Ausstellungseröffnung

6. März 2012

Fotos: Stefan Gloede

Grußwort zur Eröffnung der Albrecht-Schönherr-Ausstellung
 

Sehr geehrte Annemarie Schönherr, liebe Mitglieder der inzwischen weitverzweigten Familie Schönherr!

Sehr geehrter Herr Dr. Heise!

Liebe Martina Weyrauch!

Als Student der Theologie stieß ich im Rahmen einer Seminararbeit im Fach Kirchengeschichte auf die bemerkenswerte Existenz der Bekennenden Kirche in Potsdam und ihre Auseinandersetzungen mit der nationalsozialistischen Ideologie. Dabei fiel mir der Name eines jungen Vikars auf, der im Jahre 1933 erste Erfahrungen im Pfarrdienst sammelte. Er tat dies in der am Potsdamer Pfingstberg gelegenen Kaiserin-Auguste-Viktoria-Gedächtniskirchengemeinde .

Martin Vogel

Oberkonsistorialrat Martin Vogel

Als ich die Ergebnisse meiner Seminararbeit im Oktober 1995 im Rahmen eines Gemeindeseminars vorstellen konnte, nahm der damals 84jährige Albrecht Schönherr teil und bereicherte unsere Veranstaltung durch seine persönlichen Erinnerungen. Er tat dies in sehr prägnanter und eindrücklicher Weise.

Ein paar Jahre später fiel mir ein Brief Albrecht Schönherrs an Walter Ulbricht aus dem Mai 1968 in die Hände. In diesem Schreiben protestierte der Generalsuperintendent und Verwalter des Bischofsamtes gegen die geplante Sprengung der wiederaufbaufähigen Garnisonkirche in Potsdam.

Diese zwei auf Potsdam bezogenen Bezüge erwähne ich, weil sie beispielhaft zeigen, dass Albrecht Schönherr Spuren der Freiheit und der Glaubensgewissheit in schweren Zeiten hinerlassen hat. Der Schüler Dietrich Bonhoeffers war Vikar in Potsdam, Pfarrer im uckermärkischen Brüssow, prägende Persönlichkeit in unterschiedlichen Rollen in Brandenburg an der Havel, Generalsuperintendent in Eberswalde und schließlich Bischof sowie Vorsitzender der Konferenz der Kirchenleitungen in der ehemaligen DDR mit Dienstsitz in Berlin.

War die Kirchenpolitik der Sowjetischen Militäradministration in Deutschland in der unmittelbaren Nachkriegszeit aus taktischen Gründen vorerst von einer gewissen Toleranz geprägt, so kühlte sich das Verhältnis Anfang der fünfziger Jahre ab. Die SED arbeitete intensiv daran, den Einfluss der Kirchen zurückzudrängen. Erst in den siebziger Jahren nahm der Druck auf die Kirchen ein wenig ab. Nach Unterzeichung der Schlussakte der KSZE in Helsinki sowie dem Spitzentreffen vom 6. März 1978 zwischen Erich Honecker und Albrecht Schönherr gab es Tendenzen, die Kirchen als gesellschaftlichen Partner zu dulden.

Albrecht Schönherr wurde später auf das Kürzel „Kirche im Sozialismus“ festgelegt und dafür kritisiert. Dass er beim Spitzengespräch mit der DDR-Führung am 6. März 1978 folgende treffende Worte fand, wird seltener erwähnt. Bischof Schönherr sagte: Das Verhältnis von Staat und Kirche ist so gut, wie es der einzelne Bürger in seiner gesellschaftlichen Situation vor Ort erfährt. 

Diese Ausstellungseröffnung ist ein Erinnern für die Zukunft. Sie gibt uns Vergewisserung über das, was war. Sie beschreibt den aufrechten Gang und die Gratwanderungen eines Christenmenschen und sie fragt uns, wo wir heute stehen. Vielleicht arbeitet sie bei uns heraus, welche Gratwanderungen wir durchschreiten. 

Albrecht Schönherr hat 1990 im gerade wiedervereinigten Deutschland an Worte erinnert, die Dietrich Bonhoeffer nach zehn Jahren brutaler Naziherrschaft notierte:


Da die Zeit das kostbarste, weil unwiederbringlichste Gut ist, über das wir verfügen, beunruhigt uns bei jedem Rückblick der Gedanke etwa verlorener Zeit. Verloren wäre die Zeit, in der wir nicht als Menschen gelebt, Erfahrungen gemacht, gelernt, geschaffen, genossen und gelitten hätten. Verlorene Zeit ist unausgefüllte, leere Zeit. Das sind die vergangenen Jahre gewiss nicht gewesen, Vieles, Unermessliches haben wir verloren, aber die Zeit war nicht verloren. Zwar sind gewonnene Erkenntnisse und Erfahrungen, deren man sich nachträglich bewusst wird, nur Abstraktionen vom Eigentlichen, vom gelebten Leben selbst. Aber wie Vergessenkönnen wohl eine Gnade ist, so gehört doch das Gedächtnis, das Wiederholen empfangener Lehren, zum verantwortlichen Leben.

Aber die Zeit war nicht verloren!


Dieses Bekenntnis hat Albrecht Schönherr über sein ganzes Leben gesetzt. Ein Satz größter Dankbarkeit, in den ich heute von Herzen einstimme.

Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit.


OKR Martin Vogel
Evangelische Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz
 

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Kommentare

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Unbestritten sind die Verdienste von Bischof Schönherr bei der Bekennenden Kirche im Dritten Reich.

Mein Vater war zu DDR-Zeiten Direktor einer großen Diakonischen Einrichtung und da mußte ich auch die andere Seite des Bischofs kennenlernen.

Aus christlicher Überzeugung habe ich keine Jugendweihe und keinen NVA-Wehrdienst geleistet. Und Sie können glauben, dass ich als junger Mensch durch meine Entscheidung genug gelitten habe und meinem beruflichen Weg massiv Steine in den Weg gelegt wurden.

Es ist allgemein bekannt, dass Bischof Schönherr der "Rote Bischof" genannt wurde. Warum hat unsere Familie erfahren. Da man ihm im Konsistorium loswerden wollte, hat man Herrn Pastor Joachim Manz als geschäftsführenden Direktor dieser Einrichtung eingesetzt und diese Stelle neu geschaffen. Jedem war bewußt, dass dieser Pastor für die DDR-Staatssicherheit arbeitete. Hilferufe meines Vaters blieben durch Albrecht Schönherr ungehört, dem drohenden Niedergang dieser Einrichtung wurde tatenlos zugesehen. Mein Vater ist daran jämmerlich gestorben.

Oder denken wir an den "Dorfpfarrer" von Wilhelmshorst, welcher in sämtliche Gremien -rein zufällig- gewählt wurde. In Rolf-Dieter Günther`s lebenslauf ist heute offiziell "Stasi-IM" zu lesen.

Von Manfred Stolpe und seinen "Entlastungszeugen" ( sechs von acht waren IM) ganz zu schweigen.......

"Kirche im Sozialismus" mußte ich leider so erfahren.

Schön, dass die Debatte in Gang kommt. Genau auf diese Ambivalenz zielt die Ausstellung über das Leben Albrecht Schönherrs. Kommen Sie vorbei, schauen Sie sich die Ausstellung an... Wer darüber hinaus noch Lust hat, am Gedankenaustausch, sei ganz herzlich zu unserer Veranstaltung: Kirche für wen? am 14. Juni 2012 um 18.00 Uhr eingeladen...

http://www.politische-bildung-brandenburg.de/veranstaltungen/kirche-f%C3%BCr-wen

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