Gedanken zu den Porträts

Martina Schellhorn
Martina Schellhorn, Foto: Harald Hirsch

Stefan Gloede, der bereits 2004 während der Tagung „Die Grenzen des Machbaren“ für uns in Lobetal fotografiert hat, ist in diesem Sommer wieder im Auftrag der Landeszentrale für politische Bildung nach Lobetal gefahren und hat die Bewohner besucht, um sie zu porträtieren.

Mit jedem der Porträtierenten hat sich Stefan Gloede über das Projekt unterhalten, nie ist er auf Ablehnung gestoßen, immer durfte er die Bewohner von Lobetal in ihrem Zuhause, ihrem Zimmer, ihrem ganz persönlichen Umfeld fotografieren.

Das ist anders als in einem Studio, in dem gut ausgeleuchtet, vor neutralem Hintergrund und „in Pose“ fotografiert werden kann. Hier ist das Private, oder besser gesagt, der kleine Ausschnitt des Privaten, absichtsvolle Zutat, um die Persönlichkeit der Frauen und Männer ein wenig mehr kennen zu lernen.

Über das Gespräch und die – relativ kurze – Dauer des Zusammenseins lernte Stefan Gloede seine Protagonisten kennen. Nicht das Andere (im Leben dieser Menschen) steht im Vordergrund seiner Porträts – sondern die Persönlichkeit der Porträtierten. Stefan Gloede hat nichts inszeniert, nichts arrangiert. Er hat den Ausschnitt gesucht und er hat gewartet – auf den Moment, diesen ganz besonderen Moment, der sich auch immer eingestellt hat. Es ist ein Moment unglaublicher Nähe, der ihm möglich gemacht hat, das Wesentliche zu erfassen, es einzufangen und sichtbar zu machen. Es sind überaus kostbare Momente, die ihm bei seiner Arbeit gelungen sind.

Die Konzentration darauf ist spürbar, doppelt spürbar – nämlich die Konzentration von Stefan Gloede und die der Menschen vor seiner Kamera, die sich ihm und damit uns so wunderbar zuwenden. Sie alle sehen uns an, und diese Blicke sind es, die uns so berühren, ja aufwühlen, betroffen machen und die uns zwingen, den Porträtierten auch in die Augen zu sehen.

Gelächelt wird dabei wenig – und das empfinde ich als Gewinn.

Ziel war eben nicht das Foto mit dem strahlenden Gesicht, die fröhliche Werbepose, die uns millionenfach umgibt. Nein, die Ernsthaftigkeit, manchmal auch ein Schmunzeln, ein kleines Lächeln, mit dem wir angesehen werden, lädt ein zu einem Blick in die Tiefe dieser Momentaufnahme.

Zuerst nehmen wir alltägliche Dinge war, ganz Vertrautes wie die Sammlung der Kuscheltiere, die vollgestellte Küchenzeile, die Blumen, die bereitgestellten Süßigkeiten, den laufende Fernseher. Manchmal zwingt uns auch der besondere Bildausschnitt, das aus-der-Mitte-rücken zu einem anderen Sehen. Die Dinge bekommen ein anderes Gewicht wie z.B. die Wanduhr hinter Manfred B. der so nachdenklich schaut. Der zarte Wolkenvorhang hinter Ingo K. gibt dem Porträt einen eigenen Zauber, während die an die Wand gepinnten Fotos der „No Angels“ zum verschmitzen Ausdruck von Peter D. auch Sehnsucht hinzufügen. Oder der bunte Vogel über Björn Hörnicke – steht er nicht für Fliegen und Fröhlichkeit? Und der Koffer hinter Horst S. – auf welche Reise will er gehen? Neben der Nahaufnahme gibt es auch die Porträt-Serie, die die Hände mit einschließt – Hände in Ruhe oder angespannt ineinander gelegt, flach auf den Tisch gepresst oder die Katze festhaltend. Diese Fotografien strahlen entweder große Ruhe oder geballte Energie aus und entsprechen wohl sehr genau dem Charakter der Abgebildeten.

Jede dieser Fotografien erzählt eine Geschichte. Die Betrachter muss sich nur öffnen und sie entdecken, dann entdeckt er auch das Besondere in dem etwas anderen Leben der Bewohner der Hoffnungstaler Anstalten.

Martina Schellhorn

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