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Nachbar Kirche

In Polen spielt die katholische Kirche eine herausragende Rolle in der Gesellschaft. Man sollte das Land aber nicht auf die Kirche reduzieren. Für ihn sei Polen immer auch Europa, meint Christoph Bruckhoff, evangelischer Superintendent i.R. des Kirchenkreises Frankfurt (Oder).
Kirche in Polen Foto: mw238 | flickr | CC BY-SA 2.0

Polen und Brandenburg pflegen seit Jahrzehnten gute nachbarschaftliche Beziehungen. Durch die jüngsten Veränderungen in Polen ist der deutsche Blick kritischer geworden. Bei einem Anteil des Katholizismus in Polen von rund 90 Prozent rückt dabei die katholische Kirche in den Fokus. Momentan scheint sie sehr unflexibel auf die politischen Umbrüche zu reagieren. Wie schätzen Sie die Situation ein?

Ich sehe solche Fragen eher skeptisch, bin ich doch weder Pole noch Katholik. Ich lebe in anderen gesellschaftlichen und persönlichen Bezügen und auch mein protestantisches Kirchenverständnis sieht ein wenig anders aus. Nach meinem Verständnis aber gilt die Herausforderung, sich immer wieder zu erneuern, für jede Kirche, egal ob evangelisch oder katholisch. Von daher befinden wir uns in einer sehr vergleichbaren Situation. Nun liegt es aber in der Trägheit menschlicher Natur, dass es leichter erscheint, Traditionen zu pflegen als Aufbrüche zu wagen. Weil das so ist sind wir gut beraten, Vorsicht in unserem Urteil walten zu lassen, gerade wenn es sich um die anderen handelt. Vor einigen Jahren machte ein indianisches Sprichwort die Runde: „Urteile nie über einen Menschen, bevor Du nicht mindestens eine Zeitlang in seinen Mokassins gelaufen bist!“ Mich beeindruckt dieses Sprichwort bis heute, auch wenn es nicht immer leicht fällt, sich daran zu halten. Natürlich fällen wir unser Urteil, oft genug sehr schnell. Das ist zutiefst menschlich und ich verstehe alle, die im Blick auf das, was sich zurzeit politisch in Polen abspielt, das Stirnrunzeln bekommen. Allerdings muss ich gestehen, dieses Stirnrunzeln bekomme ich zurzeit auch in meinem eigenen Land, wenn ich sehe, wie viel Intoleranz, Hass und Gewalt sich wieder in Deutschland zeigen.

Sie sind aber schon eine Zeitlang in polnischen Schuhen, um ihr Bild von den Mokassins aufzugreifen, gelaufen. Welche Erfahrungen mit der katholischen Kirche in Polen haben Sie dabei gemacht?

Ich möchte unsere Beziehungen zu Polen nicht auf die katholische Kirche reduzieren. Polen bedeutet für mich immer auch Europa. Als 1989 die Mauer fiel, wir erinnern uns, dass unser Nachbarland Polen einen wesentlichen Anteil daran hatte, eröffneten sich für uns ganz neue Perspektiven. Nun galt es die Spaltung Europas zu überwinden und alles dazu zu tun, dass Europa friedlich zusammenwächst. Das war und ist eine große politische Herausforderung, gerade auch im Verhältnis zu unserem polnischen Nachbarn, der in der Geschichte von uns Deutschen so viel Erniedrigung erfahren hatte. Im November fand in Frankfurt/ Oder ein Kongress des Deutschen Evangelischen Kirchentages statt unter dem Thema: „ Deutsche und Polen auf dem Weg zu einem gemeinsamen Europa!“ Sein Fazit war: „Nach den politischen Veränderungen auch in Mittel- und Osteuropa muss das Gespräch zwischen den Menschen unterschiedlicher nationaler, geistiger und konfessioneller Herkunft intensiviert werden, will ein Zusammenwachsen der verschiedenen Teile Europas gelingen.“ 1992 prägte Jacques Delors den Satz: „Wenn es nicht gelingt, Europa eine Seele zu geben, es mit einer Spiritualität und einer tiefen Bedeutung zu versehen, dann wird das Spiel zu Ende sein. Ich lade die Kirchen dazu ein, sich daran aktiv zu beteiligen. Ich möchte einen Ort des Austauschs schaffen, einen Raum für Diskussionen, der offen ist für Männer und Frauen, für Gläubige und Nichtgläubige, für Wissenschaftler und Künstler etc.“

Ich möchte unsere Beziehungen zu Polen nicht auf die katholische Kirche reduzieren. Polen bedeutet für mich immer auch Europa.

