Organisation und Struktur

Islamistische Gruppierungen haben in Brandenburg bislang noch keine feste Struktur aufbauen können, versuchen aber, ihren Einfluss auf muslimische Gemeinden auszuweiten.

Islamistische Organisationen
© Gregory Gilbert-Lodge

Islamistische Gruppierungen haben bislang noch keine starke Struktur in Brandenburg aufbauen können. Die meisten der in Brandenburg lebenden 30.000 bis 35.000 Muslime kamen ab 2015 als Geflüchtete aus unterschiedlichen Herkunftsländern, zum Beispiel aus Syrien, Afghanistan und Nordkaukasier aus der Russischen Föderation.

Die überwältigende Mehrheit der brandenburgischen Muslime lebt als gesetzestreue Mitbürgerinnen und Mitbürger im Land. Ihre Gemeinden sind kaum organisiert. Zusätzlich zu den wenigen bereits existierenden muslimischen Vereinen und Gebetsräumen gibt es mittlerweile auch Versuche der Selbstorganisation durch muslimische Geflüchtete.

Lesetipp

Insgesamt kann man in diesem Zusammenhang aber von einer Strukturschwäche unter den muslimischen Gemeinden sprechen, da sich viele der Gebetsräume und Vereine entweder noch in der Gründungs- beziehungsweise Festigungsphase befinden, es zu Ausdifferenzierungsprozessen innerhalb der Gemeinden kommt, viele von ihnen Finanzierungsprobleme haben oder durch die Abwesenheit eines qualifizierten Imams meist auf ehrenamtliche Laienprediger aus den eigenen Reihen zurückgreifen müssen.

Diese Bedingungen begünstigen Versuche von Islamistinnen und Islamisten, ihren Einfluss auszuweiten. In der Vergangenheit wurden mehrfach Bestrebungen legalistischer und salafistischer Akteure bekannt, muslimische Gemeinden zu erreichen oder die Kontrolle über sie zu gewinnen. Trotz der Strukturschwäche der muslimischen Gemeinden lehnten mehrere von ihnen finanzielle Unterstützungsangebote von islamistischen Organisationen ab und behaupteten sich in internen Machtkämpfen gegen islamistische Personenkreise.

Die islamistische Szene
© Gregory Gilbert-Lodge
Die islamistische Szene in Brandenburg

In Brandenburg leben rund 30.000 bis 35.000 Musliminnen und Muslime. Die islamistische Szene macht einen Bruchteil darin aus, sie versucht aber größer zu werden. Im Fokus islamistischer Anwerbeversuche stehen hilfsbedürftige Geflüchtete.

Da derartige Übernahmeversuche bislang nicht zu einer dauerhaften Machtübernahme einer Gemeinde führten, konzentrieren sich islamistische Aktivitäten meist entweder auf Gebets- oder Lernzirkel in Privaträumen oder sie weichen auf Standorte außerhalb Brandenburgs aus, allen voran Berlin. Umgekehrt versuchen auch weiterhin islamistische Privatpersonen und Prediger - meist aus Berlin - ihre Ideologie in den brandenburgischen muslimischen Gemeinden zu verbreiten.

Dies gilt auch für die 160 in Brandenburg lebenden Salafistinnen und Salafisten. Zwar ist die Zahl der Salafisten in Brandenburg in den vergangenen Jahren leicht angestiegen und an einigen Standorten versuchen einzelne Salafisten, ihre Ideologie unter anderen Gemeindemitgliedern zu verbreiten, jedoch konnten sich salafistische Strukturen in Brandenburg bislang nicht verfestigen, so dass einschlägig bekannte salafistische Prediger aus anderen Bundesländern vor Ort kaum in Erscheinung traten. Die Mehrheit der Salafisten orientiert sich weiterhin stark nach Berlin, wo salafistische Akteure stärker vertreten und teilweise in Vereinsstrukturen organisiert sind sowie über eigene Räumlichkeiten verfügen.

Faktenbox

  • Islamistische Gruppierungen haben in Brandenburg bislang noch keine feste Struktur aufbauen können, versuchen aber, ihren Einfluss auf muslimische Gemeinden auszuweiten.
     
  • Die sogenannte „Islamistische nordkaukasische Szene“ versucht in Brandenburg, vor allem junge Tschetschenen für sich zu gewinnen.
     
