"Arbeit macht frei": NS-Lager

42.500 Gefangenenlager - das nationalsozialistische Zwangs- und Vernichtungssystem war viel größer als jahrelang angenommen. Es gab wohl kaum eine Gegend in Deutschland ohne ein Lager. In der öffentlichen Erinnerung sind jedoch vor allem die Konzentrationslager präsent.

"Arbeit macht frei" Eingang zum KZ Sachsenhausen

Eingang zum KZ Sachsenhausen.

Im Gegensatz zu den Konzentrations- und Vernichtungslagern sind die sogenannten Arbeitserziehungslager (AEL) in der öffentlichen Erinnerung an den Nationalsozialismus kaum präsent. Die Gedenkstätten konzentrieren sich auf Orte ehemaliger KZ und auf zentrale Einrichtungen des Dritten Reiches. Ins Blickfeld der Forschung rückten die AEL erst seit den 1990er Jahren, vor allem durch einzelne Lokalstudien zu Männerlagern. Auch die verschiedenen lokal- und sozialgeschichtlichen Fallstudien zur Gestapo lenkten den Blick auf die AEL. [...]


Anders als die KZ waren die AEL nicht für die Verfolgung politischer Gegner oder die Vernichtung rassisch Minderwertiger gedacht, sondern dienten der Disziplinierung der deutschen, vor allem aber der ausländischen Arbeiterschaft. In ihnen sollten, so der zentrale Erlass Heinrich Himmlers, „Arbeitsverweigerer sowie arbeitsvertragsbrüchige und arbeitsunlustige Elemente“ eingesperrt werden.

Hier wurden eher unpolitische Formen der Widersetzlichkeit wie Krankfeiern, Zuspätkommen oder langsames Arbeiten bestraft. Diese Symptome einer sinkenden Arbeitsdisziplin verstärkten sich unter der deutschen Arbeiterschaft infolge der Vollbeschäftigung, der niedrigen Löhne und der fehlenden Möglichkeit offenen Protests bereits in den 1930er Jahren, vor allem aber gegen Ende des Krieges hin, als sich die Niederlage immer deutlicher abzeichnete. Darüber hinaus gab es anscheinend auch geschlechtsspezifische Einweisungsgründe wie etwa ein vermeintlich liederlicher Lebenswandel. Wie andere Maßnahmen der Diktatur, richtete sich die mit den AEL verbundene Repression primär gegen die Unterschicht. [...]

Lesetipp

ZwangsarbeiterInnen im nationalsozialistischen Deutschland

Rund zehn Millionen ausländische Zivilarbeitskräfte, Konzentrationslager-Häftlinge und Kriegsgefangene aus 20 europäischen Ländern mussten im Verlauf des Zweiten Weltkriegs in Deutschland Zwangsarbeit leisten. Auf dem Höhepunkt des Ausländereinsatzes im August 1944 arbeiteten sechs Millionen zivile ZwangsarbeiterInnen im Deutschen Reich, die meisten davon aus Polen und der Sowjetunion. Über ein Drittel waren Frauen, von denen manche gemeinsam mit ihren Kindern verschleppt wurden oder diese in den Lagern erst zur Welt brachten. Außerdem mussten 1944 fast zwei Millionen Kriegsgefangene in der deutschen Wirtschaft arbeiten. Ab 1943 griff die deutsche Industrie immer stärker auch auf Konzentrationslager-Häftlinge zu. Statt Fabriken bei den Konzentrationslagern zu bauen, wurden nun Hunderte von Außenlagern der Konzentrationslager bei den Fabriken eingerichtet.

Alle überfallenen Länder wurden als Arbeitskräftereservoir für Deutschland genutzt. Anfängliche Anwerbungsversuche hatten geringen Erfolg; nach Tschechien und Polen wurden ab 1940 auch aus Westeuropa immer mehr Männer und Frauen - zum Teil in kompletten Jahrgängen - dienstverpflichtet. Die große Wende brachte aber das Jahr 1942, als das Deutsche Reich nach dem Scheitern der "Blitzkrieg"-Strategie auf die totale, Kriegswirtschaft umstellte.

Dies war angesichts der Einberufung fast aller deutschen Männer nur mit der massenhaften Ausbeutung ausländischer Arbeitskräfte durchzuführen. Sie bildeten mehr als ein Viertel, in manchen Werksabteilungen bis zu 60 % der Belegschaft. Nur mit ihnen wurde die Versorgung der Bevölkerung und die von Albert Speer als dem zuständigen Minister organisierte Rüstungsproduktion aufrechterhalten.

Großunternehmen wie auch kleine Handwerksbetriebe, Kommunen und Behörden, aber auch Bauern forderten immer mehr ausländische Arbeitskräfte an und waren so mitverantwortlich für das System der Zwangsarbeit.

Die Industrie profitierte von der dadurch möglichen starken Ausweitung und Modernisierung der Produktion, mit der erst die Grundlage für das Wirtschaftswunder nach dem Krieg gelegt wurde.

