Leichte Sprache

Jüdische Kultur und Geschichte

Ein Überblick von Peter Ortag
Was sind die Juden? Ein Volk? Eine Nationalität? Anhänger einer Glaubensrichtung? Oder gar eine Rasse? Prinzipielle Fragen, auf die es nicht in jedem Fall nur eine Antwort gibt.
Jüdischer Friedhof in Berlin. Bild: Fotografioso | <a href="http://www.flickr.com/photos/stefanrusche/5474265377/sizes/l/in/photostream/">CC BY-NC-SA 2.0</a>

Jahrhundertelang bestimmten die unsinnigsten Vorurteile das Bild, daß sich die rechtgläubigen Europäer von den buchstäblich unter ihnen lebenden Juden machten. Was mochte in ihren mit seltsamen Schriftzeichen gefüllten Büchern stehen? Was beteten sie in ihrer unverständlichen Sprache in ihren düsteren Synagogen? Schlachteten sie nicht Christenjungen zur Osterzeit, um sich an deren Blut zu laben? Und hatte nicht Christus der Herr selbst den hartherzigen Juden Ahasver und damit jenen ganzen Stamm verflucht, rastlos durch Zeit und Raum zu streifen, bis zum Jüngsten Tag?  

Judentum – was ist das?

Was sind die Juden? Ein Volk? Eine Nationalität? Anhänger einer Glaubensrichtung? Oder gar eine Rasse? Prinzipielle Fragen, auf die es, soviel sei vorab schon gesagt, nicht in jedem Falle befriedigende Antworten gibt – gerade für Nichtjuden ein heikles Problem, das viel Sensibilität erfordert, zumal es immer wieder zu peinlichen Mißverständnissen im Umgang miteinander führen kann.

Wenn ich nach Deutschland fliege, merke ich, dass die Deutschen immer noch recht unbeholfen gegenüber Juden sind. Das ist so schade, vor allem weil die Leute sich deshalb aus dem Weg gehen. Wie bedauerlich!"
Peter Eisenmann, Architekt des Berliner Mahnmals für die ermordeten Juden, 2012

 

Bildergalerie
Verbreitung der jüdischen Gemeinschaft am Ende des 20. Jahrhunderts. Quelle: Peter Ortag: Jüdische Kultur und Geschichte
Anzahl der Juden in Europa. Quelle: Peter Ortag: Jüdische Kultur und Geschichte
Anzahl der Juden in Übersee. Quelle: Peter Ortag: Jüdische Kultur und Geschichte
Die  Staatsflagge  Israels    –  der  Davids-Schild    (Magen    David)    auf    dem Gebetsmantel (Tallit) nachempfundenen weißem Tuch mit blauen Streifen. Quelle: Peter Ortag: Jüdische Kultur und Geschichte

Aschkenasim und Sephardim: "östliche" und "westliche" Juden

In Aschkenasim und Sephardim unterteilte bereits die rabbinische Tradition die Judenheit: Als Aschkenas (nach 1. Mose 10,3) galt Deutschland, Sepharad war Spanien und Portugal. Beide Namen übertrugen sich auf die dort lebenden Juden. Im modernen Sprachgebrauch gelten als Aschkenasim Juden des „westlichen“, europäischen Kulturkreises, Sephardim sind „östliche“, nordafrikanisch-vorderasiatische Juden. Allerdings nicht nur die Herkunft, auch zahlreiche rituelle Besonderheiten unterscheiden Aschkenasim und Sephardim voneinander.

Andere Völker behaupten von sich, Nachkommen der „Verlorenen Stämme“ Israels zu sein, so unter anderem die dunkelhäutigen Felascha aus Äthiopien. Dank aufsehenerregender „Rückhol“-Aktionen leben inzwischen fast alle äthiopischen Juden in Israel. Auf altisraelitische Herkunft berufen sich auch die B'ne Israel in Indien. Ihre Heimat war die Westküste des Subkontinents, später vornehmlich die Stadt Bombay. In Mexiko gibt es eine aus Indianern und Mestizen bestehende Gruppierung, die Israelitas, die für sich ebenfalls direkte jüdische Abstammung reklamieren. Möglicherweise stammen sie von aus Spanien vertriebenen Juden ab.

Antike: Ein Volk mit eigener Religion

In der Antike, zu Zeiten eines eigenen Staatswesens, waren die Juden ein Volk mit eigener Religion. Auch in nachstaatlicher Zeit galt diese Definition noch. Im Mittelalter, unter den christlichen und islamischen Völkern war die jüdische Identität vornehmlich ein Problem der Religionszugehörigkeit. Mit einem Übertritt zum Christentum oder Islam erfolgte im Prinzip auch die völlige religiöse und soziale Trennung von der jüdischen Gemeinschaft.

