Die Poesie des Augenblicks

Barbara von Oppen, eine aparte Frau, die jünger aussieht als 67, ist jetzt genau in dem Alter, über das in der aktuellen Rentendebatte so heftig diskutiert wird. Nein, ein Vorruhestand wäre für sie nicht in Frage gekommen, aber jetzt denkt sie doch daran, in Zukunft etwas weniger zu arbeiten und nachzuholen, was in den letzten Jahren zu kurz kam.

Matthias und Barbara von Oppen

Matthias und Barbara von Oppen. Foto: Oliver Mark

Dass sie eines Tages Landwirtin sein würde, war ihr nicht in die Wiege gelegt worden. Als Mädchen und einziges Kind ihrer Eltern war sie als Erbin nicht vorgesehen. Gutsherr war der Großvater Detlev von Arnim, der in dem 1847 erbauten Schloss Kröchlendorff lebte und den 4.000-Hektar-Besitz, zu dem auch Wald und der Kuhzer See gehörten, bewirtschaftete. Die Familiengeschichte der von Arnims, die seit dem 15. Jahrhundert in der Uckermark ansässig waren, wurde durch Erzählungen, Fotografien und Bilder weitergegeben. Eigene Erinnerungen an Kröchlendorff kann die im letzten Kriegssommer geborene Barbara von Arnim nicht haben.

Nur ein Mal besucht Barbara von Oppen zu DDR-Zeiten Kröchlendorff. Und glaubt, damit für sich einen Schlusspunkt zu setzen. Noch heute erinnert sie sich genau und nicht ohne Erschütterung an diese Reise, die sie mit ihrem Mann, den Kindern und den Eltern unternimmt. Es ist der Spätsommer 1987 zur Erntezeit. Es regnet, die Mähdrescher auf den Feldern kommen nicht weiter. Ihr Vater, sonst wortkarg und verschlossen, geht zu den Leuten und spricht mit ihnen. Beim Anblick des Schlosses, des kaputten Hofes und der verfallenen Gebäude sieht sie ihren Vater zum ersten und einzigen Mal weinen. Später dann auf der Rückfahrt sagt er seiner Tochter, dass es jetzt gut sei und er einen Strich machen und das Kapitel Kröchlendorff beenden könne.

Sommer in der Uckermark. Foto: Oliver Mark

Sommer in der Uckermark. Foto: Oliver Mark

Pfingsten 1993 erlebt sie ihre persönliche Wende. Genau erinnert sie sich an den Moment, der ihr die Entscheidung leicht gemacht hat. Auf einer Anhöhe stehend sieht sie die Sonne aufgehen. Unter ihr liegt das Dorf. Sie lauscht dem Wind und hört frühe Nachtigallen schlagen. Und plötzlich schimmert das wogende Gerstenfeld in der Morgensonne wie ein Teich, silbern und geheimnisvoll. Sie erlebt einen fast mystischen Moment und die sonst so nüchterne Frau lässt sich von der Poesie des Augenblicks überwältigen. Plötzlich weiß sie, dass sie bleiben will. "Meinem Mann habe ich dann gesagt: Ich mach das. Irgendwie kriege ich das hin.“

Nein, mit offenen Armen werden sie nicht empfangen, bestenfalls mit abwartender Neugierde. Die Stimmung wandelt sich erst, als Barbara von Oppen beschließt zu bleiben. Sie zieht um, die Tochter geht in Prenzlau zur Schule. Dass auch sie selbst noch einmal eine Ausbildung macht, nötigt den neuen Nachbarn im Dorf Respekt ab. Und wohl auch, dass sie, ebenso wie viele andere Ostdeutsche, eine Wochenend-Ehe führt. Elf Jahre pendelt ihr Mann alle zwei Wochen zwischen Stuttgart und Brandenburg. Es spricht für die beiden, dass ihre Partnerschaft dieser Belastung standhält.