Christoph Bruckhoff, langjähriger Vorsitzender des Oekumenischen Europa-Centrum Frankfurt (Oder) e.V. und evangelischer Superintendent i.R. des Kirchenkreises Frankfurt (Oder)

 

Wenn wir die heutige Situation in Europa ansehen, können wir nur sagen, wie Recht Delors mit seiner Aussage hatte. Solch einen Ort des Austausches wollten wir auch in Frankfurt(Oder) schaffen, einer Stadt, die durch die neue Grenzziehung als Ergebnis des deutschen Vernichtungskrieges zweigeteilt wurde und von der man heute erfreulicherweise grenzüberschreitend von einer Doppelstadt spricht. 1994 kam es zur Bildung des Vereins „Ökumenisches Europa-Centrum Frankfurt (Oder) e.V. in der Friedenskirche direkt am Grenzübergang nach Slubice, an einem symbolträchtigen Ort. 1995 bildeten wir als Beratungsgremium des Vereins ein Kuratorium aus Kirche, Politik und Gesellschaft. Es gehörte zu den guten Erfahrungen, dass neben dem Kardinal und dem Evangelischen Bischof von Berlin, auch der polnische Evangelische Bischof von Wroclaw, der Orthodoxe Erzbischof von Wroclaw und, und, das hatten wir nicht zu hoffen gewagt, auch der polnische römisch-katholische Diözesanbischof des Bistums Gorzow-Ziliena Gora dem Kuratorium beigetreten sind und persönlich anwesend waren oder einen Vertreter entsandten. Gerade dass die polnischen Bischöfe unserer Einladung gefolgt sind, war uns eine große Freude und längst nicht selbstverständlich. Seit dieser Zeit bemühen wir uns, vor allem Kontakte nach Polen aufzubauen und zu pflegen und gemeinsam ins Gespräch zu kommen, gemeinsam Gottesdienst zu feiern und auch gemeinsam zu verreisen.

Hat der Machtwechsel in Polen Ihre Beziehungen nach Polen verändert?

Um es gleich vorweg zu nehmen, die gewachsenen Kontakte mit unseren polnischen Partnern sind durch den politischen Wechsel zur PIS-Partei weiterhin sehr herzlich und offen. Gut erinnern kann ich mich an den ökumenischen Gottesdienst am Pfingstmontag letzten Jahres, als unsere polnischen Freunde sehr froh über die Wahl des Staatspräsidenten Andrzej Duda von der Partei Recht und Gerechtigkeit (PIS) waren. „Jetzt wird alles besser“, sagten sie mit einer Stimme. Sie waren verwundert, dass wir Deutschen nicht so recht in ihren Jubel mit einstimmten. Sie fragten nach dem Grund unserer Skepsis und wir antworteten, dass wir nach den Erfahrungen mit dem Präsidenten Kaczynski um das gute deutsch-polnische Verhältnis und um Europa Angst haben. Sie verstanden es nicht. Bei einem Neujahrsempfang im polnischen Gorzow zu Beginn dieses Jahres merkte ich, dass es inzwischen darüber durchaus differenziertere Meinungen gibt. Ich erlebe in den letzten Monaten durchaus eine gewisse Polarisierung in der polnischen Gesellschaft. Gerade von polnischen Studierenden an der Viadrina in Frankfurt/ Oder höre ich, dass sie die Entwicklung durchaus kritisch sehen. Wir betreiben als Verein auch ein Studien-und Gästehaus mit dem Namen Hedwig von Schlesien, in dem Studierende aus Polen und anderen Ländern eine Art ökumenische, christlich-geistliche Gemeinschaft bilden. Wir haben auch eine gute Zusammenarbeit mit dem Deutsch-polnischen Forschungsinstitut der Adam- Mickiewicz-Universität Poznan am Collegium Polonicum. In einer Podiumsdiskussion des Instituts im Dezember 2015 wurde schnell deutlich, dass es durchaus Unterschiede in den Positionen deutscher und polnischer Kirchenvertreter gab, auch unabhängig von der Konfessionszugehörigkeit. Im Zentrum der Tagung stand der Brief der polnischen Bischöfe an die deutsche katholische Bischofskonferenz vor 50 Jahren. Dieser Brief ist ein Dokument, welches in prägnanter Form die Sicht des katholischen Polens auf Deutschland verdeutlicht. Der Brief ist deshalb noch heute so wichtig, weil er zum kollektiven Gedächtnis der Polen gehört. Der Glaube und die Pflege nationaler Mythen, der damit manifestiert wird, unterscheidet Polen von Deutschen. Nationale Mythen spielen nach dem Zusammenbruch der fremdenfeindlichen Ideologie der Nationalsozialisten und dem verlorenen chauvinistischen Krieg in Deutschland keine wirkliche Rolle mehr.

