Satirische Dolmetscher

Eine schöne Zeit für Karikaturisten, diese schlimme Zeit mit Krieg und Vertreibung. Oder doch nicht? „Vom Objekt des Geschehens verwandle ich mich zum Subjekt – auf dem Papier“, hat Barbara Henniger einmal geschrieben. Satirische Zeichner sind Moralisten, aber sie zeigen uns ihr Leider an der Zeit nicht.

Stattdessen bieten sie eine häufig unter Schmerzen geborene Pointe. Das ist die Leichtigkeit des Seins der Karikaturisten. So wenn Klaus Stuttmann eine „Menschenkette für den Frieden“ zeichnet: An den Händen halten sich Schröder, Fischer, Westerwelle und Schäuble, hinter ihnen ein schussbereiter Starfighter.

Barbara Henniger und Klaus Stuttmann nehmen die Dinge beim Wort und sie entlarven durch dieses wörtlich Nehmen die häufige Phrasenhaftigkeit von Politik.

Barbara Henniger hat es auf den Punkt gebracht, als sie zwei Menschengruppen, Berliner (Ost) und Berliner (West) aufs Papier brachte, die sich Rücken an Rücken gegenüberstehen und keine Notiz voneinander nehmen.

Zwischen ihnen ein breiter Streifen, auf dem eine Touristengruppe steht, der gerade durch eine Reiseleiterin erklärt wird: „Und hier sehen Sie die Grenze, die die Menschen früher getrennt hat“. Besser kann man die momentane Situation der beiden Teile Deutschlands nicht beschreiben. Und bitterer auch nicht.

Die Sächsin Henniger und der Schwabe Stuttmann haben bis zum Mauerfall „Ihr’s“ in den jeweiligen deutschen Teilstaaten gemacht. Ihre Karikaturen waren keine „Waffen im Klassenkampf“.

Henniger spießte die Pleiten des alltäglichen Sozialismus in der DDR auf, während Stuttmann die kapitalistischen Verhältnisse aufs Korn nahm. Diese unbequeme, authentische Auseinandersetzung mit dem jeweils Eigenen hat ihren Blick für das heutige Fremde geschärft, das noch längst nicht zum Bekannten und Vertrauten geworden ist.

Henniger und Stuttmann sind Dolmetscher im vereinten Deutschland. Es gilt das beim Wort genommene Wort, bis es richtig weh tut. Beide Zeichner haben ihr Handwerk beim Journalismus gelernt, Barbara Henniger als ständige Mitarbeiterin des „Eulenspiegels“, Klaus Stuttmann unter anderem als Zeichner beim „Freitag“ und beim „Tagesspiegel“.

Jede Woche schickt er dem „Freitag“ kurz vor Redaktionsschluss per Fax drei böse Angebote. Die Entscheidung fällt jedesmal schwer.

Dass Barbara Henniger und ihr analytischer Blick auf die aktuellen Probleme keiner Berliner Tageszeitung größere Beachtung wert scheinen, ist leider nicht witzig, sondern nur lächerlich.

Aber wer in der DDR unangepasst war, wird auch heute oft als störend empfunden.

Ausstellungen wie diese sind vielleicht ein WENDEPUNKT in der ganz normalen Ignoranz, zu der einem manchmal nichts mehr einfällt.


Detlev Lücke



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