Die islamistische Szene in Brandenburg

In Brandenburg leben rund 30.000 bis 35.000 Musliminnen und Muslime. Die islamistische Szene macht einen Bruchteil unter ihnen aus, sie versucht aber größer zu werden. Im Fokus islamistischer Anwerbeversuche stehen hilfsbedürftige Geflüchtete.

Die islamistische Szene
© Gregory Gilbert-Lodge

Die islamistische Szene in Brandenburg ist zahlenmäßig vergleichsweise überschaubar. Die Sicherheitsbehörden stufen rund 200 Personen in Brandenburg als islamistisch ein, die verschiedenen Gruppierungen zugerechnet werden. Insgesamt leben in Brandenburg 160 Salafisten, von denen eine mittlere zweistellige Zahl gewaltbereit ist.

Etwa 70 Salafisten werden der „Islamistischen Nordkaukasischen Szene“ zugeordnet, die sich wiederum hauptsächlich aus Tschetschenen zusammensetzt. Die restlichen 40 Personen gehören zu legalistischen Organisationen, wie der Muslimbruderschaft oder der „Tablighi Jamʿat“ (TJ). Somit ist nur ein winziger Bruchteil der rund 30.000 bis 35.000 Muslime, die in Brandenburg leben, Teil der islamistischen Szene.

Jedoch sprechen mehrere Faktoren dafür, dass islamistische Akteure versuchen, die Strukturschwäche der muslimischen Gebetsräume und Vereine zu nutzen, um ihren Einfluss in Brandenburg auszuweiten.

Berlin als Magnet

Zum einen übt Berlin als Millionenmetropole für viele Menschen eine Art Magnetwirkung aus und auch Musliminnen und Muslime aus Brandenburg nutzen das vielfältigere religiöse Angebot dort. Da die islamistische Szene in Berlin mit rund 2.000 Anhängerinnen und Anhängern aber sowohl zahlenmäßig stärker ist, als auch über Moscheen verfügt, die unter ihrem Einfluss stehen, besteht das Risiko einer Radikalisierung von Brandenburger Muslimen. Außerdem finden extremistisch eingestellte Personen leichter Zugang und Anschluss an gut organisierte Netzwerke Gleichgesinnter.

Zum anderen versuchen salafistische und legalistische Akteure aus angrenzenden Bundesländern durch die Bereitstellung finanzieller Mittel, die Entsendung von Gastpredigern oder anderweitigen Dienstleistungen Einfluss in oder über muslimische Gebetsräume und Vereine in Brandenburg zu erlangen, so etwa die der Muslimbruderschaft zugerechnete „Sächsische Begegnungsstätte“ oder die TJ von Sachsen-Anhalt aus. Im Fokus dieser Organisationen standen in der Vergangenheit besonders hilfsbedürftige Geflüchtete, denen sie auf der jeweiligen Herkunftssprache Unterstützung und religiöse Betreuung anboten.

Islamistische Organisationen
© Gregory Gilbert-Lodge
Organisation und Struktur

Islamistische Gruppierungen haben in Brandenburg bislang noch keine feste Struktur aufbauen können, versuchen aber, ihren Einfluss auszuweiten.
 

Druck auf Frauen

Bei Gruppierungen wie der TJ geht es hauptsächlich um aggressive Missionierung und sozialen Druck auf Musliminnen und Muslime. Einige dieser Gruppierungen sind sektenartig strukturiert, das heißt, sie versuchen Kontrolle und Abhängigkeit unter den muslimischen Bewohnern brandenburgischer Kleinstädte auszuüben und sie sozial zu isolieren. Sie versuchen innerhalb einer Sprachgruppe die Deutungshoheit über religiöse Themen erlangen, sich als einzig legitime Autorität zu präsentieren und ihre Vorstellungen im öffentlichen und privaten Raum durchzusetzen.

