Die linksextreme Szene

Die linksextreme Szene ist kein geschlossener sozialer Raum. Die Übergänge zur demokratischen Linken und zur alternativen Subkultur sind fließend. Den Kern der Szene bilden die Autonomen. Sie wenden sich gegen die bestehenden Herrschaftsverhältnisse und damit gegen den Staat.

Illustration der linken Szene. Menschen hinter einem Tranparent mit der Aufschrift "Wir bleiben alle staatsgefährdend"
© Gregory Gilbert-Lodge

Es ist schwierig, von der linksextremen Szene zu sprechen. Denn es handelt sich nicht um ein geschlossenes Milieu, sondern die Übergänge zur demokratischen Linken und zur alternativen Subkultur sind fließend. Zudem wird eine feste Gruppenbindung gar nicht angestrebt, weil es dem Selbstverständnis der Szene widerspricht. Hierarchien und Strukturen werden in der Regel abgelehnt. Vielmehr handelt es sich um lose verbundene Netzwerke und meist lokal aktive (Klein-)Gruppen, die sich unter den Begriff der Autonomen zusammenfassen lassen, der zugleich eine Selbstbezeichnung ist. Diese entstanden ab Ende der 1970er Jahre aus den „Spontis“ als Überbleibsel der außerparlamentarischen Opposition (APO), der militanten Hausbesetzerszene und der wachsenden Anti-Atomkraft-Bewegung.

Anders als die kommunistisch geprägten linksextremen Parteien wendeten sich die Autonomen von Anfang an gegen straffe Hierarchien. In der wortwörtlichen Übersetzung sind Autonome jene, „die sich ihre Gesetze selbst geben“.

Von Anbeginn prägte die Autonomen ein hohes Maß an Gewaltbereitschaft. In den Blickpunkt der Öffentlichkeit gerieten sie erstmalig bei der Vereidigung von Bundeswehrsoldaten im Bremer Weserstadion am 6. Mai 1980 als mehrere hundert Personen die Polizei attackierten, deren Fahrzeuge in Brand setzten und ganze Straßenzüge verwüsteten. Bis heute sorgen Autonome bei Demonstrationen regelmäßig für Eskalationen (zum Beispiel am 1. Mai), wobei sich ihr Handlungsspektrum nicht auf Gewalttaten verengt. Dazu gehören auch friedliche Demonstrationen, Konzerte, Lesungen, Publikationen, Workshops und so weiter. Den militanten Kern der Autonomen bildet der sogenannte Schwarze Block, der durch sein einheitliches Auftreten erkennbar ist.

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Entwicklung der Autonomen

Das Ausmaß der Gewalt – sowohl die Anzahl als auch die Schwere der Delikte – hat in den vergangenen Jahren zugenommen, was mit dem Anwachsen der Szene zusammenhängt. Seit der Wiedervereinigung vergrößerte sich das Personenpotenzial der Autonomen stetig und erreichte laut Verfassungsschutzbericht des Bundes im Jahr 2020 mit 7.400 Personen einen Höchststand. Etwa 25 Prozent des linksextremen Spektrums in Deutschland lassen sich den Autonomen zurechnen. Allerdings beträgt die aktive Zugehörigkeit meist nur wenige Jahre. Hotspots der Szene sind Berlin, Frankfurt a. M., Hamburg und Leipzig.

Nach Angaben des brandenburgischen Verfassungsschutzes gibt es kleinere autonome Szenen in Potsdam, Cottbus, Finsterwalde und Frankfurt (Oder). Die Gesamtzahl wird seit 2018 konstant auf etwa 240 Personen geschätzt.

Anarchie als Ideal

Entsprechend der losen Organisationsstruktur sind auch die politischen Ziele der linksextremen Szene vielfältig. Eine gefestigte linksautonome Weltanschauung existiert nicht. Man orientiert sich an den Idealen des Anarchismus. Das heißt, Autoritäten werden abgelehnt und die „Befreiung des Individuums“ aus den bestehenden Herrschaftsverhältnissen steht im Mittelpunkt. Die Vorstellungen zielen weniger auf ein konkretes Gesellschaftsmodell, sondern auf ein eigenbestimmtes Leben, das frei sein soll von wirtschaftlichen, politischen und sozialen Zwängen. Gewalt, die sich gegen Dinge richtet, gilt als legitimes Mittel zur Durchsetzung dieses Ziels. Dagegen wird die Rechtmäßigkeit von Gewalt gegen Personen innerhalb der Szene kontrovers diskutiert.

Autonome beanspruchen nicht, für das Volk oder das Kollektiv zu kämpfen, sondern vorrangig für sich selbst. Zur Identifikation nach innen spielen deswegen gemeinsame Feindbilder eine wichtigere Rolle als Theorien und Ideologien. Zu den erklärten Feinden gehören Rechtsextremisten, die Polizei beziehungsweise der Staat sowie Großkonzerne, Banken und Immobilienfirmen. 

Faktenbox:

  • Bei der linksextremen Szene handelt es sich nicht um eine gefestigte Organisation, sondern um lose verbundene Netzwerke und meist lokal verankerte Kleingruppen.
     

  • Den Kern der linksextremen Szene bilden die Autonomen, die sich gegen die bestehenden Herrschaftsverhältnisse und damit gegen den Staat wenden.
     
  • Eine zentrale Rolle zur inneren Identifikation spielen gemeinsame Feindbilder wie Rechtsextremismus, Polizei und Großkonzerne.
     

  • Von den Sicherheitsbehörden wird seit etwa 2010 bundesweit eine stetige Zunahme der Anhänger- und Gewaltbereitschaft der linksextremen Szene beobachtet. In Brandenburg liegt die Zahl seit 2018 konstant bei rund 240 Personen.

Lesetipp

Prof. Dr. Tom Thieme, März 2022.
Der Autor ist Professor für Gesellschaftspolitische Bildung an der Hochschule der Sächsischen Polizei (FH) in Rothenburg/O.L.

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