„Die Zeit der Untersuchungshaft in der Lindenstraße war das Unmenschlichste, was man sich vorstellen kann,“ sagt der Schauspieler Jochen Stern (geb. 1928). Ihn hatte der sowjetische Geheimdienst 1947 als politischen Gegner festgenommen und im Potsdamer Gefängnis Lindenstraße inhaftiert. Das Schicksal von Jochen Stern ist eines von Tausenden Menschen, die nach 1945 in der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ) Opfer der Errichtung einer neuen Diktatur stalinistischer Prägung wurden. Die neue Sonderausstellung „Das graue Elend von Potsdam“ nimmt ab dem 26. September 2025 genau jene sowjetische Nutzungsphase des Justiz- und Haftortes Lindenstraße in den Blick.
Gefängnis Lindenstraße im Oktober 1949 © Potsdam Museum, Foto Gerhard Hillmer
Vor 80 Jahren beschlagnahmte der sowjetische Geheimdienst das Areal in der Lindenstraße. Es wurde anschließend sowohl für die Durchführung der Entnazifizierung als auch im Kontext der sowjetischen Herrschaftssicherung als überregionales Sammel-, Untersuchungs- und Durchgangsgefängnis sowie als Sitzungsort Sowjetischer Militärtribunale verwendet.
In neuesten Forschungen konnte die Stiftung Gedenkstätte Lindenstraße erstmals für den Zeitraum von 1945 bis Januar 1950 insgesamt 1.860 Personen als Inhaftierte identifizieren. Darunter befanden sich 224 Frauen (12 Prozent), 109 Jugendliche unter 18 Jahren (6 Prozent) sowie 333 Personen (18 Prozent) aus über 15 Nationen Europas. Insgesamt waren bis zur Übergabe des Gebäudekomplexes an das Ministerium für Staatssicherheit der DDR im Sommer 1952 mehr als 2.000 Menschen unter katastrophalen Bedingungen inhaftiert. Diese Erkenntnisse verdeutlichen die Dimensionen des sowjetischen Haft- und Tribunalorts in der Potsdamer Innenstadt und dessen internationale Bezüge.
Basierend auf den Forschungen präsentiert die Ausstellung exemplarisch 26 Biografien von Inhaftierten und Verurteilten. Sie wurden entweder als NS- oder Kriegsverbrecher verhaftet, wie beispielsweise der hochrangige Bankier Ferdinand Niedermeyer (1874–1947), der während des Zweiten Weltkriegs im von der Wehrmacht besetzten Frankreich die „Arisierung“ jüdischer Unternehmen verantwortete, oder der Babelsberger SA-Angehörige Paul Boese, der wegen Misshandlung sowjetischer Bürger verhaftet wurde. Neben den Fällen im Rahmen der Entnazifizierung werden aber auch zahlreiche Schicksale von Männern und Frauen präsentiert, die als politische Gegner im Zuge der Herrschaftsdurchsetzung festgenommen wurden. Dazu gehört beispielsweise der Spremberger Sozialdemokrat Ernst Tschickert, der bereits in der NS-Diktatur zehn Jahre in verschiedenen Gefängnissen und KZ inhaftiert gewesen war und 1949 vom sowjetischen Geheimdienst verhaftet und wegen Spionage verurteilt wurde. Tschickert starb 1951 im sibirischen Strafarbeitslager Taischet.
Erstmals nimmt die Stiftung mit dieser Ausstellung auch das Personal des in Potsdam tätigen sowjetischen Geheimdienstes in den Blick, unter anderem den langjährigen Leiter der Ermittlungsabteilung Iwan Siwakow (1917–unbek.), über dessen Gewaltausbrüche während der Verhöre in der Lindenstraße etliche Überlebende in ihren Erinnerungen berichteten. Die Schau präsentiert zahlreiche, bisher nicht gezeigte Objekte, die in den letzten Jahren neu in die Sammlung der Stiftung aufgenommen wurden und einige Exponate aus Privatbesitz sowie etwa 100 zum Teil bisher unveröffentlichte Fotos und Dokumente.
Die neue Sonderausstellung erweitert den bisher bekannten Wissensstand über den Haft- und Tribunalort Lindenstraße um ein Vielfaches und dennoch bleiben mangels entsprechender Quellen weiterhin Leerstellen und ungeklärte Fragen für kommende Forschungs- und Ausstellungsprojekte.
Zur Ausstellung erscheint ein begleitender Katalog. Die Stiftung bietet in Kooperation mit verschiedenen Partnern ein umfangreiches Begleitprogramm, unter anderem mit Zeitzeugengespräch, Lesungen, Vorträgen und Filmvorführung sowie einer Führung auf dem Gelände der Villa Ingenheim (heute vom ZMSBw genutzt), wo sich von 1945 bis 1952 der Sitz des Sowjetischen Geheimdienstes NKWD/MGB befand.
Die Ausstellung wird gefördert von der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur und dem Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kultur (MWFK) des Landes Brandenburg.
Eröffnungswochenende
Zum Eröffnungswochenende findet am 27. September um 11 Uhr ein Zeitzeugengespräch mit Jochen Stern, der 1947/48 im Gefängnis Lindenstraße inhaftiert war, statt. Um 14 Uhr gibt die Kuratorin und Gedenkstättenleiterin Maria Schultz vertiefende Einblicke in die Ausstellung. Am 28. September um 15 Uhr wird eine Dialogführung mit Maria Schultz und Stefan Krikowski, Vorsitzender der Lagergemeinschaft Workuta/GULag Sowjetunion, veranstaltet. (Anmeldung zu den Veranstaltungen unter info[at]gedenkstaette-lindenstrasse.de)
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