Dabei üben sie nicht selten besonders auf Frauen – häufig unter Androhung von Gewalt – Druck aus und mahnen sie, das Kopftuch zu tragen und keusch zu leben. An dieser Stelle sind neben polizeilichen Maßnahmen vor allem soziale Träger und zivilgesellschaftliche Akteure als Gegenpol gefragt. Sie schützen und unterstützen bedrohte Personen und Familien unter anderem durch „Neuansiedlung“ in ein neues, sicheres Umfeld. Die ersten und oft einzigen, die sich dem islamistischen Druck ausgesetzt sehen, sind gewöhnliche Muslime, nicht die deutsche Mehrheitsbevölkerung.

Ähnlich ist auch das Vorgehen der Ahmadiyya Gemeinde, die ursprünglich aus Pakistan stammt. Auch sie ist sektenartig strukturiert, setzt Geschlechtertrennung durch, heiratet nahezu ausschließlich innerhalb der eigenen Gemeinde und ist wertekonservativ, auch wenn sie – ähnlich den Legalisten - nach außen als gemäßigte und gut integrierte, tolerante Muslime auftreten. Ein besonderes Merkmal ist hier, dass sich Ahmadiyya-Vertreterinnen und Vertreter gegenüber staatlichen Stellen sogar proaktiv als Ansprechpartner für interreligiöses Miteinander und progressives muslimisches Leben anbieten, auch wenn sie zu den lokalen muslimischen Gemeinschaften keinerlei Beziehungen unterhalten.

Islamistisches Online-Netzwerk

Ein weiterer wichtiger Faktor für die Herausbildung einer gefestigten islamistischen Szene in Brandenburg ist der Einfluss von islamistischen Onlineangeboten, deren Bedeutung während der Corona-Pandemie noch weiter gestiegen ist. So können Radikalisierungsprozesse beispielsweise durch teilweise abgeschottete Chat-Gruppen angestoßen beziehungsweise verstärkt werden. Betroffene können so trotz Corona-Maßnahmen oder großer geografischer Distanz permanenten Zugang zu einschlägigen islamistischen Inhalten und sogar Gruppierungen erhalten.

Die Bandbreite der online aufrufbaren und über Chat-Gruppen verteilten Inhalte erstreckt sich dabei von Unterhaltungsangeboten, deren Bezüge zu islamistischen Gruppierungen für Laien oft nicht klar zu erkennen sind, über salafistische Lernzirkel und Online-Seminare bis hin zu Propaganda von terroristischen Organisationen wie „al-Qaeda“ (al- Qaida) oder dem „Islamischen Staat“, inklusive direkter Aufrufe und Anleitungen zur Gewaltausübung.

Ein wachsendes Risiko stellen laut Sicherheitsbehörden vor allem diejenigen meist jugendlichen Personen dar, die sich nahezu ausschließlich über das Internet und meist vergleichsweise schnell radikalisieren.

Faktenbox

  • In Brandenburg leben rund 30.000 bis 35.000 Musliminnen und Muslime. Die islamistische Szene in Brandenburg ist mit rund 200 Personen ein winziger Bruchteil davon.
     
  • Islamistische Akteursgruppen versuchen, die schwache Struktur der muslimischen Gemeinden und Vereine für einen Ausbau des eigenen Einflusses zu nutzen.
     
  • Die Nähe zu und die Orientierung nach Berlin kann die Radikalisierung von Brandenburger Muslimen durch islamistische Gruppierungen fördern.
     
  • Im Fokus islamistischer Anwerbeversuche stehen besonderes hilfsbedürftige Geflüchtete.
     
  • Islamistische Onlineangebote tragen zur Herausbildung von gefestigten Strukturen der islamistischen Szene in Brandenburg durch die Gewinnung muslimischer Jugendlicher bei.

Caspar Schliephack, Dr. Yunus Yaldiz, Fachstelle Islam im Land Brandenburg, Juli 2022 

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