Leichte Sprache

Homo Brandenburgensis

Menschen in Brandenburg
Sich kurz zu fassen, ist ein wesentliches Prinzip eines brandenburgischen Gesprächs. Stilles Rackern, statt lautem Deklamieren. Brandenburger halten ihre Taten sowieso für die besten und sind überzeugt, dass alle anderen das auch so sehen. Wozu also an die große Glocke hängen?
beim rasenmähen

An milden, sonnigen Herbsttagen gehen Menschen gewöhnlich gern spazieren, sammeln Kastanien oder sitzen bei heißer Schokolade mit Rum in Decken gewickelt auf ihrer Veranda. Nicht so in Brandenburg. Brandenburgerinnen und Brandenburger kann man sich an sonnigen Samstagen im Oktober nur beim Werkeln in Garten oder Hof vorstellen.

Für Neulinge, die ein schönes Grundstück erworben haben, ist das nicht so einfach. Sie wollen ihr erstes ruhiges Wochenende an der frischen Landluft genießen, und dann kreischen die Sägen los. Die Nachbarn rechts werfen den benzinbetriebenen Rasenmäher an, in den Hecken klappern die Scheren, ein Häcksler frisst totes Holz, die Nachbarn links sägen in den Bäumen Äste aus. Das Laub rieselt den Neuankömmlingen direkt in die Schokolade. Schon ist es da, das schlechte Gewissen! Sie werden die Schokolade schneller trinken, und ehe zwei Wochen vergehen, werden sie glauben, dass auch ihre Hecke dringend geschnitten werden muss.

Nicht labern, ranklotzen

Da kommt gern der Dirk von nebenan »ma auf’n Sprung vorbei«, um zu helfen, meistens wortlos. Es geht hier nicht wie in anderen Landstrichen um die Freude am Reden oder die Selbstdarstellung des Redners, sondern es geht um die Sache. Was, wie, wozu! Dafür reichen Drei-Wort-Sätze, die der alten Weisheit folgen: »Nicht labern, ranklotzen.« Sich kurz zu fassen, ist eines der wesentlichen Prinzipien eines brandenburgischen Gesprächs. Die Themenvielfalt ist so groß wie überall; worauf es ankommt, ist, sie mit dem kleinstmöglichen Wortaufwand zu bewältigen. Sich kurz zu fassen, bedeutet, sich nicht aufzudrängen. Die größte Peinlichkeit der Brandenburgerinnen und Brandenburger wäre es, im Mittelpunkt zu stehen. Zuviel Aufmerksamkeit für die eigene Person löst Schamgefühle aus. Diese charakterliche Eigenart reicht in feudale Zeiten zurück.

Schon der Soldatenkönig Friedrich Wilhelm I. schwieg vornehm über seine Taten, wie die ausländische Presse nach einer bekannt gewordenen Geldspende des Königs an die Armen lobend bemerkte. Taten zählen mehr als Worte, Handgriffe mehr als Bekenntnisse. Brandenburger halten ihre Taten sowieso für die besten und sind überzeugt, dass alle anderen das auch so sehen. Wozu sie also an die große Glocke hängen? Auch Fontane ist das aufgefallen: Die Märker »haben in hervorragender Weise den ridikülen Zug, alles, was sie besitzen oder leisten, für etwas ganz Ungeheures anzusehen. Eine natürliche Folge früherer Ärmlichkeit, wo das Kleinste für wertvoll galt.«

Watt jibt’s n hier zu lachen?

Treue, Ehre und Pflichterfüllung sind Tugenden, die sich Menschen in preußischen Landstrichen eingeprägt haben. Stilles Rackern, statt lautem Deklamieren. Schweigen und Arbeiten. »Der liebe Gott hat euch auf den Thron gesetzt«, ließ der Soldatenkönig seinen Sohn Friedrich II. wissen, »nicht zum Faulenzen, sondern zum Arbeiten.« Manche mögen sich fragen, wo da der Spaß bleibt. »Watt jibt’s n hier zu lachen?« ist eine Formulierung, bei der Neulinge schlagartig verstummen, wenn sie in lockerer Runde in ein für hiesige Verhältnisse ungewohnt lautes Lachen ausbrechen. Dass die Urheber dieses Kommentars das keinesfalls aggressiv, sondern vielmehr als gutherzige Erwiderung meinen, dass sie etwa sagen wollen: »Wie schön, dass du dich so freust oder es mag zwar nicht so aussehen, aber auch ich lache gerade aus Leibeskräften«, ist nicht jedem sofort einsichtig.

