Leichte Sprache

Alltagsrassismus

Alltagsrassismus ist in Deutschland fast eine Volksbewegung geworden – zu diesem Ergebnis kommen wissenschaftliche Studien. Rassistische Bezüge in der Alltagssprache und im Alltagsbewusstsein sind bei der Mehrheit der Deutschen tief verankert.
Coverausschnitt <a href="http://www.opferperspektive.de/Ueber_uns/Projekte/Antidiskriminierung/889.html">»Eigentlich fühle ich mich hier wohl.« </a>Alltagsrassismus in Potsdam

Die Aufregung ist groß: Lehnen die Deutschen einen Vizekanzler ab, weil er "asiatisch aussieht"? Hessens FDP-Chef Jörg-Uwe Hahn, zugleich Vize-Ministerpräsident und Integrationsminister des Landes, hat mit einer entsprechenden Äußerung einen Proteststurm, vor allem unter Oppositionspolitikern ausgelöst. "Billigster Rassismus", hieß es dort. Die Konstellation könnte auf bloße Wahlkampfpolemik hindeuten, doch Hahn wollte nach eigener Aussage auf eine Tatsache  hinweisen, die er als Integrationsminister für ein Problem der Gesamtgesellschaft hält: den tief sitzenden und weit verbreiteten Rassismus im Alltag.

Ich bekomme am Wahlkampfstand in der Fußgängerzone zu hören: Ich würde Euch ja wählen, aber dafür müsste erst einmal der Chinese weg."
Lasse Becker, Vorsitzender der Jungen Liberalen, über Kommentare zu Philipp Rösler.

"Unsere Gesellschaft ist wohl noch nicht so weit, dass man es als selbstverständlich ansieht, dass Menschen mit Migrationshintergrund Führungspositionen besetzen."
Corrrado Di Benedetto, Vorsitzender der hessischen Ausländerbeiräte.*

"Sind Sie für Integration? Ja, aber nicht bei der Bundeswehr."
Antwort eines Passanten auf die Frage, ob er sich einen Migranten als deutschen Offizier vorstellen könnte*  

Wie rassistisch sind wir und damit unsere Gesellschaft im alltäglichen Leben? Wissenschaftliche Studien und Medienberichte weisen auf einen erheblichen Rassismus hin, der in der Mitte der Gesellschaft verankert ist. Dieser zeigt sich in der Mehrheit der Fälle nicht offen. Im Allgemeinen bekennen sich nur die Wähler und Sympathisanten rechtsextremer Parteien offen dazu, rassistische Ansichten zu vertreten. Dennoch ist Rassismus Alltag in Deutschland – trotz anderslautender offizieller Erklärungen und ungeachtet der Tatsache, dass sich Viele gar nicht bewusst sind, dass ihr Verhalten oder bestimmte Äußerungen im Kern rassistisch sind.

Was ist Rassismus?

Die Wissenschaft bietet dafür keinen einheitlichen Begriff an, doch rassistisches Verhalten liegt vor, wenn Menschen andere Menschen aufgrund ihres Aussehens, ihrer Herkunft, ihrer Lebensweise oder ihrer Kultur benachteiligen, verurteilen, verspotten, ausgrenzen oder angreifen. Offene Gewalt ist also nur eine Form von Rassismus, die allerdings eine größere Aufmerksamkeit in den Medien erfährt als der verdeckte Alltagsrassismus.

Typische Aussagen über in Deutschland lebende Ausländer: 

  • Sie sind anders bezüglich Aussehen, Kultur, Religion, Mentalität und Normen.
     
  • Sie passen sich nicht an.
     
  • Sie sind verwickelt in negative Handlungen (Störungen, Verbrechen).
     
  • Sie bedrohen unsere sozioökonomischen Interessen.

Quelle: Siegfried Jäger, Rassismus und Rechtsextremismus. Gefahr für die Demokratie

Das Duisburger Institut für Sprach- und Sozialforschung, das seit Anfang der 1990er Jahre die Alltagssprache in Deutschland untersucht, hat vier Kategorien von Alltagsrassismus in der deutschen Bevölkerung nachgewiesen und dabei einen engen Bezug zur Ausländerfeindlichkeit hergestellt. (siehe Infokasten rechts)

Ist Ausländerfeindlichkeit auch Rassismus? Ja, meint die moderne Rassismusforschung übereinstimmend, denn sie diskriminiert Menschen wegen bestimmter genetisch und/ oder kulturell bedingter Merkmale und Eigenarten aus einer Position der Macht heraus.