  • Die Glaubensgemeinschaft der sogenannten „Tablighi Jama'at" (TJ) versucht von Rathenow aus, vor allem Jugendliche und Geflüchtete aus Afghanistan an sich zu binden.
     
  • Die meisten islamistischen Akteurinnen und Akteure aus Brandenburg orientieren sich gegenwärtig noch nach Berlin, wo die islamistischen Strukturen gefestigter sind.

Etwa 70 der 160 in Brandenburg lebenden Personen werden der sogenannten „Islamistischen Nordkaukasischen Szene“ (INS) zugerechnet, die sich in einigen Punkten stark von anderen salafistischen Zusammenschlüssen unterscheidet. So haben einige ihre Mitglieder in den vergangenen Jahrzehnten Kampferfahrung im Ausland gesammelt und/oder unterhalten Verbindungen zur Organisierten Kriminalität. Teile dieser Szene bekennen sich zu terroristischen Organisationen wie dem „Islamischen Staat“. Auch hier bestehen zwar keine gefestigten Strukturen oder gar regelmäßige Treffpunkte und die Mitglieder dieser Szene gehen laut unseres Wissens äußerst konspirativ vor, jedoch wendet sich eine wachsende Zahl an jüngeren Tschetschenen zunehmend der salafistischen Ideologie zu.

Die Gründe für diese Entwicklung sind komplex und unter anderem mit dem Einfluss von mehreren tschetschenisch-sprachigen salafistischen „Influencern“ auf Messengerdiensten und in Sozialen Medien sowie dem prekären Aufenthaltsstatus vieler tschetschenischer Familien und ihrer daraus resultierenden Perspektivlosigkeit zu erklären.

Auch legalistische Akteure aus umliegenden Bundesländern versuchen immer wieder, ihre Ideologie unter Muslimen in Brandenburg zu verbreiten. Die international vernetzte „Muslimbruderschaft“ und die Dachorganisation „Deutsche Muslimische Gemeinschaft e.V.“ (DMG), die laut deutscher Sicherheitsbehörden ihre wichtigste Repräsentanz in der Bundesrepublik hat, ist bei ihren Einflussbestrebungen besonders aktiv.

Islamistische Symbole
© Gregory Gilbert-Lodge
Symbole und Erkennungszeichen

"Salafistenbart" und Vollverschleierung: Eine eindeutige Zuordnung einer Person zum Islamismus auf Grundlage vermeintlicher äußerlicher Erkennungszeichen ist für Außenstehende kaum möglich und kann falsche Fremdzuschreibungen erzeugen.

Zwar verfügt die DMG selbst über keine Gebetsräume in Brandenburg, jedoch haben der Muslimbruderschaft nahestehende Organisationen und Netzwerke versucht, sich hier zu verankern. Das bekannteste Beispiel dafür ist der Aufbau eines Gebetsraums durch die legalistische „Sächsische Begegnungsstätte“ (SBS) in Brandenburg an der Havel im Jahr 2017. Mittlerweile hat sich die SBS aufgelöst und ist nicht mehr in Brandenburg aktiv, sodass der Gebetsraum in Brandenburg an der Havel von in der Stadt lebenden Muslimen betrieben werden kann.

Seit spätestens 2020 ist neben der Muslimbruderschaft (DMG) mit der Glaubensgemeinschaft der sogenannten „Tablighi Jama'at" (TJ) erstmals ein zweiter legalistischer Akteur in Erscheinung getreten. In Rathenow versucht ein aus wenigen Personen bestehender Zusammenschluss aus TJ-Mitgliedern durch intensive Missionierungsaktivitäten und dem Organisieren von gemeinschaftlichen Gebeten Einfluss unter den ortsansässigen Muslimen zu gewinnen. Insbesondere nach der Schließung des vor Ort existierenden muslimischen Gebetsraums versuchen sich die TJ-Mitglieder als lokale religiöse Autorität und als Ansprechpartner besonders für Jugendliche und Geflüchtete aus Afghanistan zu präsentieren.

Die Rathenower TJ-Mitglieder sind den Sicherheitsbehörden zufolge an überregionale Netzwerke der Bewegung angebunden, in denen regionale Führungszirkel die Missionierungsaktivitäten koordinieren.

Caspar Schliephack, Dr. Yunus Yaldiz, Fachstelle Islam im Land Brandenburg, Juli 2022 

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