Leichte Sprache

Von Alleen und Aussteigern

Brandenburg ist angesagt. Die Buchhandlungen der Hauptstadt sind voll von entsprechenden Reise-»verführern«, in denen das »Regionale« beschworen und vom »Reiz des Unverfälschten« erzählt wird, sodass es manchmal scheint als wäre das Umland von Berlin eine einzige Wohlfühlzone.

Allee

Außerhalb der Ortschaft, je nachdem mit wie viel Kilometern pro Stunde sie durch die Alleen jagen, mit spindelnden Radkappen und Rhythmen, zehn mal schneller als der eigene Herzschlag, erscheint die vorbeiziehende Landschaft durch die Scheibe als langgezogener grüner Strich. Ziel der Schussfahrten sind die kalt in den Abend leuchtenden Tankstellen. Ein klebriger Geruch von Benzin und Energydrinks liegt in der Luft und das schnarrende Geräusch vibrierender Karosserien. Die Fahrer der dazugehörigen Autos stehen, an ihre getunten Golfs und BMWs gelehnt, mit einer Pose, die bedeutet, dass man sich zur Musik nicht bewegt, sondern sie zur Kenntnis nimmt.

Geschwindigkeit als Zeitvertreib

In abfahrbereiter Kolonne wie auf ein Zeichen, setzen sich die breitbereiften Wagen in Bewegung und ich gehe höflich einen Schritt zur Seite. »Kampfgeschwader« ist in Frakturschrift in manchen der Heckscheiben zu lesen. Ab 120 Kilometern pro Stunde und genau so vielen beats per minute, beginnt das angenehm schwindelnde Gefühl. Die Bäume drehen sich vorbei – wie schlängelnde Grafiken, welche die eigene Fahrt flankieren.

Brandenburg belegt seit Jahren in der Statistik der Verkehrstoten zuverlässig den ersten Platz. Es sind »die meisten in ganz Deutschland – gemessen an der Einwohnerzahl« weiß der jährlich erscheinende Bericht des Statistischen Bundesamtes »DeStatis«. Die Kreuze, links und rechts der Straße sind ein makabres Erkennungszeichen der Landstraßen zwischen Elbe, Havel und Oder. Manchmal gruppiert sich ein Halbkreis aus Plüschtieren darum und hält Totenwache für die in der Regel jungen Unfallopfer. Was für ein Kontrast zu den Sehnsüchten der Großstadtmüden, die hierher »aufs Land« wollen, weg aus ihrem urbanen Trott, auf der Suche nach Schönheit, Echtheit und Ruhe, die sie in Brandenburg zu finden hoffen.

Sehnsüchte der Großstadtmüden

Kerstin, die sich jetzt Tara nennt, selbst aus einer kleinen Stadt in Sachsen-Anhalt stammt und bevor sie aufs Dorf zog, viele Jahre in Berlin gelebt hat, »zu viele« wie sie sagt, ist seit einem Jahr hier. Sie arbeitete in Berlin als Heilerziehungspflegerin, zuletzt auch als Barista. Jetzt wohnt sie, zusammen mit zehn anderen Erwachsenen und sechs Kindern, auf einem alten Vierseitenhof, eine knappe Autostunde nordöstlich von Berlin. »Schön oder?« bemerkt sie, atmet durch, nimmt einen tiefen Zug aus der Selbstgedrehten und dass sie immer geträumt habe vom Leben »auf dem Land«. Sie sitzt bequem, zwei junge Katzen im Schoß, auf einer Holzbank, mit den nackten Schultern an die unverputzte Hauswand gelehnt und blinzelt in die Abendsonne.

Sie lächelt ein bisschen und sagt, dass ihr Leben besser geworden sei, »freier irgendwie« und dass »so was hier«, sie kreist dabei mit ihrem Kopf in den Hof hinein, eigentlich immer ihr Traum war. Tara hat langes, offenes Haar und erinnert mit ihrem sonnengegerbten Gesicht und den langen tätowierten Armen ein bisschen an eine Indianerin. Sie komme gut zurecht, sagt sie. Der Arbeit wegen, fahre sie noch ein, zwei Mal in der Woche nach Berlin, will aber, sobald sich das mit der Obst- und Gemüse-Direktvermarktung irgendwann rechne, nur noch hier arbeiten. Die Katzen springen auf den staubigen Boden und umschleichen ihre Beine, als einer von Taras Mitbewohnern, mit einer Schubkarre vor sich und schweren Schritten, über den Hof läuft. Er schaut etwas skeptisch herüber. Rainer, Anfang 50, ein sehniger Typ, mit entschlossenem Blick. Als Tara ihm zuzwinkert und mit der Zunge schnalzt, lockert sich seine Miene etwas auf.

Rainer gehört zu denen, die bei der Gründung der Hofgemeinschaft mit dabei waren, damals vor 15 Jahren. Manche sind wieder gegangen, Neue kamen hinzu. In der Anfangszeit sei es schwierig gewesen, im Dorf von den Alteingesessen akzeptiert zu werden, sagt er. Von manchen Dorfbewohnern wurden sie anfangs geschnitten und hinter vorgehaltener Hand, nur als Zecken oder Assis bezeichnet. Mittlerweile aber habe sich ein nachbarschaftliches Verhältnis etabliert. »Als sie merkten, dass wir hier ranklotzen und es ernst meinen«, sagt Rainer, »sind einige auch auf uns zugekommen «. Mittlerweile hilft man einander sogar bei der Ernte oder bei der Reparatur der Maschinen.