Eines aber sind die Brandenburger: geradlinig und ohne Schnörkel. Man weiß sofort, woran man ist“

Früher interessierte sich Barbara von Oppen nicht für Politik. Doch seit sie hier lebt, ist das anders. Sie ist nicht nur Landwirtin und verantwortlich für einen Betrieb von 500 Hektar, sondern wird auch zur Gemeindevertreterin gewählt und engagiert sich in der Kirche. Sie mischt sich ein, organisiert Weihnachtsfeste und Osterfeiern für die Dorfgemeinschaft,

weil hier ein Ort ist, der mich etwas angeht, der mit mir zu tun hat und für den ich mich verantwortlich fühle.“

Das ist neu für sie. Sie sagt auch: „Wenn es nur mein Mann gewesen wäre, der sein Land zurückhaben wollte, dann weiß ich nicht, ob ich auch hierher gegangen wäre. Doch jetzt interessiert mich die Geschichte meiner Vorfahren, jetzt lese ich sogar die Familienchronik.“ Sie überlegt kurz, bevor sie ihr persönliches Resümee zieht: „Inzwischen bin ich eine echte Uckermärkerin geworden.“

Auch für Matthias von Oppen schließt sich ein Kreis. Hier in der Uckermark entdeckt er Bilder und Gerüche aus Kindertagen wieder, die bei ihm längst vergessene Empfindungen auslösen. Er mag das schräg fallende Licht am Abend und den ersten Nebel im Herbst. Er liebt den Geruch feuchter Erde nach einem Sommerregen und erinnert sich an den herb-süßen Duft von Holunderbeeren, der lange und schwer in der Küche hing, wenn die Mutter Saft daraus machte. Es sind frühe Erinnerungen an Geborgenheit und Wärme. Als Kind galt er als schwer erziehbar, war jähzornig und Pyromane. Er ist fest davon überzeugt, dass die traumatischen Ereignisse von Kriegsende und Vertreibung die Ursache dafür gewesen sind. Die Bilder haben ihn bis heute nicht verlassen. Nach der Plünderung und Verwüstung wurde das Gut seiner Familie niedergebrannt. „Da lagen sie, die verbrannten Ochsen im Stall, noch angekettet.“ Er war fünf damals und kann den Anblick bis heute nicht vergessen.

Die persönliche Bilanz des Paares ist zwanzig Jahre nach der deutschen Einheit durchaus positiv. Für das gesamte Land Brandenburg könnte sie noch positiver sein. Matthias von Oppen schätzt, dass weniger als zehn Prozent der früheren Gutsbesitzer zurück gekehrt sind und von denen die Hälfte auch wieder aufgegeben hat. "Die Politik hätte bessere Bedingungen schaffen müssen“, sagt er und erinnert an die Situation von 1945: „Die Enteignungen in der SBZ betrafen alle Betriebe, die mehr als 100 Hektar besaßen. Vor 20 Jahren wäre es ein politisches Signal der Vernunft gewesen, wenn bei ihrer Rückkehr die Altbesitzer 100 Hektar Land zurückbekommen hätten. Fürs Erste hätte das genügt, um ein Gutshaus zu erhalten. Die Leute hätten ihr Geld mitgebracht, Mitarbeiter angestellt, Maschinen angeschafft.“ Oppen, dessen Beruf es war, ökonomisch sinnvolle Lösungen zu finden, schüttelt den Kopf.

Nein, politisch war dieser Weg von der Kohl-Regierung nicht gewünscht. Die wollten im Osten nur die Wahl gewinnen. Es ist schade, welche Energie damit verloren gegangen ist.“

Der Agrarökonom ist davon überzeugt, dass es besser gewesen wäre, wenn in diesem gewaltigen Umverteilungsprozess nicht das Finanzministerium, sondern das Wirtschaftsministerium die entscheidende Rolle gespielt hätte.

Auszüge aus dem Begleitbuch zur Ausstellung: Heimat verpflichtet

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