Leichte Sprache

Ohne Mauer lebt man länger

Im Gespräch mit dem Soziologen Tobias Vogt
Wie sehr sich Ost und West nach dem Fall der Mauer angenähert haben, lässt sich auch von Sterblichkeits- und Geburtenraten ablesen. Tobias Vogt vom Max-Planck-Institut für demografische Forschung in Rostock spricht über ein "ergiebiges Thema".
Tobias Voigt. Foto: MPI für demografische Forschung

Überall wird jetzt des Mauerfalls vor 25 Jahren gedacht und gefeiert. Aber eigentlich war die Existenz zweier parallel existierender deutscher Systeme für Sie gar nicht so schlecht, oder?

Tobias Vogt: (Lacht) Stimmt, im Prinzip schon. Ich muss zugeben: Aus wissenschaftlicher Sicht war die Mauer ein Geschenk, sie lieferte eine tolle Versuchsanordnung. Eine Bevölkerung wird räumlich getrennt, lebt vier Jahrzehnte unter ganz unterschiedlichen Bedingungen und wird dann wieder zusammengeführt. Das hätte man in keinem Experiment simulieren können. Trotzdem war es natürlich gut, dass die Mauer auch wieder wegkam. So konnten wir herausfinden, dass sich die große Lücke in der unterschiedlichen Lebenserwartung von Menschen in West und Ost wieder schließt.

Welches persönliche Verhältnis haben Sie denn zur DDR oder zur Mauer?

Ich komme aus Jena und habe Soziologie und Sozialpolitik in Halle und London studiert. Beim Mauerfall war ich zwölf Jahre alt. Da kriegt man schon mit, was sich so verändert. Vor allem in der Schule war nach 1990 vieles in Bewegung – nicht nur beim Lehrplan. Viele Kinder kamen nicht mehr, weil ihre Familien umzogen und Arbeitsplätze wegfielen. Das Straßenbild veränderte sich ebenso wie die Farbigkeit der Städte. Und woran ich mich noch genau erinnern kann: Zum 3. Oktober 1990 durfte man außer der Reihe Silvesterböller kaufen …

Im Zusammenhang mit Ost und West halten sich hartnäckig einige Mythen, die das Max-Planck-Institut zu entkräften sucht. Zum Beispiel beim Thema „Geburtenschwacher Osten“. Was ist daran nicht richtig?

Das Ziel der DDR war in den 1970er-Jahren, die Geburtenzahlen nach oben zu treiben, dementsprechend proklamierte sie erfolgreich eine pronatalistische Politik. Ich bin 1977 geboren und quasi selbst ein Kind dieser Zeit. Dann kam die Wende, und die Geburtenrate fiel ins Bodenlose – vermutlich ein Ausdruck größter Unsicherheit der Menschen. Es wurden weniger Kinder geboren als während beider Weltkriege. Doch inzwischen hat die Geburtenrate jene im Westen sogar wieder überholt. Genauere Analysen zeigen: Die endgültige Zahl der Kinder war im Osten letztlich doch höher als im Westen; man hat das Kinderkriegen nur hinausgeschoben. Eigentlich kein Wunder. Denn die Einstellung im Osten zu Kindern und externer Betreuung war ja eigentlich schon immer sehr anders als im Westen.

Ein weiterer Mythos betrifft den Einfluss der DDR auf heutige Entwicklungen im Osten Deutschlands. Er scheint doch nicht so groß gewesen zu sein?

Die DDR war kein singuläres Phänomen. Es gibt durchaus stabile, historische Muster in demografischen Teilbereichen – so etwas wie den langen Atem der Geschichte. Jüngste Forschung zeigt, dass Unterschiede bei den nichtehelichen Geburten zwischen Ost und West schon lange vor der DDR existierten. Die sind nicht durch die deutsche Teilung entstanden. Und die Lebenserwartung der Menschen in Dresden war schon immer höher als in so mancher Weststadt.

Lebenserwartung und Sterblichkeit sind gerade Lieblingsthemen von Ihnen, warum?

Auch wenn das sicher nicht der wichtigste Aspekt eines Forschungsprojekts ist – diese Themen werden international stark beachtet und sind bei Konferenzen sehr willkommen. Das liegt daran, dass es hier eine erstaunliche Entwicklung in den vergangenen 25 Jahren gibt: Frauen und Männer im Osten leben heutzutage annähernd genauso lang wie im Westen. Sie haben extrem aufgeholt und hatten bereits 2011 eine um 6,6 beziehungsweise um 7,9 Jahre höhere Lebenserwartung als noch 1990. Im Westen betrug der Anstieg bei den Frauen nur 3,9, bei den Männern nur 5,7 Jahre. Selbst in Japan, dem Land mit der weltweit höchsten Lebenserwartung, die in den vergangenen Jahren stets steil nach oben ging, gewannen die Menschen weniger an Jahren hinzu.

Und worauf führen Sie das zurück?

Vor allem ältere Menschen profitieren von einer besseren medizinischen Versorgung. Außerdem sind die öffentlichen Ausgaben für die Sozialversicherung der Ostdeutschen gestiegen, ihre Renten sind höher als früher, und daraus resultiert ein besserer Lebensstandard. Das Plus an Geld kommt vielleicht den eigenen Kindern zugute, die sich nun umso besser um die Eltern kümmern und ihnen ein sorgloses Leben im Alter ermöglichen. Außerdem ist die Umweltbelastung durch Luftschadstoffe im Osten Deutschlands stark zurückgegangen.

Wie lange können Sie denn noch wissenschaftlich vom „Mauer-Experiment“ zehren?

Ich denke, noch eine ganze Weile. Die Datenlage ist unübersichtlich, es gibt noch viele Quellen zu erschließen. Man kennt das aus anderen Ländern, etwa aus Südafrika, wo das Ende der Apartheid Parallelen aufweist. Wir sind jetzt als wissenschaftliche Trüffelschweine gefragt, die Data-Mining betreiben. Das Umweltbundesamt, die Deutsche Gesellschaft für Kardiologie – all dies sind Institutionen, bei denen man auf der Suche nach Daten in Bezug auf Sterblichkeit fündig werden könnte. Morgen fahre ich mit einem Kollegen ins Bundesarchiv nach Berlin-Lichterfelde, wo unter anderem Sozialversicherungsdaten des FDGB lagern. Die zu sichten, Stichproben zu machen und zu überlegen, ob es sich lohnt, sie zu digitalisieren, ist Ziel unseres Ausflugs.

Das klingt spannend ...

… ja, ist es auch. Das ist zwar nicht so im medialen Fokus, aber man kann recht plakativ sagen: Stünde die Mauer noch, würden heute geborene Jungen im Schnitt 6,2 Jahre weniger lang leben und Mädchen 4,2 Jahre. Ohne Mauer lebt man länger. Das sind doch tolle Aussagen, die wir aufgrund unserer Forschung machen können!

Interview: Susanne Beer. Das Interview ist erstmals erschienen in: Max Planck Forschung. Das Wissenschaftsmagazin der Max-Planck-Gesellschaft 3/2014. Die Veröffentlichung erfolgte mit freundlicher Genehmigung des Magazins.
 

Landeszentrale, November 2014

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