In Deutschland hat zuletzt die rechtsterroristische Mordserie des NSU die Frage nach der Verantwortung von Behörden und der Gesamtgesellschaft aufgeworfen. Welche Rolle haben Vorurteile bei der Verfolgung der Straftaten gespielt? Tatsache ist: Rassistisches Denken bietet den wichtigsten Anknüpfungspunkt für rechtsextreme Ideen und Weltanschauungsszenarien aller Art.

Erste Untersuchungen stellen bereits jetzt eine schwerwiegende gesellschaftliche Folge aus der Nazi-Gewaltserie und dem Umgang mit ihr fest: Migrantinnen und Migranten in Deutschland seien tief verunsichert.

Heike Kleffner, Referentin der Linksfraktion im NSU-Untersuchungsausschuss hat selbst mit Migranten gesprochen: "Nach dem Pogrom in Rostock im August 1992 und den Brandanschlägen von Mölln und Solingen hat meine Generation türkischer und kurdischer Migranten zum ersten Mal das Vertrauen darin verloren, dass das Grundgesetz und die Organe des Staates uns und andere Migranten und Flüchtlinge genauso schützen wie die Mehrheitsbevölkerung", sagte ihr beispielsweise Ercan Yasaroglu, Sozialarbeiter aus dem Berliner Bezirk Kreuzberg. Kleffners Kommentar: Die „Empörung ganz normaler Leute" sei es, die Ercan Yasaroglu angesichts der NSU-Mordserie vermisse.

Die Zeiten haben sich geändert

Yasaroglu ist 2012 52 Jahre alt und kann sich noch gut an andere Zeiten in Deutschland erinnern: „Ich habe eigentlich Reaktionen wie in den 1990er Jahren erwartet, als Hunderttausende zu Kundgebungen gegen Rassismus kamen. Stattdessen gibt es nur dieses Schweigen." Bei den Jugendlichen, mit denen der Sozialarbeiter täglich konfrontiert ist, hätten das Schweigen und die bislang verfügbaren Informationen über die Mordserie das Misstrauen und die ohnehin vorhandenen Ausgrenzungserfahrungen erheblich verstärkt.

„Schließlich können ihre Eltern, die die Welle rassistischer Gewalt in den frühen 1990ern Jahren als knapp 20jährige sehr bewusst miterlebt haben, ihnen nicht guten Gewissens sagen, dass ihre Ängste unberechtigt seien", so Yasaroglu. Ihm – wie auch vielen anderen Migrantinnen und Migranten – sei dadurch erschreckend deutlich geworden, wie sehr sich die Gesellschaft in den letzten zwanzig Jahren verändert und an rechte und rassistische Gewalt gewöhnt hat.* 

Artikel 12 Landesverfassung Brandenburg

(2) Niemand darf wegen seiner Rasse, Abstammung, Nationalität, Sprache, seines Geschlechts, seiner sexuellen Identität, seiner sozialen Herkunft oder Stellung, seiner Behinderung, seiner religiösen, weltanschaulichen oder politischen Überzeugung bevorzugt oder benachteiligt werden.

Auf europäischer Ebene erstellt die Europäische Kommission gegen Rassismus und Intoleranz (ECRI) des Europarates seit 1993 Berichte über Rassismus in den europäischen Ländern. Der letzte Bericht über Deutschland wurde 2009 erstellt und empfiehlt den deutschen Behörden, u.a. gegen Rassismus am Arbeitsplatz konsequenter vorzugehen.

Anders als in anderen europäischen Ländern gibt es in Deutschland keine speziellen Anti-Rassismus-Gesetze. Die Gleichheit aller Menschen ist im Grundgesetz (Art.3 GG) festgeschrieben. In Brandenburg ist das Verbot der Ungleichbehandlung in der Landesverfassung verankert.
 

Landeszentrale, September 2012 (zuletzt bearbeitet: Februar 2013)

 

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