Die Lebensbedingungen der zwangsweise in Deutschland arbeitenden Menschen waren je nach Nation, rechtlichem Status und Geschlecht unterschiedlich. Menschen aus der Sowjetunion (im NS-Jargon sogenannte Ostarbeiter) und aus Polen waren durch diskriminierende Sondererlasse der Willkür der Gestapo und anderer polizeilicher Dienststellen wehrlos ausgeliefert.

Sie durften ihre Lager oft nur zur Arbeit verlassen und mussten entsprechende Kennzeichen („OST“, „P“) auf der Brust tragen. Gestützt wurde diese rassistische Hierarchie des NS-Regimes durch die innerhalb der deutschen Bevölkerung weit verbreiteten antislawischen Vorurteile, die zu vielen zusätzlichen Beleidigungen, Denunziationen und Misshandlungen führten.

Kennzeichen der „Ostarbeiter“
Zwangsarbeit in Berlin und Brandenburg

Nach dem Krieg erinnerte sich die deutsche Öffentlichkeit an den massenhaften "Ausländereinsatz" meist nur als bedauerliche Begleiterscheinung des Krieges, nicht aber als brutales Verbrechen gegen die Menschlichkeit.

Auch die nach dem Kriegsaustritt Italiens im Herbst 1943 als "Militärinternierte" nach Deutschland verschleppten Italiener wurden als angebliche Verräter miserabel behandelt. Erträglicher, aber dennoch entbehrungsreich und demütigend, war das Leben für westeuropäische oder der nordischen Rasse zugerechnete Facharbeiter und Ingenieure. Am schlimmsten war das Schicksal der Konzentrationslager-Häftlinge, die zur "Vernichtung durch Arbeit" vorgesehen waren.

Alle ausländischen Arbeitskräfte wurden durch einen rassistisch-bürokratischen Repressions- und Kontrollapparat aus Wehrmacht, Arbeitsamt, Werkschutz, SS und Gestapo streng überwacht. Sie wurden in zugige Baracken oder in überfüllte Gaststätten und Festsäle eingepfercht. In den Lager- und Betriebskantinen wurden sie nur äußerst unzureichend verpflegt; ohne Lebensmittelmarken konnten sie von ihrem geringen Lohn nichts zu Essen kaufen und litten ständig an Hunger. Den Bombenangriffen waren sie noch wehrloser ausgesetzt als die deutsche Bevölkerung, da sie meist keinen Zugang zu Schutzräumen hatten. Viele Frauen litten unter zusätzlichen Schikanen und Gewalttätigkeiten.

Trotz Repression, Denunziation, Orientierungslosigkeit und der verheerenden Lebensbedingungen in der besetzten und ausgeplünderten Heimat versuchten ZwangsarbeiterInnen immer wieder zu fliehen; auch gab es Ansätze zu Widerstand und Sabotage. Ohne juristische Einspruchsmöglichkeiten und allein schon bei Verdacht wurden sie in Arbeitserziehungslager oder Konzentrationslager eingewiesen oder gar hingerichtet.

Gedenkstätte für das »Arbeitserziehungslager« der Gestapo in Großbeeren

Nach ihrer Befreiung wurden viele ZwangsarbeiterInnen in ihrer Heimat, besonders in der Sowjetunion, pauschal der Kollaboration mit den Deutschen verdächtigt. Einige kamen in stalinistische Lager, andere wurden bei der Berufswahl diskriminiert. Die meisten leiden noch immer unter den psychischen und physischen Folgeschäden des Totaleinsatzes; gerade in Osteuropa leben sie heute oft am Rand des Existenzminimums.

Lange wurden diesen Menschen individuelle Entschädigungsansprüche oder wenigstens Lohnnachzahlungen verweigert; die deutschen Regierungen und die von dem Sklaveneinsatz profitierenden Betriebe lehnten - von wenigen Ausnahmen abgesehen - jede Verantwortung ab. Erst Ende der 1990er Jahre konnte der juristische und politische Druck aus den USA die jahrzehntelange Blockade der deutschen Unternehmen ein Stück weit aufbrechen. Nach langwierigen Verhandlungen begann im Jahr 2000 die von Staat und Wirtschaft gemeinsam finanzierte Stiftung „Erinnerung, Verantwortung, Zukunft“ ihre Arbeit. Die Betroffenen erhielten als "Entschädigung" eine Einmalzahlung von maximal 7.600 Euro. [...] Viele Überlebende blieben jedoch unberücksichtigt, teils durch rechtliche Sonderregelungen wie den Ausschluss von Kriegsgefangenen, teils durch die mit insgesamt fünf Milliarden Euro unzureichenden Geldmittel oder die 60 Jahre nach Kriegsende schwer beizubringenden Nachweise.



Aus: Berliner Geschichtswerkstatt (Hrsg.) Das Arbeitserziehungslager Fehrbellin. Zwangsarbeiterinnen im Straflager der Gestapo

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