Extremismus erkennen

Die Grenzen zwischen Extremismus und Demokratie sind fließend und in sich widersprüchlich. Oft bekennen sich Personen, die als extremistisch gelten, zumindest formal zur Demokratie und weisen jeden Extremismus weit von sich. Im Alltag ist es daher hilfreich, konkrete Verhaltensweisen und Haltungen zu benennen.

geballte Faust mit einem Handy vor der Aufschrift Extrem
© Gregory Gilbert-Lodge

Politisch ist umstritten, was als extremistisch gilt und was nicht. Die Grenzen verlaufen in der Realität fließend. Die Bedeutung des Wortes ist dehnbar und es wird als politischer Kampfbegriff verwendet. Oft bekennen sich Personen, die als extremistisch gelten, zumindest formal zur Demokratie und weisen jeden Extremismus weit von sich. Sie fordern teilweise sogar mehr demokratische Beteiligung.

Menschen können sich extremistisch äußern, entsprechend handeln oder wählen – und sich zugleich an anderer Stelle für das Zusammenleben einsetzen. Trotzdem können sie zum Beispiel menschenfeindlich denken und handeln, weil sie etwa gegen das oberste Prinzip der Unantastbarkeit der Menschenwürde verstoßen.

Menschen und auch die Demokratie sind vielschichtig und widersprüchlich: Was zum Beispiel gegen die Menschenwürde und das Diskriminierungsverbot verstößt, kann trotzdem gleichzeitig von der Meinungsfreiheit gedeckt sein. Die Grenzen zwischen Extremismus und Demokratie sind fließend und in sich widersprüchlich. In Sachsen beispielsweise klagten mehrere linke Bands gegen ihre Nennung im Verfassungsschutzbericht als linksextrem und bekamen vor Gericht recht: Der Nachrichtendienst musste seine Berichte ändern.

Konkret sein und genau unterscheiden

Im Alltag und für die politische Bildung kann die Nutzung des Extremismusbegriffs sogar hinderlich sein. Eine Befragung von über 300 Hauptamtlichen in der Rechtsextremismusprävention ergab, dass ein größerer Teil mit dem sozialwissenschaftlichen Konzept der „gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit“ arbeitet – anstatt mit dem Begriff „Rechtsextremismus“.

Linksextremismus“ wird als Konzept kaum genutzt – Modellprojekte haben die Untauglichkeit für die Bildungsarbeit mit Jugendlichen erwiesen, unter anderem weil sich für diese „Linksextremismus“ nicht als Thema in ihrem Alltag ergab – anders als beim Rechtsextremismus. Statt „gegen Linksextremismus“ sollten sich Projekte demnach "für Demokratie" einsetzen.

Der Extremismusbegriff kann als Stigmatisierung und Ausgrenzung erfahren werden. Wer zum Beispiel pädagogisch mit Jugendlichen arbeiten möchte, wird keinen Erfolg haben, wenn er oder sie diese als „Extremisten“ bezeichnet. Es ist ratsamer, problematische Haltungen und Verhaltensweisen konkret zu benennen und so etwa über Rassismus, Antisemitismus, Gewalt, Verschwörungsdenken, religiösen Fundamentalismus oder Staatsfeindlichkeit zu diskutieren, als sehr unterschiedliche Probleme unter dem Begriff des „Extremismus“ zusammenzufassen und damit womöglich Missverständnisse und Ablehnung hervorzurufen.

Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit, pauschalisierende Ablehnungskonstruktionen (PAKOS), Ansätze, die Vorurteile und Vielfalt in den Blick nehmen, antisemitismus- und rassismuskritische Konzepte, Demokratiepädagogik sowie Gewaltprävention sind nur einige Begriffe und Konzepte, mit denen Radikalisierungsprozesse bearbeitet oder verhindert werden können.

Projektbroschüre "Abschied von Hass und Gewalt"
Abschied von Hass und Gewalt

"Steckt man heute 200 Rechtsextreme ins Gefängnis, dann kommen – wenn man nicht aufpasst – 600 wieder heraus!“

Projektbroschüre über die Arbeit mit rechtsextremistisch orientierten Jugendlichen innerhalb des Jugendstrafvollzuges – Betreuung nach der Haftentlassung

Kritisch nachfragen und die eigene Haltung prüfen

Weil Ansätze für antidemokratisches Denken tief in der Gesellschaft verankert sind, ist es nicht ausreichend, allein bestimmte Symbole, Codes, Kleidungsstücke, Marken oder sonstige äußere Merkmale zugrunde zu legen, um Extremismus zu erkennen.

Extremismus drückt sich in Worten und Handlungen aus. Vor allem Elemente rechtsextremer Einstellungen reichen bis weit in die Gesellschaft hinein. Sie können sich beispielsweise in abwertenden Äußerungen gegen geflüchtete Menschen, gegen vermeintliche oder tatsächliche Muslime und Muslimas oder Juden und Jüdinnen, gegen Homosexuelle, gegen den Staat, über den historischen Nationalsozialismus oder in Fragen wie Geschlechtergerechtigkeit und Klimaschutz ausdrücken.

Abwertende Einstellungen der gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit bilden den ideellen Nährboden für die Radikalisierung in geschlossene extremistische Weltbilder. Ideologische Schließungen können lange unsichtbar bleiben, wenn Konflikte vermieden werden. Sie werden häufig erst in politischen Diskussionen erfahrbar.

Hinweise können sein:

  • Ist der oder die andere für abweichende Argumente zugänglich oder scheint sich eine Person ideologisch immer mehr von der Realität und anderen sozialen Welten abzuschotten?
  • Werden Menschengruppen pauschal abgewertet oder Gewalt befürwortet?
  • Werden spezifische Begriffe genutzt, beispielsweise „Invasoren“ für Migranten?

Um Extremismus im Alltag erkennen und begegnen zu können, braucht es neben soliden Grundkenntnissen vor allem eine demokratische Haltung mit menschenfreundlichen Werten und die Bereitschaft, auch in Konflikten dafür einzustehen.

Faktenbox

  • Wer im sozialen Miteinander andere als Extremist oder Extremistin bezeichnet, kann kaum auf einen gelingenden Beziehungsaufbau mit diesen Personen hoffen. Wichtig ist es, inhaltliche Aussagen und Überzeugungen infrage zu stellen und eine eigene demokratische Haltung zu entwickeln.
     
  • Extremismus ist ein sehr dehnbarer und für den Alltag und die Pädagogik wenig geeigneter Begriff. Die damit gemeinten Ausprägungen und Erscheinungsformen unterscheidet häufig mehr als sie verbindet. Darum ist es im Alltag besser, konkret zu benennen, worum es geht: zum Beispiel Gewalt, Rassismus, Antisemitismus und ähnliches.
     
  • Geschlossene politische oder religiöse Weltbilder, Demokratieverachtung und Menschenfeindlichkeit werden meist nicht erst an Symbolen oder Kleidungsstücken sichtbar, sondern in kontroversen politischen Diskussionen.
     
  • Extremismus zeigt sich häufig dann offen, wenn die alltäglichen Glaubenssätze dahinter durch gesellschaftliche Veränderungen oder kritisches Nachfragen herausgefordert werden.

Lesetipp

Michael Kraske

Der Riss

Michael Kraske beschreibt in einer tiefgründigen Analyse differenziert die Gründe für eine Gewöhnung an rechtsextreme Ideologie, Strukturen und Gewalt und eine zunehmende Radikalisierung der Gesellschaft.

Prof. Dr. Matthias Quent, April 2022. Der Autor ist Professor für Soziologie an der Hochschule Magdeburg-Stendal.

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