Aber zurzeit sehen wir doch auch hierzulande eine lautstarke Berufung auf alles, was deutsch und national zu sein scheint.

Ja, wir erleben im Rahmen der Flüchtlingsproblematik eine deutliche Zunahme von nationalem Denken. Leider ist das zurzeit in ganz Europa zu beobachten. Das Gefährliche dieses nationalen Denkens ist, dass damit ungute Abgrenzungen passieren und andere Völker wieder in Misskredit geraten. Es werden wieder Feindbilder aufgebaut. Der Berliner Erzbischof Heiner Koch hat angesichts der fremdenfeindlichen Pegida-Bewegung vor Entwicklungen wie im Nationalsozialismus gewarnt. „Ich denke, auf manche Entwicklungen im Dritten Reich, als sie noch abwendbar waren, hat man zu spät beziehungsweise nicht eindeutig genug reagiert.“ Das dürfe nicht wieder passieren. Wir kennen alle die Argumentation, dass mit den islamischen Flüchtlingen das christliche Abendland gefährdet ist. Der Münchener Kardinal Marx sagte dazu: „Wir müssen uns um das christliche Abendland keine Sorgen machen, wenn wir Flüchtlinge aufnehmen. Wir müssen uns Sorge machen, wenn wir keine aufnehmen.“ Ganz ähnlich hat es Bundespräsident Joachim Gauck zur Eröffnung der Woche der Brüderlichkeit formuliert: „ Wer glaubt, das christliche Abendland mit der Herabsetzung Anderer verteidigen zu sollen, hat es schon verraten!“

Aus Polen kommen aber in der Flüchtlingsdebatte andere Töne, zumindest, was den deutschen Medien zu entnehmen ist.

Als ich im Hebst in Krakau war, habe ich erlebt, wie es dort große Demonstrationen gegen die Islamisierung Polens gab, aber auch kleine Gegendemonstrationen, die es nicht leicht hatten, zu Wort zu kommen. Der ehemalige Primas von Polen, Kardinal Muszynski von Gnesen, hatte schon 2003 in einem Brevier des deutsch-polnischen Pilgerweges darauf aufmerksam gemacht, dass die geschlossene christliche Zivilisation, wie es sie im Mittelalter in Europa gab, heute nicht mehr existiert. Mir klagen immer wieder polnische Geistliche, dass der katholische Zusammenhalt selbst in Polen abnimmt. Europa ist heute pluralistisch – auf kultureller, wirtschaftlicher, politischer und religiöser Ebene. Das Problem aber ist, dass Europa nicht nur eine gemeinsame Ökonomie, sondern auch eine einigende Seele benötigt. Und da kommen wir wieder zu dem Wort von Jacque Delors.

Hat denn dieses Europa, wie von Delors erträumt, angesichts der jetzigen Situation noch eine Zukunft?

Europa findet nicht in Brüssel, sondern im Kleinen, vor Ort, direkt bei den Menschen statt. Ein Beispiel aus meinem Umkreis: In der Doppelstadt Frankfurt-Slubice ist seit 12 Jahren eine gute Tradition gewachsen. Polnische Pfadfinder überreichen auf der Stadtbrücke über der Oder den Frankfurter Repräsentanten das Friedenslicht von Bethlehem. An der Zeremonie nehmen die Bürgermeister und auch die kirchlichen und Jugendvertreter teil. In diesem Jahr gab es außerdem das erste Mal eine große Prozession von Slubice nach Frankfurt in die evangelische St. Gertraudkirche mit Zwischenstopp am Gedenkstein für die zerstörte Synagoge. An der Spitze der Prozession mit ca. 400 Teilnehmern liefen nach den polnischen Pfadfindern der Polnische Bischof Tadeusz Lytinski und sein evangelischer Kollege Bischof Waldemar Pytel aus Breslau und auch orthodoxe Vertreter. Für die Frankfurter war solch eine Prozession durchaus ungewohnt, aber auch sehr beeindruckend. Dies sind schöne Symbole für Normalität, Grenzüberschreitung und Gemeinsamkeit.

Landeszentrale, März 2016

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