Inschriften auf Grabsteinen der vorletzten Jahrhundertwende zeugen davon, wie qualvoll das Leben der Verblichenen war. Abgerackert und geschunden, finden sie erst im unterirdischen Holzverschlag Ruhe. »Wer in Beruf und Pflicht wie du gestorben / Hat Leben sich durch seinen Tod erworben«, heißt es. »Mühe und Arbeit war ihr Leben, / Ruhe hat ihr Gott gegeben.« Oder: »Wer treu gewirkt / Bis ihm die Kraft gebricht / Und liebend stirbt, / Ach, den vergißt man nicht.«

Bei Menschen aus genussverwöhnteren Landstrichen kann da die Frage aufkommen, was so schlimm sei an der Entvölkerung Brandenburgs, wenn die Leute sich hier sowieso nur still zu Tode schuften? Üble Nachrede müssen sich die Bewohner des Märkischen schon jahrhundertelang gefallen lassen. Sie galten als stumpf, reisefaul und stur. Eine Schrift aus dem 17. Jahrhundert erklärt die Märker zu »unfreundlichen Leuten.« Ein Jahrhundert später wird ihnen ein »Hang zum Räsonnieren« nachgesagt. Noch Peter Ensikat glaubte sich in Brandenburg in einem »Flachland der Gefühle«. Als Insider weiß man um die tiefe Skepsis, die den Menschen hier eigen ist. Die Skepsis gilt allem Menschlichen, speziell seinem Ausdruck, der Sprache.

In der Melkanlage, am Hochofen oder auf dem Gurkenflieger wird nicht gequatscht, denn Quatschen kostet Energie. Und fürs Zwischenmenschliche taugt die Sprache nicht, weil die Worte nie so tief reichen, wie beim Brandenburger die Gefühle sitzen. »Da redet der Mund dahin, und das Herz weiß nichts davon«, lautet eine Weisheit aus Prenzlau. Smalltalk beherrscht fast niemand. Das Ideal heißt: wortloses Verstehen. Erst im gemeinsamen Schweigen sind die Missverständnisse aufgehoben, gibt es keine Unsicherheit und keine Skepsis mehr. Nur ein Zugereister kann auf den nutzlosen Gedanken kommen, alles auszudiskutieren. Man macht die Dinge gemeinsam durch, wozu also groß drüber reden? Was sich zusammenschweigt, hält
ewig. »Keiner ist in Treue stärker als der alte Uckermärker«, sagt der Volksmund.

Erfrischend pragmatisch

In der Ehe sind die Brandenburgerinnen und Brandenburger erfrischend pragmatisch. Manche Paare beschließen, nach der Heirat sofort mit dem Beschenken aufzuhören. Weder zu Weihnachten, noch zum Geburtstag machen sie sich Geschenke. Sich ohne Anlass zu beschenken, wäre ihnen sowieso nicht in den Sinn gekommen. Andere mögen das für unromantisch halten. Hier entspricht das einer klaren Logik: Wer zusammen lebt, kauft auch alles zusammen ein. Wozu sollte man sich also noch mal allein auf den Weg machen, bloß um etwas zu kaufen, was nicht gebraucht wird. Und dass es nicht gebraucht wird, ist klar; sonst hätte man es längst vorrätig. Geschenke, die man sich vor der Hochzeit machte, waren dazu da, einander über die Zuneigung in Kenntnis zu setzen; nach der Hochzeit ist das bekannt.

Eine Floristin aus Staffelde bei Kremmen hat da eine Marktlücke entdeckt. In ihrer Kornblumenscheune hat sie Ehemänner nicht nur davon überzeugt, ihrer Frau wenigstens zum Geburtstag Blumen zu schenken, sondern auch davon, dass es den Frauen gefallen könnte, wenn die Blumenauswahl von Jahr zu Jahr etwas variierte. »Wollen Sie Ihre Frau denn in diesem Jahr nicht mal überraschen«, sagt die Floristin beispielsweise in Gedanken an die fünf roten Rosen, die diese Männer ihren Frauen zu den letzten fünf Geburtstagen geschenkt haben. Bei den Männern Schulterzucken. »Welche Blumen könnten Ihrer Frau denn gefallen?« Gucken. Schulterzucken. »Was ist denn die Lieblingsfarbe Ihrer Frau?« Langes Überlegen. Schulterzucken. »Also, wie ich Ihre Frau kenne, mag sie Gladiolen sehr gern. Das würde in der hübschen Bodenvase auf Ihrer Terrasse sicher sehr schön …« Kurzes körperliches Aufwachen: »Ham wa selba.« »Wie wäre es dann mit einem Strauß Lilien? Ich hätte weiße, orangefarbene, gelbe.« Bedächtiges Nicken. Leuchten der Augen. Dann: »Machense fünf.«