Nur wenige im Dorf arbeiteten noch in der Landwirtschaft, »aber ein paar sind es immerhin«, ergänzt Rainer. »Manchmal fehlt die Stadt einem schon, bisschen Abwechslung«, sagt er, aber mittlerweile könne er sich nicht vorstellen wieder zurückzuziehen. Inzwischen gebe es im Nachbarort auch wieder eine Grundschule, der vielen Neuen wegen. Junge Familien, meist aus Berlin. Rainer zuckt mit den Schultern. Seine, an zwei Schaufeln erinnernden, breiten Hände, greifen nach der Schubkarre und er nickt zum Abschied, bevor er im Halbdunkel der hereinbrechenden Nacht verschwindet.

Der süße Geruch weißer Holunderblüte steigt mir in die Nase. Ich bemerke erst jetzt die, in weichen Schirmen gebetteten, dicht stehenden Blüten überall und verabschiede mich von Tara, steige aufs Rad und fahre zum Bahnhof, der auch hier nur ein »Haltepunkt« ist. Ich will die letzte Bahn zurück nach Berlin erwischen. Die alten Bahnhofsgebäude, deren Fenster und Türen mit Holzplatten zugenagelt sind, stehen nutzlos herum. Im Zug sitzend denke ich an Tara und Rainer.

Brandenburg ist angesagt

Immer mehr Menschen, vor allem solche, die in ihrem früheren Leben als Ärzte, Anwälte oder Lehrer ihr Geld verdienten, entdecken für sich das »Landleben«. Ihr akzentfreies Hochdeutsch und ihre beredte Art wirken manchmal irgendwie unpassend in der Landschaft und nehmen sich sperrig aus neben der Einsilbigkeit der meisten Märker.

Ein sympathischer Schweizer Fernsehmoderator, der sich vor einigen Jahren, ein paar Dörfer weiter ein Haus kaufte und neben seiner Arbeit beim rbb ein Leben als Landwirt führt, hat seiner Brandenburg-Begeisterung ein ganzes Buch gewidmet. Und weil es sich gut verkaufte und die Geschichten nie ausgehen, gleich noch eins hinterher geschrieben. Brandenburg ist angesagt. Die Buchhandlungen der Hauptstadt sind voll von entsprechenden Reise-»verführern«, in denen das »Regionale« beschworen, vom »Reiz des Unverfälschten« erzählt wird, vom »Leben im Einklang«, vom »Suchen und Finden«, sodass es manchmal scheint als wäre das Umland von Berlin eine einzige Wohlfühlzone.

Nicht wenige der Neu-Brandenburger wollen melken, weben oder töpfern und sich dem Rhythmus der Jahreszeiten verschreiben. Die neuen Landmenschen beziehen leerstehende Bauernhöfe, rüsten ehemalige Heuschober zu »Kulturscheunen« um. Dort wird Theater gespielt oder musiziert, im Idealfall finden hier Stadt und Land und Neu und Alt zusammen.

Möglicherweise ist das Aufs-Land-Gehen ein Vorgriff künftiger Stadt-Land-Entwicklungen, nach dem Motto: »abseits und zugleich mittendrin«. Den Sonnenuntergang überm Weizenfeld jeden Abend frei Haus, und digital angeschlossen an die Welt. Früher nannte man Leute, die ihr Stadtleben aufgeben und aufs Dorf ziehen Aussteiger. Der Begriff beschreibt es nicht mehr, weil man nicht mehr aussteigt, aus einem Leben, das Alte hinter sich lässt, nicht in Gänze verzichten will oder muss, sondern das Bestehende behält und optimiert.

Wunsch nach konkreten Tätigkeiten

Die aufs Dorf Gezogenen bezeichnen das, was sie abseits der Stadt tun, vage als »Landprojekte«. In Zeiten flexibler Arbeitsverhältnisse und zunehmender Abstraktheit selbst alltäglicher Abläufe, entsteht der Wunsch nach konkreten Tätigkeiten. »Etwas mit den Händen tun«, »sein Essen selber ernten«, »raus aus der Enge« lauten die Motive für ein Leben abseits der Großstadt.

Zurück zu den Alleen: Sie sind das verbindende Element und eine Art die Zeiten überdauernde Konstante der märkischen Landschaft. Spätestens hier begegnen sich die verschiedenen Geschwindigkeiten, kreuzt die Rasanz der Adrenalinsüchtigen die Wege all jener, die das Einfache und Langsame suchen. Die typischen, baumgesäumten Straßen, die bei der Erschließung und Urbarmachung des Landes vor 250 Jahren und in den darauffolgenden Jahrhunderten immer eine wichtige Rolle spielten, sind bis heute eine Art gemeinsames Wahrzeichen der verschiedenen Regionen Brandenburgs. Sie gaben und geben den weiten Flächen eine Struktur und rahmen sie ein. Die mancherorts geführte Diskussion ob die alten Kastanien, Platanen oder Linden – ursprünglich gepflanzt zur »Erhöhung der Marschleistung« für Preußens Soldaten, die im Sommer so weniger der Hitze und im Winter dem Unbill von Schneestürmen ausgesetzt waren – zum Ausbau heutiger Verkehrssicherheit zu fällen seien, wird immer mal wieder aufgenommen und anschließend verworfen, schon aus Einsicht in die Argumente von Naturschützern.

Wer einmal, an einem Sommerabend, bei offenem Fenster durch eine von Linden oder Akazien bestandene Allee gefahren ist, wird verstehen wieso.

Clemens Franke
Aus: Das Brandenbuch. Ein Land in Stichworten. Brandenburgische Landeszentrale für politische Bildung, Potsdam 2015

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