transparenz der staatlichen Arbeitsprozesse geschaffen oder im besten Falle sogar wiedererlangt werden. Gelingt dies nicht, wird die Popularität von Verschwörungstheorien vor allem durch das Internet wohl noch zunehmen.

LD, Juni 2016