Symbole und Erkennungszeichen

"Salafistenbart" und Vollverschleierung: Eine eindeutige Zuordnung einer Person zum Islamismus aufgrund äußerer Merkmale ist für Außenstehende kaum möglich und kann falsche Zuschreibungen erzeugen.

Islamistische Symbole
© Gregory Gilbert-Lodge

In Teilen der Öffentlichkeit existiert eine Bandbreite an Vorstellungen über äußerliche Erkennungszeichen, anhand derer man Islamisten und Islamistinnen vermeintlich erkennen könne. Die oft aufgeführten Beispiele erstrecken sich vom sogenannten „Salafistenbart“ über die Vollverschleierung bei Frauen bis hin zu einer angeblich „islamistischen Tracht“. Jedoch ist eine eindeutige Zuordnung einer Person zum Islamismus auf der Grundlage vermeintlicher äußerlicher Erkennungszeichen für Außenstehende kaum möglich und kann falsche Fremdzuschreibungen erzeugen. Am Beispiel der salafistischen Szene wird dies deutlich.

Von außen betrachtet hat sich mittlerweile besonders in europäischen Großstädten zwar eine eigene „salafistische Subkultur“ entwickelt, die von verschiedenen Elementen geprägt wird, wie einen bestimmten Bart-, Sprach- und Kleidungstil. Der Voll- oder Kinnbart wird dabei so getragen, dass lediglich die Oberlippe rasiert wird.

Zur Kleidung der Frauen gehören Jilbab, Nikab, Khimar, Burka. Die Männer tragen knöchelfreie Beinkleider und Gebetskappe (Takke).

Die islamistische Szene
© Gregory Gilbert-Lodge
Die Islamistische Szene in Brandenburg

In Brandenburg leben rund 30.000 bis 35.000 Musliminnen und Muslime. Die islamistische Szene ist ein winziger Bruchteil davon. Im Fokus islamistischer Anwerbeversuche stehen hilfsbedürftige Geflüchtete.

Eigene Online-Shops und einschlägige Foren ermöglichen den Erwerb von szenetypischen Alltagsgegenständen, einschlägiger Literatur, die Teilnahme an Seminaren zu unterschiedlichsten Themen oder die Teilnahme an Reisen, was die Ausformung eines eigenen salafistischen „Lifestyles“ begünstigt. Diese „Dienstleistungen“ stellen eine wichtige Einnahmequelle für salafistische Akteure innerhalb der Szene dar.

Faszination "Szene"

Weitere wichtige Elemente sind das identitätsstiftende Gemeinschaftsgefühl sowie die starke Abgrenzung zu anderen Mitgliedern der Gesellschaft, egal ob Muslime oder Anders- beziehungsweise Nichtgläubige. Gerade für Jugendliche und junge Erwachsene stellt die szenetypische Abgrenzung zu etablierten Autoritäten (Eltern, Lehrern, „dem Staat“, und anderen) eine besondere Faszination dar, ist aber nicht unbedingt mit einem Bekenntnis zum Salafismus verbunden.

Oftmals richten Mitglieder ihr soziales Leben stark auf ihre soziale Gemeinschaft aus und der Großteil ihrer sozialen Kontakte beschränkt sich auf deren Mitglieder - die „Brüder“ und „Schwestern“. Zum regelmäßigen Austausch werden sowohl Privaträume, Gebetsräume als auch digitale Räume genutzt, sodass auch Personen ohne geografische Nähe zu salafistischen Zentren Anschluss finden und am Gemeinschaftsgefühl teilhaben können.

Im Zentrum dieser Gemeinschaften stehen dabei meist ein oder mehrere Prediger, die von ihren Anhängern oft intensiv verehrt werden. Sie kommunizieren ihre Zugehörigkeit zu dieser Szene oft dadurch, dass sie sich öffentlich zu einem oder mehreren dieser salafistischen Prediger bekennen. Trotz der beschriebenen Herausbildung einer eigenen salafistischen Subkultur ist für Außenstehende eine eindeutige Zuordnung einer Person zum Islamismus einzig auf der Grundlage vermeintlicher äußerlicher Erkennungszeichen aus mehreren Gründen jedoch kaum möglich.

Auch wenn viele dieser Aspekte für einige in Brandenburg sozialisierte Menschen fremd erscheinen mögen, so besteht zwischen einer bestimmten Barttracht, dem Tragen traditioneller Kleidung und den verschiedenen Variationen des Kopftuchs bis hin zur Vollverschleierung bei Frauen kein automatischer Zusammenhang zum Islamismus. In den allermeisten Fällen handelt es sich dabei um einen persönlichen Ausdruck der eigenen Religiosität oder schlicht um Alltags- oder Festtagskleidung.