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Andererseits sind seit der Antike auch Angehörige anderer Völker und Religionen zum Judentum konvertiert. Gegenüber diesen sogenannten Proselyten gab es seitens der jüdischen Gelehrten unterschiedlichste Auffassungen, die von schroffer Ablehnung bis zu wohlwollender Befürwortung reichten.

Das Judentum ist im Gegensatz zum Christentum und Islam keine missionarisch tätige Religion. Zwar ist es möglich, das Judentum anzunehmen, aber das Übertrittsverfahren ist sehr kompliziert. Nichtjuden, die sich beschneiden ließen und das mosaische Gesetz annahmen, wurden in antiker Zeit als Proselyten (griech.: Fremdlinge, Ankömmlinge; heb.: Gerim) bezeichnet. Die bekannteste Proselytin der Bibel ist Rut, Angehörige des mit den Israeliten tief verfeindeten Volkes der Moabiter. Rut gilt als Stammutter des Geschlechts König Davids. In frühjüdischer Zeit traten vornehmlich in Südsyrien angesiedelte Griechen zum Judentum über, später auch nordwestarabische Stämme.

Selbst im europäischen Mittelalter, trotz zunehmenden Drucks von christlicher Seite, waren Übertritte zum Judentum nichts vollkommen Ungewöhnliches. Unter dem Eindruck der besonders nach dem I. Kreuzzug massenhaft einsetzenden Judenverfolgungen versiegte der Zugang zum Judentum von außen nahezu völlig. Dennoch gab es zu allen Zeiten und in fast allen Kulturkreisen Menschen, die sich bewußt dem jüdischen Glauben zuwandten. Schon deshalb ist es absurd und unwissenschaftlich, von einer „jüdischen Rasse“ oder „jüdischem Blut“ sprechen zu wollen.

Neuzeit: Staatsbürger jüdischen Glaubens vs. nationale Identität

In der Neuzeit, beginnend mit dem Zeitalter der Emanzipation, wurde ein völlig neues Selbstverständnis entwickelt: zumindest in den westeuropäischen Ländern gab es nun den „Staatsbürger jüdischen Glaubens“. Ethnisch konnte sich dieser als Deutscher, Franzose oder Engländer fühlen, als Gläubiger blieb er seiner jüdischen Religion verpflichtet. Damit schien die Ausgrenzung des Mittelalters endgültig der Vergangenheit anzugehören.

Ganz anders stellte sich noch an der Schwelle zum 20. Jahrhundert die Situation in Osteuropa dar. Hier waren Ghetto und offene, brutale Diskriminierung durch die „Wirtsvölker“ bittere Realität geblieben. Diese feindliche Umwelt, der eigene enge Kulturkreis mit Jiddisch als oft einziger Umgangssprache, hatte deshalb gerade in Polen und Rußland unter den Juden das Gefühl der nationalen Identität nie ganz erlöschen lassen. Im Gegensatz zu den sich zunehmend sicher und etabliert fühlenden „westlichen“ Juden nahm das Ostjudentum deshalb auch voller Begeisterung die Ideen des Zionismus auf.

19. und 20. Jahrhundert: Selbstverständnis als Staatsbürger

Zum Weiterlesen:
Antisemitismus

Der im 19. Jahrhundert auch in Mittel- und Westeuropa um sich greifende Antisemitismus, eine Judenfeindliche neuer Qualität, rief allerdings selbst in den „zivilisierten“ europäischen Staaten Skeptiker auf den Plan. So mutmaßte selbst Martin Buber, die Juden seien „ein Keil, den Asien in Europas Gefüge trieb, ein Ding der Gärung und Ruhestörung“ (1), er sprach von der „psychophysischen Eigenart des Judentums“ (2), von „ererbten Wesensbesonderheiten“ (3), gar einem „jüdischen Rassenproblem“ (4).

Dennoch – und trotz der grausigen Erfahrungen mit dem deutschen Nationalsozialismus –  in den meisten europäisch geprägten Ländern der Welt dominiert das Selbstverständnis des Staatsbürgers jüdischen Glaubens: die religiöse Verpflichtung gegenüber der überlieferten Religion und die staatsbürgerliche Verpflichtung gegenüber der Heimat-Nation, der man sich, allen Erfahrungen der Vergangenheit zum Trotz, legitim zugehörig fühlen kann.

Offen bleiben aber noch weitere Möglichkeiten der Identität:als religiös und national empfindender Jude, der die Nationalität des Landes, in dem er lebt, für sein Selbstverständnis nicht annimmt oder als national empfindender Jude und Atheist.