Der pragmatische Ansatz kann Außenstehende leicht über die Tiefe der Gefühlswelt hinwegtäuschen. Aber sie nicht zu versprachlichen, bedeutet nicht, dass sie nicht existiert. Das gilt auch für die Freundschaft. Freundschaft wird nicht angeboten oder gar erklärt. Das zeugt von Falschheit. Man muss sie erspüren. Wer es ernst meint, packt stumm zu. Schwitzt wortlos. Gesprächsgewöhnte Menschen, die eine Äußerung beim besten Willen nicht unterdrücken können, pusten laut oder rufen heiser »scheiße« in den Tag, das geht immer noch als Zeichen körperlicher Anstrengung durch. Wer gemeinsam die Karre aus dem Dreck zieht, ist für immer schicksalhaft verbunden. Fortan genießt man vorurteilslose Loyalität und wird eingeweiht ins Herumfrotzeln. Das Herumfrotzeln ist die beliebteste Spielart der brandenburgischen Kommunikation.

Strom macht Locken

Wer in die Schicksalsgemeinschaft aufgenommen wurde, erkennt das, was sich zuvor wie ein Murren anhörte, als eine Flut von Witzen und Sprüchen, die in der Summe ein Ausdruck starker Zuneigung sind. Zum Zwecke gegenseitiger Verständigung setzt man auf die Pointe. Je härter, umso besser. Das gebietet die gegenseitige Achtung. Wenn man schon die Energie aufbringt, sich zu äußern, sollte das für alle Beteiligten auch einen Mehrwert haben. Der Mehrwert besteht darin, sich das Leben leichter zu machen. Fiese, beinharte Witze zeugen von der jahrhundertelang eingeübten Kunst, die Unbill des Lebens über einen einzigen, geballten Witz abzuleiten: das Prinzip des heilsamen Schockers. »Strom macht Locken«, kommentierte ein gutgelaunter Hobbyschäfer, als sich der Nachbar an seinem Elektrozaun einen kleinen Schlag holte. Die Kunst dieser klugen Druckableitung kombiniert mit einem hammerharten Pragmatismus ist nicht vom Himmel gefallen. Die Brandenburgerinnen und Brandenburger mussten sich das – wie das meiste im Leben – erst hart erarbeiten.

Im Bauern- und Soldatenland Brandenburg, dessen Sumpf-und Sandböden sich jahrhundertelang besser zum Marschieren und Verwüsten als zum Säen und Ernten eigneten, wo immer wieder die schwersten Kämpfe der Kriege ausgetragen wurden, ging es schnell ums Ganze, um Leben und Tod. Zarte, nett gemeinte Späße sind im Land der abgehärteten Seelen auch heute noch eine Seltenheit. Und selten folgt den Witzen ein befreites Lachen. Stattdessen werden sie mit steinerner Miene mit noch kräftigeren Pointen übertrumpft.

Die Entdeckung einer stillen inneren Fülle

Wer ins Brandenburgische einheiraten oder sich hier niederlassen möchte, weil die Wiesen im Frühjahr so verlockend duften oder der Pirol so schön singt, sollte sich vorher zwei Dinge überlegen. Ab wann bleibt mir das Lachen im Halse stecken? Und: Habe ich das Zeug zum Eremiten? Die Entscheidung wird eine Entscheidung für immer sein. Es gibt kein Zurück. Wer erst einmal gespürt hat, wie tief das eigene Wesen reicht, wenn es sich ungestört entfalten kann, weil er nach tagelangem Schweigen verzweifelt in sich hineinlauscht, ob da nicht ein Echo heraufklinge, das ihm wenigstens das Gefühl geben möge, da sei noch wer; wer diese Entdeckung einer stillen inneren Fülle erst einmal gemacht hat, wird jede Reise in die Ferne, sei es ins verschnatterte Sachsen oder ins lärmend trunkene Bayern, als Schock empfinden, als Anschlag auf die Nerven.

Buchcover

Nach einem Jahr Brandenburg war ich völlig ausgelaugt, als ich eines Tages durchs Zentrum von Leipzig schlenderte: Im sächsischen Restaurant wurde ich dreimal gefragt, ob ich noch etwas wünsche. In der Bäckerei wurde mir freundlich der Unterschied zwischen Dinkel- und Buchweizenmehl erklärt. Im Café erhielt ich auf meine Frage, ob im Cappuccino ein doppelter Espresso sei, eine ausführliche Erläuterung des Mischverhältnisses sämtlicher Kaffeegetränke statt der mir vertrauten Antwort »Steht doch dran!«. Mir taten vom Lächeln die Mundwinkel weh.

Antje Rávic Strubel
Aus: Das Brandenbuch. Ein Land in Stichworten. Brandenburgische Landeszentrale für politische Bildung, Potsdam 2015

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