Wer wird wie islamistisch?
© Gregory Gilbert-Lodge
Wer wird islamistisch und wie?

Das individuelle Bedürfnis nach Gemeinschaft und Anerkennung, Geborgenheit und Besonderheit spielt eine wichtige Rolle bei der Frage, ob sich jemand radikalisiert. Es gibt aber noch mehr Faktoren.

Ein weiterer Grund, warum äußere Erkennungszeichen nicht als sichere Hinweise für eine Zugehörigkeit zum Islamismus dienen können, ist, dass Radikalisierungsprozesse stets hochgradig individualisiert verlaufen und Betroffene ihren Lebenswandel nicht zwangsläufig durch sichtbare Erkennungszeichen kenntlich machen.

Erschwerend kommt hinzu, dass legalistische Organisationen oft versuchen, ihre islamistische Ideologie nach außen hin zu verbergen oder diese sogar leugnen. Einige  Angehörige dieser Bewegungen betreiben großen Aufwand, um sich in der deutschen Öffentlichkeit als weltoffen, demokratisch-gesinnt und progressiv und so als Partner für Integrationsbemühungen und interreligiösen Dialog zu präsentieren.

Islamistische Zeichen erkennen

Anstatt sich auf äußerliche Erkennungszeichen etwa in Form des Kleidungsstils zu konzentrieren, können Äußerungen oder Posts auf Social Media aufschlussreichere Hinweise auf eine islamistische Gesinnung oder sogar Zugehörigkeit zu einer islamistischen Organisation sein.

Hier zu nennen sind:

  • antisemitische Erzählungsmuster – beispielsweise im Zusammenhang mit dem Nahostkonflikt,
  • die Verbreitung von Inhalten bekannter islamistischer Prediger,
  • die positive Bezugnahme beziehungsweise das Gedenken an oder Zitieren von islamistischen Akteuren,
  • das Zeigen von Fahnen oder anderer Zeichen  islamistischer Organisationen.

Generell gilt, dass hasserfüllte, aggressive und menschenverachtende Äußerungen gegen Gruppen oder Einzelpersonen auf eine islamistische Grundhaltung hindeuten können, insbesondere wenn versucht wird, die Abwertung von oder Gewalt gegen Menschen religiös zu rechtfertigen.

Vor diesem Hintergrund empfiehlt es sich, fachkundige Personen heranzuziehen, die dabei helfen, Äußerungen, Zeichen, Personengruppen oder gar Personen als islamistisch einzuschätzen.

Folgen von Fehleinschätzungen

Die Kombination aus Unkenntnis über die Themen Islam und Migration einerseits und eine durch bestimmte politische Gruppierungen vorangetriebene Emotionalisierung und Verunsicherung andererseits führt dazu, dass es zu falschen Fremdzuschreibungen oder gar öffentlichen Beschuldigungen von rechtschaffenden muslimischen Mitbürgerinnen und Mitbürgern kommt. Die Folgen von solchen falschen Beschuldigungen können für die Betroffenen gravierend sein, da sie so schnell zum Ziel von Gerüchten oder sogar öffentlichen Verleumdungskampagnen werden können.

Wenn wir über Islamismus sprechen, dann sollten wir bedenken, dass ein nicht geringer Teil der in Brandenburg lebenden Musliminnen und Muslime auch wegen islamistischer Terrororganisationen aus ihren Herkunftsländern fliehen musste.

Faktenbox

  • Eine „islamistische Tracht“ gibt es nicht.
     
  • Vermeintlich äußerliche Erkennungszeichen sind für Außenstehende kaum zu bestimmen und können falsche Fremdzuschreibungen erzeugen.
     
  • Äußerungen oder Posts in den sozialen Medien können deutlichere Hinweise auf eine islamistische Gesinnung oder sogar Zugehörigkeit zu einer islamistischen Organisation geben (Hass, religiöse Rechtfertigung von Gewalt.
     
  • Fachkundige Personen für eine Einschätzung heranziehen.
     
  • Die Folgen falscher Beschuldigungen können für die Betroffenen schwerwiegend sein.

Caspar Schliephack, Dr. Yunus Yaldiz, Fachstelle Islam im Land Brandenburg, Juli 2022

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