Rechtsextreme Szenen

Die extreme Rechte umfasst diverse Szenen mit unterschiedlichen ideologischen und lebensweltlichen Schwerpunkten.  Sie können – vor allem im virtuellen und sozialen Raum – auch nebeneinander existieren, ohne dass dazwischen personelle Bezüge bestehen. Verbindend sind gemeinsame ideologische Glaubenssätze.

Eine Person vor einem Laptop mit rechtsextremen Inhalten
© Gregory Gilbert-Lodge

Die extreme Rechte umfasst diverse Szenen mit unterschiedlichen ideologischen und lebensweltlichen Schwerpunkten. Darunter fallen beispielsweise Subkulturen wie die Rechtsrockszene. Diese Szene ist seit Jahrzehnten international vernetzt und verfolgt verschiedene Interessen: Neben der Schaffung einer extrem rechten Parallelkultur und der Weitergabe von Ideologie insbesondere an Jugendliche geht es um die Stabilisierung der eigenen Lebenswelten und nicht zuletzt um viel Geld durch Tonträger, eigene Markenprodukte, „Fan“-Artikel und Konzerte.

Rechtsextreme Szenen können unter räumlichen Aspekten untersucht werden, zum Beispiel um spezifische Strukturen oder Gruppen in einer Stadt/Region zu beschreiben. So gibt es in vielen Regionen formelle oder informelle (oft private) Szenetreffpunkte, Immobilien und andere logistische Strukturen. Lokale Szenen basieren meist auf privaten, teils langjährigen Seilschaften und damit verbundenen Vertrauensbeziehungen, über die auch die Einbindung in überregionale Netzwerke gesichert ist.

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Vernetzung mit anderen Kreisen

Dabei hat sich gezeigt, dass sich rechtsextreme Szenen häufig mit anderen Szenen überschneiden und vernetzen, zum Beispiel mit Fußballfanmilieus, Kampfsportkreisen, dem sogenannten Rotlichtmilieu und auch mit der Organisierten Kriminalität.

Zunehmend vernetzen sich rechtsextreme Szenen überregional in und durch soziale Medien. Dies betrifft beispielsweise internationale rechtsradikale Gemeinschaften, die sich auf Gamingplattformen oder auf Imageboards zusammenfinden, austauschen und gemeinsame (Sub-)Identitäten entwickeln. Diese können auf lokale Szenen zurückwirken, sie können jedoch auch ohne Bezug zu regionalen Szenen schwerwiegende Folgen haben.

Beispielsweise war der Rechtsterrorist, der 2019 in Halle an der Saale zwei Menschen tötete, zwar in seiner Jugend in einer rechtsoffenen Jugendclique unterwegs, wies aber ansonsten keine Bezüge zu rechtsextremen Strukturen seiner Region auf.

Ideologische und soziale Motivation für seinen antisemitischen und rassistischen Anschlag erhielt er in der internationalen Hassgemeinschaft sozialer Medien – vor allem auf englischsprachigen Plattformen. Folgerichtig sprach er in seinem weltweit verbreiteten Video von der Tat Englisch, um damit seine zentrale Bezugsszene zu erreichen.

Lesetipp

Es reicht also nicht, den Blick nur auf eine Szene des Rechtsextremismus zu werfen. Verschiedene rechtsextreme Szenen können miteinander und mit anderen sozialen Szenen durchmischt und verbunden sein. Sie können – vor allem im virtuellen und sozialen Raum – auch nebeneinander existieren, ohne dass dazwischen personelle Bezüge bestehen. Verbindend sind gemeinsame ideologische Glaubenssätze.

Problematisch an szeneorientierten Zugängen zur Aufhellung extrem rechter Netzwerke kann sein, dass die größeren ideologischen und übergeordneten strukturellen Zusammenhänge aus dem Blick geraten und der Eindruck entsteht, eine vergleichsweise kleine regionale Szene könne leicht im Griff gehalten werden. Denn dadurch können überregionale Unterstützungsstrukturen, die Entgrenzung des Rechtsextremismus in den sozialen Medien ebenso wie das latente Zustimmungspotenzial in der Bevölkerung aus dem Blick geraten.

Checkbox

 

  • Es existieren verschiedene rechtsextreme Szenen, die teils miteinander und mit anderen Szenen (zum Beispiel Hooligans, Kampfsport, Menschenhandel und Prostitution) vermischt und vernetzt sind.
     

  • Eine große neue Herausforderung ist die Entstehung neuer Szenen, die sich vor allem in sozialen Medien bilden und weltweit vernetzen.
     

  • Virtuelle und lokale Szenen können nebeneinander existieren, ohne dass personelle Überschneidungen existieren.
     

  • Bei der Betrachtung von Szenen sollten übergreifende Zusammenhänge und vorhandene, aber noch nicht sichtbare Unterstützungspotenziale berücksichtigt werden.

Prof. Dr. Matthias Quent, April 2022. Der Autor ist Professor für Soziologie an der Hochschule Magdeburg-Stendal.  

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