Ungeachtet des individuellen religiösen und nationalen Selbstverständnisses erkennt der Staat Israel prinzipiell jedem Juden auf der Welt die Staatsbürgerschaft zu, falls dieser es wünscht.

Ostjudentum: Auch in der ehemaligen Sowjetunion galt „jüdisch“ als Nationalität. Bereits 1918 entstand dort ein Kommissariat für jüdische Nationalangelegenheiten (Evkom), und in den zwanziger Jahren wurde die Bildung eines jüdischen Gebietes innerhalb der Russischen Föderation beschlossen. Dieses „Autonome Gebiet der Juden“, 1933 im fernen Osten Rußlands gegründet, blieb allerdings selbst für die sowjetischen Juden ohne größere Bedeutung.

Jüdische Identität

Die jüdische Tradition beantwortet die Frage nach der jüdischen Identität kurz und knapp so: Jude ist primär derjenige, welcher von einer jüdischen Frau geboren wurde. Mag hingegen die gesamte männliche Linie jüdisch sein – Sohn oder die Tochter einer nichtjüdischen Mutter müssen selbst in diesem Fall formal in die jüdische Gemeinschaft aufgenommen werden, um nach dem jüdischen Gesetz als Juden gelten zu können.

Die Problematik der jüdischen Identität erschwert auch exakte Angaben über die Größe der jüdischen Gemeinschaft. Die meisten entsprechenden Angaben beruhen deshalb auf Schätzungen:

Um 1900 gab es ca. 10,5 Millionen Juden weltweit; seit den frühen achtziger Jahren des 20. Jahrhunderts stagniert ihre Zahl um etwa 13 bis 17 Millionen – eine Folge des Massenmordes an den europäischen Juden in den Zeiten des deutschen Nationalsozialismus, aber, in der Gegenwart, auch der starken Assimilation und gemischtkonfessioneller Ehen.

Namen als Ausdruck jüdischer Identität?

Abschließend noch einige Anmerkungen zu den jüdischen Familiennamen. Per Edikt oder Dekret hatten die Juden des deutschen Kulturkreises Ende des 18./Anfang des 19. Jahrhunderts Familiennamen anzunehmen – in Preußen ab dem 11. März 1812, in Bayern ab dem 10. Juni 1813, in Württemberg ab dem 25. April 1828 und in Österreich durch Patent schon ab dem 23. Juli 1787.

Bis dahin benannten sich Juden entweder nach ihrem Vater – zum Beispiel Isaak ben Abraham = Isaak, Sohn Abrahams – oder nach dem Ort ihrer Herkunft – etwa Jakob von Danzig. Naheliegend waren deshalb, um bei den angeführten Beispielen zu bleiben, Nachnamen wie Isaak Abraham oder Abrahamssohn beziehungsweise Jakob Danzig oder Danziger. Besonders in Österreich war aber auch von Amts wegen die Vergabe diskriminierender Namen wie Kanalgeruch oder Grünspan üblich.

Der Tradition verhaftet blieben die Familiennamen der Nachfahren hohenpriesterlichen oder priesterlichen Geschlechts. Auf Aaroniten, also Juden hohenpriesterliche Abkunft, weisen Namen wie Kohen/Cohen, Kohn, Kahn – als Synonym Schiff – oder Katz (Akronym von Kohen Zedek, gerechter Priester) hin. Auf levitische, priesterliche Ahnen lassen Halevi/Halevy oder Segal (von Segan Lewia = Führer der Leviten) schließen; Levi/Levy, auch Lewy, Lewis, Levit(t) kann vom ursprüngliche hebräischen Vornamen Levi abgeleitet sein und ist deshalb nicht unbedingt ein Indiz für priesterliche Vorfahren.

Viele Juden, die nach Israel übersiedelten, legten bei dieser Gelegenheit ihre deutsch klingenden Namen ab. So hieß Israels erster Ministerpräsident ursprünglich David Grün – später nannte er sich Ben Gurion, „Sohn eines Löwen“. Andererseits gibt es natürlich auch Juden mit Namen Müller, Meier, Schmidt. Und ein „jüdischer Name“ ist noch längst kein sicheres Zeichen für eine entsprechende Identität seines Trägers. Und, um letztlich auch noch dies zu erörtern, allen boshaften Verzerrungen von Hieronymus Bosch bis zu den Karikaturisten des „Stürmers“ zum Trotz – die Form der Nase ist es erst recht nicht!

Auszug aus dem Buch "Jüdische Kultur und Geschichte" von Peter Ortag, das Sie bei uns bestellen oder als PDF downloaden können.

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